Sam Feuerbach, Mira Valentin und Greg Walters sind drei deutsche Fantasyautoren, die jeder einzeln High Fantasy und historische Fantasy veröffentlichen, anfangs im Selfpublishing, inzwischen auch bei Verlagen wie Fischer Tor. Sie bilden einen Autorenvereinigung, die Weltenbauer3. “Schattenstaub” ist ihre erste gemeinsame Veröffentlichung. Laut Klappentext geht es um eine schwere Prüfung, die von drei Helden zur Rettung der Welt absolviert werden muss.
Sie waren umzingelt.
Fängt schon mal gut an. Ein einzelner Satz, eine Frage (Wer sind “sie”?) und sehr viel Konflikt. Der Rückbezug auf das Wissen des Lesers (aus Klappentext und Cover) ist notwendig für diesen Satz, aber er funktioniert, weil er eine klar vorstellbare Situation beschreibt, die Gefahr bedeutet. Umzingelt ist man normalerweise nicht von Freunden.
Von überallher hüllte die Dunkelheit sie ein, griff mit Fingern aus Zwielicht nach ihnen und verschlang alles Leben.
Okay, und es geht spannend weiter, es sind nicht Lebewesen, die sie umzingeln, sondern Dunkelheit. Und diese Dunkelheit lebt, sie hat Finger und sie verschlingt, sehr anschaulich.
Ein leiser Tod, grausamer als jeder Schwerthieb.
Vergleich der Bedrohung mit einer, die sich der Leser vorstellen kann. Information verpackt als Setting.
Denn wer in den Schattenstaub geriet, der starb nicht einfach – vielmehr wanderte dessen Seele für alle Zeiten durch die Finsternis.
Damit sind die Gefahr, das Setting und der Konflikt etabliert.
Tatsächlich handelt es sich bei diesem ersten Kapitel namens “Schattenstaub” um eine Art Prolog, denn das nächste Kapitel heißt “Vom Regen in die Traufe”und beginnt mit:
Sechs Jahre später Marl roch das Ei, ehe er es sah.
“Vom Regen in die Traufe” ist ein ganz anderer Tonfall als “Schattenstaub”, allgemein klingt der Prolog viel ernster, “ewige Finsternis”, “Ende allen Lebens”, “grausamer Tod” und so weiter. “Vom Regen in die Traufe” klingt eher nach einem Missgeschick, ärgerlich aber nicht gefährlich. Der erste Satz, “Marl roch das Ei”, versprüht auch nicht gerade Bedrohung, es sei denn, es handelt sich um ein faules Ei, und genau das ist der Fall. Marl ist, wie sich herausstellt, auf dem Weg zu seiner Hinrichtung und wird mit einem faulen Ei beworfen.
Damit hätten wir ein wesentliches Merkmal der Texte dieser drei Autoren gefunden: Abwechslung. Klarheit und Abwechslung. Man versteht, worum es geht, und der Text bewegt sich hin und her, zwischen Ernst und Spaß, zwischen langen und kurzen Sätzen, zwischen konkret und abstrakt, zwischen szenisch und informativ. Das ist ein starker Faktor, wenn es darum geht, Leser im Buch zu halten, weil Abwechslung das Gehirn anregt, es wirkt wie ein Dopamingenerator: hoch, runter, hoch, runter. Mehr, mehr. Immer wieder kommt etwas Neues.
Der Roman ist Teil einer Triologie, alle Bände sind bereits erschienen.
Der Roman ist bei rororo erschienen und auf der Leseprobe steht “Drei Generationen, drei Kontinente, ein Geheimnis.” Soweit, so historischer Roman. Insgesamt konnte ich nicht viel zu dem Buch finden, es wurde 2014 veröffentlicht, auf der Homepage des Verlags ist es nicht zu finden, die Buchbeschreibungen bei Amazon sind … nun ja, schlecht.
Schauen wir uns mal den Text an. Er beginnt mit einem Prolog:
Kenia, 1926 Addies Handschuhe waren von Schweiß und rotem Staub beschmutzt.
Okay, wer ist Addie? Ein Mann, eine Frau? Jung, alt? Ein/e Weiße/r, ein PoC? Man weiß es nicht. Es klingt ein bisschen wie ein (minderjähriger) Diener, dessen Besitzer feststellt, dass er sich schmutzig gemacht hat. Befragungen im Bekanntenkreis haben ergeben, dass jeder was anderes reininterpretiert, meist hat es etwas damit zu tun, was er selbst ist (Frauen denken an Frauen, Männer an Männer) und welche literarischen Figuren er oder sie ansprechend findet.
Was sagt uns das? Der Satz ist zu vage formuliert. Addie ist ein geschlechtsneutraler Name, es geht um dreckige Kleidung, Handschuhe trägt man nicht immer, aber es gibt auch keine spezifische Bevölkerungsgruppe, die für ihre Handschuhe bekannt ist. Wüsste man, welche Art von Handschuhen (Leder, Stoff, Spitze, Arbeit), würde das die Auswahl einschränken. So ist es ein Ratespiel und das ist für einen ersten Satz immer schlecht. Er soll Fragen wecken, ja, aber auch welche beantworten. Er soll dem Leser vor allem die richtige Vorstellung vermitteln, was auf ihn zukommt. 80 % meiner Versuchspersonen dachten an die falsche Person.
Es wird dann relativ schnell geklärt, wer Addie ist (eine junge Frau, die Handschuhe sind Teil eines teuren und recht chicken, aber für Kenia offenbar unpraktischen Kleiderensembles), aber der Text zieht sich so hin. Und das liegt daran, dass die falschen Fragen offengelassen werden. Der Leser muss sich Fragen stellen, das macht die Spannung aus, aber er sollte schon auch die richtigen Fragen stellen. Wenn ich den ersten Satz lese und denke: Mein Gott, jetzt lass doch das arme Kind in Ruhe, es musste schon den ganzen Tag schufften und wer ist dieser unterdrückerische Großgrundbesitzer, der den armen Addie fertigmacht, dann … nun ja, funktioniert der Satz nicht.
Kapitel 1 beginnt so:
New York, 1999 Clemmie rannte unter der Markise hindurch in das Haus, in dem ihre Großmutter wohnte, und beantwortete den Gruß des Portiers mit einem kurzatmigen “Hallo”.
Die Autorin scheint eine Vorliebe für uneindeutige Vornamen zu haben. Clemmie klingt wenigstens noch halbwegs weiblich, es ist das Haus ihrer Großmutter. Tatsächlich heißt sie aber Clementine und Addie aus dem Prolog Adeline Gillecote-Ashford. Das ist ein Name. Warum fängt man nicht damit an?
Zurück zum ersten Kapitel: Man erfährt, dass das Haus eine Markise und einen Portier hat, okay, Portier bedeutet Reichtum oder zumindest Wohlsituiertheit. Clemmie ist außer Atem, man fragt sich warum, aber da der Name so kindlich klingt, könnte sie auch einfach nur ein rennendes Kind sein.
Was fehlt, ist Mikrospannung. Irgendeine Andeutung von Konflikt, und sei es nur ein situativer. Zum Beispiel:
Clementine schaffte es bis unter die Markise, als der Portier sie dann doch entdeckte. Er würde ihrer Großmutter davon erzählen. Scheiße, dachte sie, während sie in der Hitze zu Atem zu kommen versuchte.
Der Gegensatz zwischen dem recht gesetzt klingenden Namen Clementine und dem Rumrennen erzeugt Spannung, die Andeutung, dass sie das nicht sollte, noch mehr. Man fragt sich, ob sie nicht vielleicht etwas zu alt zum Rumrennen ist. Und warum die Großmutter was dagegen hat. Vielleicht weil sie Geld haben und man sich da eben nicht so benimmt?
Keine Ahnung, ob das was mit der Romanhandlung zu tun hat, aber es hat Konflikt. Und damit Spannung.
Bei diesem Roman habe ich auf der Leipziger Buchmesse ewig am Stand gesessen und gelesen. Er beginnt mit einem Obdachlosen, dem seine Sachen …
Stopp. Der Reihe nach. Also: Ich habe den Roman wegen des schönen Covers in die Hand genommen und wegen dem Klappentext reingelesen. Es geht um ein ungleiches Paar, einen Obdachlosen und eine Journalistin in der Krise, die irgendwie zueinanderfinden. Ein paar Geheimnisse werden angedeutet, vielleicht Liebe, aber vor allem Menschen, die einander helfen. In der Krise, wenn sie nicht mehr allein weiterkommen.
Das spricht ja sicher die meisten an. Erfolgsdruck, Einsamkeit, die Sehnsucht nach Kontakt.
Bohm Seine Sachen waren weg.
Bohm ist der Obdachlose, dieser Anfang sagt uns, dass der Roman aus zwei Perspektiven geschrieben ist, wir also erfahren werden, wie es beiden Beteiligten dieser ungleichen Beziehung geht. Das steigert die Vorfreude.
Und dann dieser Satz: Seine Sachen waren weg. Herzkasper. Oh mein Gott! Schlimme Dinge werden passieren.
Bohm blickte sich um. Das Silber des Mondes brach durch die Wolkendecke und spiegelte sich in einer Pfütze, auf der Eiskristalle ihre Muster zogen. Bohm hasste die Kälte. Und vor allem hasse er die Nässe.
Aber diese schlimmen Dinge werden erst mal nicht beschrieben, im weiteren Verlauf wird die Figur eingeführt, was mit ihren Sachen passiert ist, erfährt man erst ab Seite 2. Es wird die Situation eines Obdachlosen im Winter geschildert, das Setting (Köln zum Karneval), seine Haltung dazu, seine aktuelle Schlafsituation und dann erst stellt sich heraus, dass jemand seine Sachen in den Müll geworfen hat. Ein Bewohner des Hauses, in dessen Fahrradunterstand er übernachtet hat. Dabei ist sein Schlafsack in der Pampe der Biotonne eingeweicht worden (was sehr bildlich beschrieben wird), es wird angedeutet, dass das Absicht war.
Drama perfekt. Auf eine sehr leise Art erzählt, anschaulich, nah an der Figur und sensorisch. Man ist dabei, man spürte stellvertretend Bohms Verzweiflung und seine Hilflosigkeit. Er wird nicht wütend, zumindest wird das nicht beschrieben, und das allein ist schon widersprüchlich genug, um Leser für die Figur zu interessieren. Denn wir als Leser empfinden Wut. Wer macht so was? Das ist unmenschlich, nein, eigentlich ist gehässig. Nur hässliche Personen machen so was. Man kann ja was gegen einen Obdachlosen im Hinterhof haben, aber muss man ihn deswegen dem Kältetod aussetzen? Und noch dazu auf so feige, hinterhältige Art und Weise? Man hat selbst genug, vernichtet aber das wenige, was dieser obdachlose Mensch besitzt?
Da fragt man sich schon, warum Bohm nicht wütend wird. Das ist interessant.
Und all das wird in den ersten Sätzen schon angedeutet. “Seine Sachen waren weg.” → Drama. “Das Silber des Mondes brach durch die Wolkendecke und spiegelte sich in einer Pfütze.” → Atmosphärische Kälte, nicht nur der Umgebung, auch der Figuren selbst. Sie sind von sich selbst entfernt, sich selbst gegenüber kalt. Sie müssen erst aufgewärmt werden.
Dieser Roman hat alles, was eine richtige Romantasy braucht: eine emotionale Widmung (an alle Frauen, die wie ich zu viel waren – das ist für euch!), eine Triggerwarnung, eine Karte, ein Glossar und ein fiktives Zitat zum Kapitelanfang gefolgt von der grafisch verzierten Kapitelnummer (in diesem Fall einer Feder). Der Text beginnt auf Seite 17. Bis man sich da durchgeblättert hat, hat man so richtig die Besonderheit und Bedeutung des Buches vermittelt bekommen: Das hier ist kein gewöhnliches Buch, es ist wie die teuren Schmuckausgaben früher etwas Besonderes, etwas, was zu besitzen ebenfalls besonders ist. Und jetzt schau erst mal noch auf den Inhalt! (Und natürlich hat das Buch einen bedruckten Schnitt und Charakterkarten.)
Die Vorfreude beim Leser steigt. Wie im Klappentext versprochen werden mit Zitat und erstem Kapitel Machtungleichgewicht und Gewalt etabliert, und dann geht es los:
Protektorat Selencia, im Jahr 987 der Ewigen Kriege, Herbst Immer wenn ich an Irielle denke, erinnere ich mich an Spitze.
Was denkt der Leser, wenn er diesen Satz liest? Was sticht heraus?
Klar, die Spitze. Es herrscht Krieg, seit 1000 Jahren, die Provinz Selencia wird von einem gnadenlosen, ungerechten König beherrscht, der nur daran interessiert ist, die Leute auszubeuten. Und dann redet die Perspektivfigur (1. Person, Präsens!) über Spitze. Dieses Symbol für Unschuld, Reichtum und Schönheit.
Schauen wir uns den nächsten Satz an:
An das Spitzenkleid, in dem sie an ihrem Hochzeitstag lebendig verbrannt wurde.
Ich muss sagen, das ist schon geschickt gemacht. Man spürt förmlich, wie der Puls hochgeht. Erster Satz: Spitze, Schönheit, Liebe, Ruhe, Harmonie. Zweiter Satz: Nee, so war das nicht gemeint, die Spitze bedeutet Gewalt, Blut und Tod. Und Spitze & Hochzeit als Symbole von Unschuld und Reinheit, die durch den Dreck gezogen, die zerstört werden.
In zwei Sätzen. Schön etablierter Beginn.
Natürlich kann man sich fragen, wie realistisch das ist. Dass tausend Jahre Krieg herrscht, dass Menschen unterdrückt werden, dass dieselben Menschen dann mit den Unterdrückten eine Liebesbeziehung eingehen (denn das ist es, was der Klappentext verspricht und was man in einem solchen Roman erwartet), dass überhaupt die ganze Psychologie hinter den Figuren, ihr Verhalten realistisch sind.
Hier muss man Folgendes anmerken: Dieser Roman beginnt mit Setting und Handlung. Er schaut nicht in die Figur hinein, obwohl sie in der ersten Person berichtet, erfährt man im Grunde nichts über die Figurenpsychologie. Man vergleiche das mit dieser Besprechung, wo sich der Roman erst mal zwei Kapitel Zeit nimmt, die Figuren zu etablieren.
Hier nicht. Hier geht es direkt in die Vollen, die Verbrennung der spitzentragenden Braut wird beschrieben und auf den folgenden Seiten ihre Auswirkungen auf die Ich-Erzählerin, die genau wie das Setting etwas übertrieben wirken. Als hätte man sich nicht viele Gedanken darüber gemacht, was Trauma wirklich in einem Menschen anrichtet. Es wird vor allem sehr von außen beschrieben, nicht wie in “Solange ein Streichhholz brennt” aus dem Inneren der Figur und ihrer Wahrnehmung heraus. Es hat etwas Holzhammerartiges. Wenn Sie etwas über unterschiedliche Lesererwartungen und Figurendarstellung lernen wollen, lesen Sie die Anfänge dieser beiden Romane, ruhig ein paar Seiten. Hier liegt der Fokus klar auf dem Außen, der Handlung, dem Drumherum.
Moderne Leser der westlichen Hemisphäre haben meist wenig Erfahrung damit, was es wirklich heißt, in einem Machtungleichgewicht zu leben, und dass man da als sassy Heroine, die ihren Mund nicht halten kann, schnell tot ist, eingesperrt oder misshandelt wird. Dass ein Machtungleichgewicht dazu führt, dass der Unterdrückte schweigt, erst bewusst, um sich zu schützen, später dann in einer Art verinnerlichten Vorausnahme, wenn sich die Dynamik etabliert hat. Ein Machtungleichgewicht heißt, dass vieles unausgesprochen bleibt und über Unausgesprochenes zu schreiben ist schwer. Es fordert Innenansicht, die Lücke zwischen der der Verwüstung, die tausend Jahre Krieg und Unterdrückung anrichten, und echter Verbindung und Partnerschaft müsste thematisiert werden.
Nun gibt es Romantasyautorinnen, denen das durchaus gelingt. Samantha Shannon zum Beispiel kann das, auch wenn sie andere Fehler macht. Aber vorallem ist diese Lücke gerade der Reiz an diesem Genre. Die Leser/innen wollen es gar nicht realistisch. Sie wollen die sassy Kriegerfrau, die den Love Interest mit ihrer Schlagfertigkeit und ihrem Unwillen, sich ihm hinzugeben, beeindruckt. Die ihn erlöst. Von seiner eigenen Bösartigkeit. Denn in so einem Setting sind die Bösen ja auch Opfer.
Eigenverantwortung und Rechenschaft sind irrelevant. Es geht ums Gerettetwerden. Es hat nichts mit realen gesellschaftlichen Problemen zu tun und es will dazu auch nichts sagen. Es dient der Befriedigung von Wünschen. Es gibt auch für Männer solche Genre, die haben halt andere Wünsche (wobei Romantasy durchaus auch von Männern gelesen wird).
Von daher halten wir fest: Dieser Romananfang ist handwerklich hervorragend gemacht. Er baut Spannung auf, etabliert das Setting, befriedigt die Erwartungen der Leserschaft und erzeugt Herzflattern. Er bleibt dabei im Außen, weil das Außen (nämlich die gestaltende Lesererwartung) in der Romantasy ein wichtiger Faktor ist.
Der Roman ist bei Tropen erschienen, einem Imprint des Klett-Cotta-Verlags. Begonnen hat Tropen als Studentenverlag, der sich zeitgenössischer, internationaler Literatur mit einem Twist verpflichtet hatte. Der Name ist doppeldeutig und bezieht sich auf die Klimazone, aber auch auf Trope als Bezeichnung für eine “rhetorische Figur, die bedeutet: das Eine zu sagen, um etwas anderes auszudrücken” (Zitat Homepage). Damit ist im Grunde schon alles gesagt, man setzt hier auf anspruchsvollere Texte, die sich bildlich und teilweise verschlüsselt mit aktuellen Themen auseinandersetzen.
Das ist wichtig, denn “Böser, böser Wolf” hat das Problem, das man als Leser nicht weiß, ob man es mit einem reinen Krimi oder mit Fantasy zu tun hat. Googelt man die Autorin, stellt man fest, dass sie genreübergreifend schreibt, Krimis mit Science-Fiction oder Fantasy-Elementen. Wahrscheinlich ist auch der Krimiteil von “Böser, böser Wolf” nicht rein Krimi, sondern eher ein Thriller (der Unterschied liegt darin, wie aktiv der Mörder ist), was der Verlag auch beachtet hat, indem er “Thriller” auf das Cover geschrieben hat.
Trotzdem sollte man eigentlich nach Cover und Klappentext eine Vorstellung vom Genre haben. Das ist hier schwierig, im englischen Original ist es etwas besser, das sieht recht eindeutig nach Märchen mit Twist aus, allerdings weiß man da auch nicht so recht, ob man es mehr mit einem Krimi mit Fantasyelementen oder mit Fantasy mit Krimielementen zu tun hat (der Unterschied liegt in der Menge, das was stärker ist, ist das Hauptgenre. Spielt das Buch in unserer Welt und irgendwann tauchen plötzlich sprechende Wölfe auf, von denen man nicht genau weiß, ob die Figur sie sich vielleicht einbildet, weil sie zu viele Märchen gelesen hat, ist es ein Krimi mit Fantasyelementen). Nun sind Fantasyleser normalerweise risikofreudiger, deswegen ist es besser, den Fantasyanteil in Cover und Klappentext zumindest klarzumachen. Krimileser vertragen plötzliche übernatürliche Wendungen meist so gar nicht.
Ich persönlich würde bei einem Buch mit so klaren Andeutungen auf Rotkäppchen einen eher stärkeren Realweltanteil erwarten, sonst machen die ganzen Andeutungen keinen Sinn. Wie soll Intertextualität funktionieren, wenn es in der Fantasywelt gar kein Märchen namens Rotkäppchen gibt? Phantastische Geschichte, insbesonder Fantasy, funktionieren auch immer über das Wissen des Lesers: Was weiß er über den Hintergrund, wieviel versteht er von den Andeutungen? Und wieviel verstehen die Figuren von all dem? Diese Wechselwirkung macht den Reiz aus. Aber das sind schon sehr tiefgehende Betrachtungen, die sich der Leser im Zweifelsfall nicht macht. Er sieht auf das Cover, liest den Klappentext …
Eine junge Frau wird im Wald entführt. Zurück bleibt nur ein Rotkäppchen-Umhang und ein Korb. Kurz darauf wird eine Leiche gefunden – und ein blutverschmierter goldener Schuh. Detective Inspector Lyla Rondell setzt sich auf die Spur des Täters, der bald als der »Grimm-Ripper« Schlagzeilen macht. Dabei ahnt sie nicht, wie tief sie selbst in die Geschichte verstrickt ist.
… und denkt, er hat es mit einem etwas seltsamen Krimi zu tun, in dem jemand zu viele Märchen gelesen hat, vermutlich der Mörder.
Gut, wenden wir uns dem Text zu. Er beginnt mit einem Prolog:
Der Bösewicht Liebe Leser:innen, es war einmal jemand, in etwa jetzt, der sollte sterben. Tief im Wald war ein Mensch dazu bestimmt, sein betrübliches Ende zu finden.
Okay, was ist das?, denkt sich der geneigte Leser. Es hat ausreichend Märchenanleihen, um das Versprechen des Covers zu erfüllen, aber auch moderne Einsprengsel, um klarzumachen, dass wir nicht den Grimm’schen Märchenschatz lesen. Allein die genderneutrale Ansprache reißt schon komplett raus. Aber auch die Überschrift, die den Perspektivcharakter anzeigt, und dann diese “in etwa jetzt”, das ist ein riesiger Holperstein, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Man liest also weiter.
Aber das wissen Sie natürlich. Das Wort “Mörder” steht auf dem Cover dieses Buches, für das Sie (hoffentlich) bezahlt haben. Sehen Sie der Tatsache ins Auge: Sie sind literarische Auftragsmörder. Sie sind für alles Folgende mitverantwortlich.
Eine direkte Leseransprache. In einem Krimi. Vom Mörder! Und es wird besser. Der Leser wird für seinen Wunsch, Krimis zu lesen, verantwortlich gemacht, der Leseanlass, der eigentlich außerhalb des Buches liegt, weil er ja nichts mit der Handlung zu tun hat, wird in die Handlung getragen. Die Figuren wissen, dass sie Figuren sind.
Diese Art von Metafiktion ist gewöhnungsbedürftig. Modernes Erzählen erfordert normalerweise strenges Einhalten einer Perspektive, man bleibt bei einer Figur und ihrer Wahrnehmung: Es gibt keine offensichtliche Person, die die Geschichte erzählt, sondern es wird aus der Perspektive der Figur erzählt, inklusive aller informationstechnischer Einschränkungen, die sich dadurch ergeben. Alles, was erkennen lässt, dass es doch eine äußere, ordnende Instanz gibt, gilt normalerweise als Fehler, weil es den Leser aus der Illusion des authentischen Berichts herausreißt. Weil es ihn aus der erzählten Welt herausreißt.
Diese Welt hat klare Grenzen, es gibt etwas, was in die Geschichte gehört, und etwas, was außerhalb der Geschichte liegt. Wir, die Autoren, liegen außerhalb, und damit sind alle Entscheidungen, die wir über den Verlauf der Geschichte, die Figuren, Perspektive, usw. treffen, auch außerhalb dieser Welt. Wir erzählen aber perspektivisch, um das vor dem Leser zu verbergen. Wir vermitteln die Illusion, dass alles innerhalb der Geschichte stattfindet. Das ist eine Entwicklung, die im 19. Jahrhundert begonnen hat und bis heute anhält. Der zeitgenössische Präsens-Roman in der 1. Person ist die neueste Ausprägung. Authentischer geht es nicht mehr, ein Ich erzählt, während das Geschehene gerade passiert.
“Böser, böser Wolf” reißt uns nun raus aus dieser Illusion, und zwar gleich am Anfang. Es sagt uns: “Ich weiß, dass ich fiktiv bin und ich bin ausschließlich dafür da, dir zu gefallen. Und im übrigen: Ermittel mal schön mit und finde raus, wer der Mörder ist. Vielleicht kannst du das Opfer ja retten.” Der unbewusste Wunsch des Krimilesers das Rätsel vor dem Ermittler zu lösen, wird hier explizit ausgesprochen. Der Leser wird quasi auf die Anklagebank für seinen sensationsgeilen Wunsch nach Mord und Totschlag gesetzt: “Die Ordnung wird wieder hergestellt, ja, aber nur wenn du, lieber Leser, dich daran beteiligst. Da du ja ohnehin nur daran interessiert bist, kannst du das jetzt auch mal zugeben.”
Nach dieser Eröffnung ist kein gewöhnlicher Krimi zu erwarten. Die Intertextualität und Metafiktion werden klar benannt, man kann also davon ausgehen, dass die fantasyartige Rolle von Märchen, der Symbolgehalt dieser Geschichten in diesem Roman Thema sein werden. Damit ist dann auch das Genre geklärt, nämlich magischer Realismus.
“Was ist zwei plus zwei?“ Aus irgendeinem Grund ärgert mich die Frage. Ich bin müde.
Dieser Anfang ist … seltsam. Man geht in das Buch mit der Information, dass es ein Science-Fiction-Roman sein wird, wie er im Buche steht: Raumschiffe, Weltraumrätsel, das Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel.
Ja, niedriger ist es normalerweise nicht angesetzt. Das All hat diese Wirkung auf uns. Im Angesicht der Unendlichkeit geht es um … alles.
Und nun dieser Anfang. Dieser recht banale Anfang. Jemand stellt eine Frage, der Ich-Erzähler mag die Frage nicht. Er ist müde. Er will schlafen. Offene Fragen beim Leser: Wer fragt? Wer und wo ist der Ich-Erzähler? Warum will er schlafen, wenn er doch die Menschheit retten soll?
Die erste Frage (Wer fragt?) wird im Folgenden relativ schnell beantwortet, der Fragende ist ein Computer. Der Rest ist auch dem Ich-Erzähler unklar, und er sagt das auch so: “Was ist hier eigentlich los?” Das ist wichtig, denn das orientiert den Leser, dass nicht nur er es nicht weiß, sondern dass es tatsächlich unbekannt ist. Das Nicht-Wissen ist Teil der Handlung, nicht ein Schreibfehler.
Der Ich-Erzähler weiß nicht, wo er ist, und warum ihm jemand eine Rechenaufgabe stellt. Er tastet sich langsam ran, über drei Seiten wird das Aufwachen geschildert. Klassische Science-Fiction-Eröffnung, jemand erwacht auf einem Raumschiff und weiß nicht, was los ist. Die Perspektive ist konsequent bei der Figur, man erfährt nur, was diese Figur wahrnimmt, und das ist nicht viel.
Das funktioniert, weil man aus dem Klappentext die grundsätzliche Informationen hat, und weil es gut geschrieben ist. Empfehlenswerte Lektüre für den Adepten der perfekten ersten Seite.
P.S. Ich war inzwischen im Kino und kann den Film nur jedem Science-Fiction-Schreiber empfehlen. Er ist herzerwärmend und teilweise schon fast goldig, hervorragend gespielt und sehr lustig. Mit Wissenschaft hat das Ganze praktisch nichts zu tun, die Astronomie und Physik sind stellenweise kompletter Blödsinn, aber das ist auch nicht der Fokus des Films. In dieser Hinsicht zumindest passt er zum Anfang, der konsequent bei der Figur ist, beim Menschlichen. Es gibt viele SF-Romane, die beschäftigen sich mit der Wissenschaft, da wird über Neutronensterne geschrieben und über wandernde Erden, darüber, wie realistische, interplanetare Raumfahrt aussieht, und über die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass es da draußen Leben gibt (und wenn nicht, warum nicht).
Und dann gibt es Science Fiction, die beschäftigt sich mit der Frage: Was heißt es, ein Mensch zu sein? Project Hail Mary ist diese Sorte Geschichte.
Das Buch ist ja schon fast ein Klassiker der Romantasy, daher hier mal der erste Satz:
Der Wald war ein Irrgarten aus Schnee und Eis.
Das ist ein klassischer Setting-Satz, der Leser wird mit der Umgebung vertraut gemacht und gleichzeitig wird der Konflikt angedeutet (oder auch etwas mehr als angedeutet): Die Figur hat sich in einem verschneiten Wald verlaufen, ergo Gefahr, ergo Rettung. Da es sich um Fantasy handelt, vermutlich seltsame Rettung, auf jeden Fall der Einstieg in den Fantasyteil.
Hinzu kommt, dass dieser Satz mit einem Bild arbeitet, der Wald als Irrgarten. Das ist schon die erste Übertragung, aber es ist nicht irgendein Irrgarten, sondern einer aus Schnee und Eis. Übertragungen – also Stilmittel wie Metaphern, Vergleiche usw. – sind immer mit Vorsicht einzusetzen, sie sind nicht an sich anschaulich. Manche funktionieren auch gar nicht und es gehört viel Ausprobieren dazu, bis man raus hat, was funktioniert und was nicht.
Dieser Vergleich hier funktioniert wunderbar, man hat sofort einen dunklen Wald aus Tannen mit schneebeladenen Zweigen, die tief zum Boden hängen und die Sicht versperren, vor Augen.
Damit sind alle Bedingungen erfüllt, die an einen ersten Satt gestellt werden: interessanter Inhalt, anschauliche Darstellung und Aufzeigen von Konflikt.
In dem Schneetreiben glaubte er zunächst, der Soldat, der sich da vor ihm durch den eisigen Matsch der Frostmarkstraße schleppte, sei verwundet, an Nacken und Schultern blutbefleckt.
Man sieht den Unterschied zu letzten Woche sehr deutlich, langer, verschachtelter Satz, nicht vollständige Orientierung, man wird als Leser direkt reingeworfen ins Geschehen, es schneit, offenbar sehr dicht, jemand ist verletzt oder sieht so aus, ein Soldat, das verspricht High Fantasy und Schlachten und ein bisschen feindliche Natur. Der Satz deutet eine Menge an, wirft ein Rätsel in den Raum (Wenn er nicht verwundet ist, was dann?) und lässt offen, wer “er” ist und was er eigentlich vorhat. Man nimmt an, dass das nachgeliefert wird, aber ganz wichtig an dieser Stelle: Wenn man mit einer solche Episode beginnt, dann muss sie etwas mit der Romanhandlung zu tun haben, es muss eine Verbindung geben zu dem, was danach kommt, auch wenn sich das erst später herausstellt. So wie dieser Satz eine Verbindung zu dem kommenden Gespräch mit dem Soldaten hat (die roten Flecken stellen sich als ein Webmuster heraus, das die Figur kennt, der Mann vor ihm kommt aus derselben Stadt wie er), so sollte die Begegnung der beiden Männer eine Bedeutung für die folgende Geschichte haben.
Ich erlebe es häufig, dass solche einführenden Ereignisse, die dem Leser ein Gefühl von der Welt vermitteln sollen und schon ein bisschen Hintergrund einführen, an sich nett geschrieben sind und sich gut lesen, aber für die Handlung keine Bedeutung haben. Davon ist abzuraten. Eins führt zum anderen, so auch einführende Episoden.
“Woodwalkers – Carags Verwandlung” ist der erste Band einer Kinderbuchreihe von Arena, in der es um Gestaltwandler geht. Zielgruppe sind Leseanfänger und Kinder bis 12.
Der Roman fängt mit einer kurzer Bemerkung an, dass der Ich-Erzähler Mystery-Boy getauft wurde, weil er eines Tages aus dem Wald aufgetaucht ist, sich aber an nichts erinnern kann (Leseprobe hier). Tatsächlich kann er sich sehr gut erinnern und erzählt im 1. Kapitel seinen ersten Tag bei den Menschen.
Menschenwunder Auf weichen Pfoten liefen wir durch den Kiefernwald, meine Mutter, meine ältere Schwester Mia und ich. Wir, das sind: meine Mutter, meine ältere Schwester Mia und ich. Ich war aufgeregt.
Kinderbücher, vor allem welche zum Lesenlernen brauchen eine einfache Sprache. Orientierung (wer, wann, wo) ist hier noch wichtiger als sonst, das nächste ist dann, ein wenig auf das Thema des Buches, auf den emotionalen Konflikt hinzuweisen. Das ist hier eindeutig Familie, Aufwachsen, eventuell Getrenntwerden, mit einem kleinen Einschlag sensorischer Exotik (die weichen Pfoten).
Durch die Einleitung ist klar, was jetzt kommt, zumindest im Groben, jetzt kann Kind sich auf die Details einlassen, und in diesen Details wird es um die Mutter und um die Geschwister gehen, etwas, was bei 8- bis 12-Jährigen sehr wichtig ist. Das Thema bereitet auf zukünftige Aufgaben vor, aber immer noch verwurzelt in Heimat, Zuhause und Familie, also sicher. Das bisschen Exotik lädt zu Abenteuer ein.
Bad Dürkheim, 2015 “Einen Moment, gleich habe ich ihn.”
Das ist der erste Satz des Prologs. Es ist wörtliche Rede, also wissen wir zumindest, dass eine Figur das gerade sagt, durch die Überschrift wissen wir auch wann und wo, also sind wir zumindest orientiert (Wer, wann und wo, sind Fragen, die an jedem Kapitelanfang beantwortet werden müssen, am besten im ersten Satz). Das erzeugt natürlich Mikrospannung, man wird sofort weiter zum nächsten Absatz springen, um zu sehen, wer hier was oder wen demnächst hat.
Wenn man weiterliest, stellt man fest, dass Katharina mit ihrem Ehemann Julius ein altes Haus besichtet, das sie überraschend geerbt hat und von dem sie nichts wusste. “Ihn” war der Haustürschlüssel. Der Ehemann ist sachlich, geschäftsmäßig – wieviel ist das wert, kann man es verkaufen, was muss vorher noch gemacht werden –, Katharina eher zögerlich. Sie versteht nicht, warum sie nichts von dem Haus wusste, sie trauert noch um ihre Mutter. Es kommt zum Streit, den der Mann schnell beilegt, indem er darauf hinweist, dass sie ja keine Bindung an das Haus hätte – was der Leser längst als falsch erkannt hat – und dann auch nachgibt, als sie doch nicht gleich alle Möbel wegschmeißen will.
Mit diesem Wissen bekommt der erste Satz noch mal eine ganz neue Unterspannung, sie findet den Schlüssel nicht, sie muss erst mal ewig in ihrer Handtasche rumwühlen, während ihr Mann ungeduldig hinter ihr wartet. Sie will gar nicht, sie ist zögerlich, sie will dieses Haus nicht sofort betreten, um es dann wie einen unbedeutenden Gegenstand abzuschätzen, wie etwas, was man sofort wieder loswird und wo man nur darüber nachdenkt, wie man das mit möglichst wenig Aufwand und gewinnbringend über die Bühne kriegen kann.
Aber ihr Mann drängelt.
Solche rückwirkende Mikrospannung ist ein zweischneidiges Schwert, einerseits ist es natürlich gut gemacht und wenn der erste Satz im Gedächtnis bleibt, wird die Spannung schön aufgebaut und gesteigert.
Allerdings muss man vorsichtig sein, denn nicht alle ersten Sätze prägen sich ein und unter Umständen sind sie dann nur langweilig, weil man beim ersten Lesen dieses Wissen ja noch nicht hat.
Torben strich sich mit den Fingern eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wandte sich wieder den Stapeln alter Fotoalben und Andenken zu, die er auf die noch vorhandenen Möbel im Wohnzimmer seiner Großeltern verteilt hatte.
Was sagt uns dieser erste Satz über die Geschichte?
Es geht um Torben, Torben ist etwas nervös mit seinen Haaren und irgendwie wird wohl der Großvater oder die Großmutter eine Rolle spielen. Und deren Vergangenheit natürlich.
Wer den Klappentext gelesen und sich das Cover angeschaut hat, weiß, dass es etwas mit den Nazis zu tun hat, einem Geheimbund und irgendwelchen mystischen Kram, auf den die Nazis ja so standen.
Das zusammen erzeugt dann die Spannung, allerdings bestätigt dieser erste Satz die Informationen, die man schon hat, eher, als dass er neue gibt. Richtige Erwartung kommt nicht auf. Man würde hier gern wissen, um was es wirklich geht, was ist das Problem, mit dem Torben sich wird auseinandersetzen müssen? Warum forscht er überhaupt nach, warum ist es wichtig für ihn, wie der Großvater an eine von Hitler signiere Ausgabe von “Mein Kampf” kam? (was man aus dem Klappentext weiß) Was für ein Verhältnis hatte er zum Großvater? Wenn er dann gegen den Geheimbund kämpfen wird (von dem man auch aus dem Klappentext weiß), warum zieht er das durch? Warum kämpft er? Was ist ihm wichtig?
Die Motivation des Protagonisten ist bei Thrillern ein wichtiges Thema und bei diesem Thema (2. Weltkrieg, Nazis, mystischer Geheimbundkram) ganz besonders. Man will wissen, wer der Protagonist ist. Wie wäre es gewesen, wenn man in diesem ersten Absatz etwas über Torben erfahren hätte, wer er ist und was ihn antreibt? In Kombination mit den Informationen, die man schon aus dem Klappentext hat, ergäbe sich eine völlig neue Spannung.
Der Roman beginnt etwas ungewöhnlich (Leseprobe hier):
9. Oktober 1939 Kabine 11, Koje 3, SS American Trader.
Das ist eine Orts- und Zeitangabe. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in historischen Romanen den Kapiteln Orts- und Zeitangaben vorangestellt sind (“30. August 1939, Gleiwitz, Oberschlesien”), die den Leser verorten und/oder gleichzeitig Spannung aufbauen. Wer den Klappentext des Romans zu meinem Beispiel in der Klammer gelesen hat, wird wissen, dass er während des 2. Weltkriegs spielt und dann wird er auch wissen oder ahnen, was am 30.08. in Oberschlesien los war.
Nun ist die Orts- und Zeitangabe in “Die Schwester des Tänzers” aber nicht vorangestellt, sondern Teil des Textes. Jemand sagt oder denkt das. Jemand denkt oder schreibt, wo und wann er oder etwas ist.
Man liest weiter.
Meine letzte Adresse? Denn dieses Schiff kann leicht mein Sarg werden …
Ja, alles klar. Die Figur befindet sich am 9. Oktober auf einem Schiff in Richtung oder von Amerika, also auf dem Atlantik. Es ist das Jahr 1939, das heißt, der 2. Weltkrieg ist ausgebrochen, war da nicht was mit U-Boot-Krieg? Die Figur fürchtet um ihr Leben. Wir wissen zwar nicht genau, welche Figur, aber anzunehmenderweise, da ja in der 1. Person erzählt, handelt es sich um die Titelfigur, die Schwester des Tänzers, Bronislawa Nijinska. Wir wissen also wer, wann und wo und gleichzeitig haben wir noch den Konflikt erfahren, alles in drei sehr kurzen, teilweise nicht mal vollständigen Sätzen.
Die Autorin ist bekannt für “Soul Kitchen“, das Buch zum gleichnamigen Film (wobei das Buch die Vorgeschichte erzählt, aber parallel zum Film verfasst wurde). Ich konnte leider nicht überprüfen, ob die erste Zeile der Leseprobe auch die erste Zeile des Buches ist, da es nirgendwo ein digitales Explempar gab.
Die Nektarine
“Du siehst aus wie diese Schauspielerin, die Tochter des italienischen Regisseurs, der diese Horrorfilme in den Achtzigern gemacht hat …”
Lassen wir mal außer Acht, dass es ein recht langer, unvollständiger und irgendwie holpernder Satz ist, dann ist es vor allem eins: wörtliche Rede.
Und wörtliche Rede, wenn sie gut geschrieben ist, hat den großen Vorteil, dass sie szenisch ist, anschaulich und Stimmung erzeugt. Sie zieht sofort in den Text, einfach weil sie nicht beschreibt, nicht rafft, sondern eine Figur charakterisiert und sie zeigt, wie sie ist und handelt.
Wörtliche Rede ist immer eine gute Idee für einen Romananfang. Warum wird es so selten gemacht? Weil es schwierig ist. Der Leser hat keinerlei Information, er weiß weder wer ist der Sprecher, wo ist er (oder ist es eine sie) und wann spielt das Ganze? Das sind aber die drei Informationen, die man am Anfang einer Szene immer klären sollte, am besten im ersten Satz, mindestens im ersten Absatz. Da das mit wörtlicher Rede oft schwierig, mitunter unmöglich ist, kommt sie so selten am Anfang.
Aus dem Klappentext wissen wir, im Roman geht es um eine schöne Frau Anfang Dreißig, die Schauspielerin und erfolglos ist. Mit diesen Informationen können wir den ersten Satz einordnen, jemand sagt ihn zur Hauptfigur, vermutlich eine Anmache (was wiederum Spannung verspricht, entweder Liebesspannung oder Thrill). Aber selbst wenn wir diese Information nicht haben, ist klar, dass da jemand auf nicht direkt schmeichelhafte Weise beschrieben wird und wir wollen natürlich wissen, wer die beschriebene Figur ist.
Zu guter Letzt ist ein Verweis drin, auf einen italienischen Film und einen berühmten Regisseur, wer beim Lesen weiß, wer gemeint ist, liest deswegen weiter (der Herr war bekannt für Slasherfilme mit vielen nackten Frauen und Fetischmotiven). Man kann sich vielleicht denken, dass nicht Liebesspannung folgen wird, und wenn, dann keine positive.
High Fantasy vom Feinsten, wie man am Cover und den Titeln gut erkennen kann, handelt es sich um heroische Sword-Fantasy, ob auch Sorcery dabei ist, kann ich nicht sagen, ist aber auch egal. Es geht ums Draufhauen und gut Dastehen.
Anthony Ryan ist ein englischer New-York-Times-Bestsellerautor und die Übersetzungen seiner Romane sind bei Klett-Cotta erschienen. “Die Königin der Flammen” ist der dritte Band einer Trilogy, die zwischen 2013 und 2015 erschienen ist. Leseprobe findet sich hier.
Es gibt wieder einen Prolog, hier “Verniers’ Bericht” genannt (den es auch in Band 1 der Reihe gibt und deutlich länger):
Als ich mit meiner Gefangenen am Kai eintraf, stand er bereits da und wartete. Aufrecht wie immer. Das kantige Gesicht dem Horizont zugewandt. Er hatte sihc fest in seinen Mantel gehüllt, um sich vor dem kalten Wind zu schützen. Meine urspürngliche Überraschung, ihn dort vorzufinden, ließ nach, als ich das auslaufende Schiff sah. Es war meldeneischer Bauart, mit schlankem Rumpf, und auf dem Weg in die Nordlande. An Bord befand sich ein wichtiger Passagier, den er – wie ich wusste – sehr vermissen würde.
Eine klare Handlungsbeschreibung, die ein bisschen Spannung reinbringt: Der Erzähler hat einen Gefangene und will sie vermutlich mit einem Schiff irgendwohin bringen. Er ist vielleicht ein Kopfgeldjäger oder ein Soldat, auf jeden Fall ein Kämpfer. Mikrospannung zu Beginn: Wer ist die Gefangene und warum hat er sie gefangen genommen? Was passiert mit ihr als nächstes? (üblicherweise geht in einem solchen Setting ja was schief)
Doch dann schwenkt die Beschreibung ab, es wird ein unbekannter Mann beschrieben, der offenbar von jemandem Abschied nimmt, die Beschreibung wird genutzt, um das Setting einzuführen (kalt, meldeneisch, Nordlande), wir wissen jetzt also, das hier ist High Fantasy mit Kämpfern, aber es geht auch um Gefühle. Und am Ende des ersten Absatzes wird eine dritte Frage aufgeworfen, die mehr szenisch ist: Wer ist der Mann und wen wird er vermissen und warum? Man geht ja davon aus, dass das nun demnächst geklärt wird.
Die Frage nach der Gefangenen sollte in den größeren Plot eingebunden sein, sei es nun als Aufhänger oder weil sie eine wichtige (Neben)Figur ist. Mit ihr beginnt der Roman, und mit den Beziehungen des Erzählers geht es weiter.
Kapitel 1 beginnt so:
Lyrna Der Schnee weckte sie.
Lyrna ist die Benennung des Perspektivcharakters, das zweite Kapitel hat einen anderen, dessen Name auch vorangestellt ist. Das ist in High-Fantasy üblich, vor allem wenn es viele Figuren gibt, damit der Leser nicht verwirrt wird. Natürlich steht in Schreibratgebern immer, Perspektivcharaktere müssen so unterschiedlich geschrieben sein, dass man sie nicht verwechseln kann, und den Namen an den Anfang zu schreiben, sei eine Abkürzung, die nur schlechte Autoren machen, aber meine Erfahrung ist, dass es häufiger angewendet wird, als man denkt.
Im Genre geht es ja auch im Lesbarkeit, der Text soll flüssig und leicht wegzulesen sein, da stört es unter Umständen, wenn jede Figur eine eigene Stimme hat. Manche Autoren beherrschen das auch nicht, die Figuren haben immer diesselbe Stimme, aber sie können trotzdem gut Fantasy schreiben (was auch nicht jedem gegeben ist). Gerade in heroischer Fantasy mit vielen Kämpfen, die in einer anderen Welt spielt, braucht es schriftstellerische Fähigkeiten zur Darstellung des Kampfes und der Welt an sich, die mitunter wichtiger sind als gut unterscheidbare Figuren. Und Multiperspektive ist da inzwischen ja fast schon Standard. Da ist dieses Hilfsmittel leicht zu vergeben.
Kommen wir zum ersten Satz: “Der Schnee weckte sie.” Klingt erst mal harmlos, hat es aber in sich. Durch die Verwendung des Pronomens geht der Fokus weg von der Figur hin zur Umgebung. Da steht: Es schneit. Dann wird klar, die Figur hat geschlafen. Im Schnee etwa? Ist das nicht … äh, kalt? Man liest weiter und da wird es jetzt sehr sinnlich
Sanfte, eisige Liebkosungen auf der Haut – kitzelnd, aber nicht unangenehm – riefen sie aus der Dunkelheit zurück.
Am Anfang Nominalstil – als Lektor frage ich mich an solchen Stellen immer, ob es auch mit Verb gegangen wäre, doch wenn man es dann ausprobiert, stellt man manchmal fest, nein, es geht nicht, zumindest nicht ohne die halbe Seite umzuschreiben. So ist es auch hier, ich kriege nichts hin, was diese Menge an Information (es ist sanft, eisig, liekost, kitzelt und angenehm) auf so kurzer Strecke zusammenfasst, man will ja schnell weiter, um zu erfahren, wer sie ist und was sie im Schnee macht.
Es kommen dann noch mehrere Sätze, die das langsame Erwachen der Figur beschreiben, drei Stück plus ein wenig Gedankenstrom, im ganzen neun Zeilen. Ein ziemlich langer erster Absatz, der nie den Namen der Figur nennt. Er am Anfang des 2. Absatzes steht er dann, “Lyrna öffnete den Mund …”. Da der Autor aber den Namen des Perspektivcharakters ohnehin vor den Text gestellt hat und das der 3. Band ist und die Leser die Figur kennen, kann er sich einen ganzen Absatz Zeit lassen, um das ungewöhnliche Erwachen der Figur im Schnee zu beschreiben und damit den Leser in den Text zu ziehen.
Die Buchbeschreibung von dtv ist ja schon mal nicht so überzeugend.
Ein brillanter, witziger, emotionaler Roman über die alltäglichen und die ganz großen Dinge im Leben – kurz gesagt, über das Menschsein!
Ja, okay, das trifft auf auf ungefähr alle Romane zu? Zumindest das “Menschsein” ist ein zentrales Thema jeder Literatur. Schauen wir uns diesen Mal an, er beginnt mit einem Prolog, wenn auch einem etwas seltsamen. Er ist mit “Vorwort zur terrestrischen Ausgabe” betitelt und beginnt so:
Hallo, Mensch. Wie geht es dir? Du siehst gut aus. Ja, wirklich, trotz der Nase.
Was sagt uns das über das Buch?
Es ist witzig. Es hat Humor. Es geht um Menschen (wenig überraschend nach dem Teaser) und was sie ausmacht, aber auf eine witzige Weise. Also ein großes Thema, lustig verpackt.
Das ist eigentlich immer ein Verkaufsschlager, passt auch gut zum Klappentext und zur Buchbeschreibung, ich persönlich finde es grenzwertig langweilig, weil zu weit gesteckt, und Humor müsste der Autor erst mal beweisen. Große Themen kann man auch verhauen, wenn man nichts zu sagen hat, und über das große Thema “Was bedeutet es, ein Mensch zu sein” erfahre ich ja nichts über das Buch. Und Humor ist auch sehr unterschiedlich.
Ich würde mal weiterlesen, um herauszufinden: Ist das Buch wirklich so witzig, wie es behauptet wird und kann es tatsächlich Wahrheiten über das Menschsein erzählen, die ich vorher so nicht kannte?
Damit ist das Ziel des ersten Satzes erreicht, der skeptische Leser liest weiter. Wenn das Buch jetzt (möglichst schnell) liefert, was es verspricht, dann ist alles gut.
Anmerkung: Das Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen, “The Humans” von Matt Haig, der Autor ist ein sehr erfolgreicher britischer Phantastikautor. In der englischen Originalausgabe fehlt das “Vorwort zur terrestrischen Ausgabe”, sie beginnt mit dem zweiten Vorwort, “Eine unlogische Hoffnung trotz erdrückender Widrigkeiten”, im Original “Preface: An Illogical Hope in the Face of Overwhelming Adversity”. Keine Ahnung, was da los war und wo das zusätzliche Vorwort herkommt.
Ich wachte plötzlich auf. Schlagartig. Kein langsames Erwachen, bei dem man sich noch minutenlang wehrt und versucht, sich krampfhaft an die wohltuende Bewusstlosigkeit oder den angenehmen Traum zu klammern.
Der erste Satz ist gut. “Ich wachte plötzlich auf.”
Danach müsste es dann mit der Umgebung weitergehen, die Figur wacht auf, was spürt, fühlt, sieht sie? Stattdessen kommen fünf Ellipsen, die ersten drei beschreiben, was sie nicht tut (langsam aufwachen), die letzten beiden noch mal das abrupte Aufwachen (Völlig wach. Ohne Umwege.)
Dann kommt der nächste Satz:
Ich schlug die Augen auf und bereute es sofort.
Man fragt sich, warum sie es bereut, das wird dann in den darauffolgenden Sätzen beschrieben, hier kommen die Sinneseindrücke, die an den Anfang gehören:
Mein Kopf schmerzte erbarmungslos und in meinem Mund herrschte ein auffällig starker Geschmack nach Alkohol und Erbrochenem. Durst. Ich hatte so unglaublichen Durst. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Außerdem tat mein Rücken weh.
Ich weiß, viele teilen meine Abneigung gegen Ellipsen nicht, und man kann sie auch gewinnbringend verwenden, keine Frage. Doch dieser Anfang ist ein gutes Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Obwohl inhaltlich interessant, wird der Leser nach dem spannungsreichen ersten Satz erst in die falsche Richtung gezogen, dann verwirrt und schließlich mit Sinneseindrücken überhäuft, statt sich auf eins zu konzentrieren, dann langsam auszubauen und die Folgen zu schildern. Beim Lesen kam für mich die Frage auf, was will die Autorin hier primär vermitteln? Das ist ohnehin immer eine gute Frage für die erste Szene. Was ist das Wichtigste, was gezeigt (nicht gesagt!) werden soll?
Hier: Die Figur ist derangiert, sie wacht nach einer durchzechten Nacht auf. Das ist die Aussage dieser ersten Absätze.
Allerdings passt das nicht zum ersten Satz. “Ich wachte plötzlich auf.” Das deutet auf eine Störung hin (die durchaus auch aus ihr selbst kommen kann), aber diese Störung kommt nicht mehr. Sie entdeckt langsam ihre Umgebung, also ist sie doch nicht plötzlich da.
Ein weiteres Buch der Autorin, im selben Verlag (Amrun) veröffentlicht, heißt “Strike Strike oder die Unwahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen zu werden und die grosse Liebe zu finden”. Es beginnt so:
Es läutete.
Danach kommt ein Absatz, es geht so weiter:
Endlich Schulschluss. Heute war ein anstrengender Tag gewesen. Vor allem die Doppelstunde Englisch, in der siebten und achten Stunde, hatten mich geschafft.
Der erste Satz ist sehr kurz und erst mal relativ aussagenlos. Läuten kann vieles. Das schafft eine inhaltliche Mikrospannung, man will natürlich wissen, was da läutet, und liest weiter. Der nächste Absatz enthüllt es, er führt ins Setting ein und erzählt auch schon etwas über die Figur. Sie ist offenbar eine Schülerin. Genau weiß man es aber noch nicht, also liest man erneut weiter.
Rein vom Zug her ist der Anfang also gelungen. Danach geht es leider nicht so weiter, es kommt viel Background und praktisch keine Handlung, aber das ließe sich leicht beheben, indem man einfach den Background streicht und direkt zur nächsten Handlung springt (sie geht mit ihrer besten Freundin nach Hause).
Und wieder ein Fall mit einem vorgestelltem Text, der kein Prolog ist. In diesem Fall ist es ein fiktiver Zeitungsartikel über einen Leichenfund in London, 1981, in der Leseprobe auf Seite 11.
Damit wird effektiv der Fall eingeführt, eine Figur (Inspektor Lestrade) und ein bisschen Background (es gab wohl kürzlich Unruhen in der Stadt).
Das erste Kapitel begintn dann so (Leseprobe Seite 13)
1 – Die Reichenbachfälle
Glaubt irgendjemand wirklich, was an den Reichenbachfällen passiert ist?
Gut, das ist für einen Krimi und eine Sherlock-Holmes-Pastiche ein guter Anfang. Es wird eine Frage aufgeworfen und auf ein Ereignis aus dem Original verwiesen, das man nachahmen will. Jeder, der Sherlock Holmes und Moriarty kennt, weiß, was die Reichenbachfälle sind.
Nur: Wer sagt diesen Satz?
Das ist auch ein Spannungselement, wenn der Leser nicht weiß, wer da spricht, also liest man weiter, zumindest mal den nächsten Satz. Da stellt sich heraus, der Text ist in der 1. Person geschrieben.
Viele Berichte sind darüber geschrieben worden, aber mir scheint, dass bei allen das Wichtigste fehlt … nämlich die Wahrheit.
Wer ist “ich”?
Moriarty vielleicht? Aber der ist ja tot, wenn die Reichenbachfälle schon stattgefunden haben. Auf der anderen Seite wurde ja im ersten Satz genau das infrage gestellt.
In den nächsten Abschnitten bleibt das Rätsel weiter ungeklärt, es ist auch nicht Dr. Watson, sondern ein Bewunderer desselben, auf der zweiten Seite wird es dann geklärt, der Ich-Erzähler stellt sich vor, in einer direkten Leseransprache:
Wer bin ich? Nun, damit Sie wissen, in wessen Gesellschaft Sie sich befinden, will ich Ihnen sagen, dass mein Name …
Da der Schreiber offenbar an einer Schreibmaschine sitzt und sich als Watson-Bewunderer definiert, ist er Schriftsteller und das Geschriebene also ein fiktiver Roman im Roman (womit die notwendige Bedingung erfüllt wäre: ein Leseransprache braucht einen identifizierbaren Erzähler).
Das ist kein schlechter Anfang und gut geschrieben, alle Informationen kommen, sogar so, dass auch Nicht-Sherlock-Holmes-Leser zeitnah über die wichtigsten Dinge informiert werden und damit das Buch mit Gewinn lesen können. Es wird auch angedeutet, worum es in etwa in der Geschichte gehen könnte. Für Krimileser und Sherlock-Holmes-Fans zu empfehlen.
Das ist wieder so ein Fall, wo etwas vor das eigentliche erste Kapitel gestellt ist, diesmal kein ganzer Prolog, sondern ein kurzer Text:
Das erste Mal ist das Schlimmste. Wenn man zum ersten Mal hinfällt, nachdem man gerade das Laufen gelernt hat, ist der Schock groß. Nicht, weil das Knie schmerzt, sondern weil man merkt, dass niemand den Sturz verhindert hat.
Das ist der erste Absatz, dann kommen noch zwei und es geht mit dem ersten Kapitel los.
Eigentlich ist das also kein Anfang im eigentlichen Sinne, es ist eine Art Motto, das dem Roman vorangestellt ist. So wie die Zitate, die man da manchmal hat, nur etwas ausführlicher formuliert. Und das Motto dieses Romans ist: Jeder hat Angst, weil jeder mit irgendwas allein ist.
Danach geht es mit dem Text los und zwar so:
Mitten in der Nacht verendet im Apartment nebenan ein Esel. Qualvoll. Und laut quietschend.
Okay, dachte ich, als ich das zum ersten Mal gelesen habe. Das ist mal was anderes. Und was zum Teufel hat ein verendender Esel in einem Erotikroman zu suchen? Tatsächlich erfährt man erst zwei Seiten weiter, dass die Laute von Sex kommen, die Protagonistin braucht erst eine Weile, um sie zu verarbeiten, weil sie ja aus dem Schlaf gerissen wurde, dann denkt sie, eventuell wird jemand ermordet und dann wird ihr klar, dass da zwei Leute miteinander schlafen.
Ich finde es in diesem Fall schwierig zu sagen, ob das gelungen ist oder nicht, rein sprachlich ist es flüssig geschrieben, und da es sich fast durchgehend um einen Gedankenmonolog der Protagonistin handelt, sind Abbrüche drin und Abschweifungen (die gleich die Figur charakterisieren), die das ganze etwas abwechslungsreicher machen.
Aber es ist auch verwirrend und irgendwie finde ich die Informationsverteilung nicht gelungen. Warum sollte sie zwei Leute, die miteinander schlafen, auch wenn sie dabei offenbar etwas laut sind, für Esel halten? Oder die Schreie der Frau für ein Anzeichen für Mord? Ja, manchmal klingt das seltsam, vor allem durch eine Wand und mitten in der Nacht, aber wenn sie wirklich denken würde, dass da ein Verbrechen passiert, sollte sie dann nicht fieberhaft überlegen, ob sie die Polizei ruft?
Erst als der Mann anfängt zu stöhnen, wird der Protagonistin klar, dass die da Sex haben. Und dann geht es auch los und wird interessant. Als Lektorin hätte ich der Autorin vermutlich geraten, die ersten zwei Seiten zu kürzen, weil leicht verwirrend und tendenziell unlogisch. Ich wäre gespannt auf ihre Antwort gewesen.
Die Geschichte wurde im Magazin “Das Gramm” veröffentlicht und beginnt so:
Seitdem Mara vom Land wieder zurück in die Stadt gekommen ist, besucht sie Aenne regelmäßig einmal in der Woche, und sie essen zusammen zu Abend. Mara, Aenne und ihre Söhne. Mara hat zwei Söhne, Aaron und Sam. Aenee hat einen Sohn, Liam. Sam und Liam sind zusammen in den Kindergarten gegangen, das ist der Ort, an dem Mara und Aenne sich kennengelernt haben. In der engen Garderobe von diesem Kindergarten, in dem Durcheinander von Gummistiefeln und Pantoffeln, Schals, Anoraks, Mützen, einzelnen Handschuhen, früh am Morgen gehetzt von den kalten und euphorischen Stimmen der Erzieherinnen, dem Einsingen für den Morgenkreis.
Ich habe mal etwas mehr zitiert, um die Stimmung rüberzubringen. Die Geschichte geht so weiter, ein bis zwei Seiten-Abschnitte ohne jeden Absatz, dann Leerzeile, dann wieder so ein Block. Erst auf Seite 7 kommt die erste wörtliche Rede und damit Absätze im Text. Die wörtliche Rede hat keine Anführungszeichen, es ist eher, als erzähle jemand über die Figuren, es gibt keine Hauptfigur, das ganze ist ein auktorialer Erzähler, der über diese beiden Frauen berichtet und er gibt auch ihre wörtliche Rede wieder, deshalb ist sie ohne Anführungszeichen, denn die Frauen reden nicht. Jemand erzählt, dass sie reden. Normalerweise würde man da indirekte Rede nehmen, aber das hat einen sehr distanzierenden Effekt, dieser Erzähler will ganz nah dran sein an den Figuren, er will sie dem Leser näherbringen, näher als sich selbst, er drängelt sich nicht in den Vordergrund, weil es um die Geschichte der beiden Frauen geht, aber er bleibt ein auktorialer Erzähler.
Die Geschichte beginnt in einem Kindergarten, und schon diese Szene ist so eindrücklich beschrieben, so nah dran, jeder der Kindergartenkinder hat, wird sich da wiederfinden, das Durcheinander, das Gefühl der Fremdheit, Eltern gehören eben nicht in einen Kindergarten, das merkwürdige Gebaren der Erzieherinnen, die ihren Job machen, aber gleichzeitig Vertrauenspersonen, Herzensmenschen für die Kinder sind.
Sehen wir uns jetzt mal nur den ersten Satz an:
Seitdem Mara vom Land wieder zurück in die Stadt gekommen ist, besucht sie Aenne regelmäßig einmal in der Woche, und sie essen zusammen zu Abend.
Er wird im verlinkten Video von der Autorin selbst gelesen, was ich ganz spannend finde, besonders die Betonung. Das erste, was auffällt, ist das Tempus – Präsens – und die Sprache, sehr bildungsbürgerlich, steif, vielleicht etwas altmodisch. Es wird eine Bewegung beschrieben – vom Land in die Stadt –, die bei Aenne endet. Mara und Aenne sind verbunden – die Namen passen übrigens auch gut in dieses bildungsbürgerliche Milieu –, die Verbindung wird durch eine Veränderung bei Mara ausgelöst, nicht Aenne, und das Abendessen findet auch bei Aenne statt. Aenne ist die Statische, Mara die Bewegliche. Sie teilen nicht etwa gemeinsame Interessen, Hobbys oder Aktivitäten, die machen etwas so Formelles wie ein gemeinsames Abendessen. Damit ist die Beziehung charakterisiert und eine Mikrospannung aufgebaut, denn natürlich erwarten wir einen Konflikt, gerade wenn sie nicht einfach zusammen ins Kino gehen, sondern “gemeinsam zu Abend” essen.
Der Wind von dort, wo die Sonne aufging, drückte das Holz an die Küste. Holz und das andere bunte Zeug, das so komisch roch, wenn man es verbrannte, und das immer mehr wurde.
Der Roman ist ein Horror-Thriller, wie das Cover verrät, und hat irgendwas mit Arktis, Grönland oder so zu tun (ein Blick in den Klappentext verrät, es ist der Nordpol). Das sind die Infos, die der Leser auf jeden Fall hat, wenn er diesen ersten Satz liest. Es ist ein Prolog – wie schon mal diskutiert, kann man dadurch nicht nur zusätzliche Informationen vergeben, Spannung aufbauen, usw., man kann auch den wichtigen ersten Satz losgekoppelt von der Haupthandlung schreiben, was manchmal sehr hilfreich ist.
Der erste Satz klingt etwas holprig, ich hätte das als Lektorin angestrichen. “von dort, wo die Sonne aufging”, warum die Richtung nicht benennen (aus Osten) oder zwei Sätze daraus machen (Der Wind wehte aus dem Osten/Der Wind kam aus Osten, er hatte das Holz an die Küste gedrückt)? Streng genommen drückt der Wind das Holz nicht gerade jetzt, es ist schon da und bräuchte daher ein Plusquamperfekt. Dann “das Holz”, was ist damit gemeint? Welches Holz? Wird ein direkter Artikel verwendet, dann weil es schon mal kam und man als Leser weiß, welches Holz gemeint ist, aber das funktioniert hier ja nicht. Ich würde also kommentieren: keine Vorstellung vom Aussehen des Holzes.
Dieser erste Satz ist trotzdem nicht schlecht, nur seltsam. Mein erster Einruck: Man könnte das eleganter und lesefreundlicher formulieren (warum ich es dann aber doch so lassen würde, dazu kommen wir gleich).
Der zweite Satz ist eine Ellipse, er ist unvollständig, es fehlt das Verb. “Holz und das andere bunte Zeug” ist das Subjekt, dann kommt nur noch ein Relativsatz. Von Ellipsen rate ich praktisch immer ab, schlechter Stil, fehlende Information, liest sich holprig.
Allerdings baut dieser Satz ein Rätsel auf, irgendwelches komisches Zeug, das bunt ist und noch mehr, wird an einer (unbekannten) Küste angeschwemmt. Welches Zeug und warum wird es immer mehr? Was ist das?
Man liest also weiter, weil man Fragen hat. Und Fragen sind spannend. Und danach liest man noch weiter, denn man erfährt zwar nicht, was es mit dem komischen bunten Zeug auf sich hat, aber warum die Sprache so seltsam ist: Der Prolog wird von einem Kind erzählt, ein Kind, das für viele Dinge kein Wort hat. Es kennt den Begriff Osten nicht und weiß nicht, was das bunte Zeug ist, es weiß nicht, wie man die Größe von Dingen misst, hat keine Adjektive für bestimmte Eigenschaften, usw. Es ist an einer unbekannten Küste, findet ein seltsames Stück Holz aus dem Meer und in seinem Dorf herrscht offenbar ein religiöser Tyrann, den anderen Kindern geht es auch nicht gut und am Ende ist die Rede von dem “Schlafende(n) aus der Tiefe”, das sie wecken wollen, weil es “seine Kinder immer im Herzen trug.”
Na ja, da würde man doch auf jeden Fall umblättern. Unmengen Andeutungen, was alles Grusliges im Buch passieren wird (plus Lovecraft-Anspielung), ein Kind ist in Gefahr und die Sprache passt zur Figur.
Die Neuausgabe von 2020 mit Beiträgen verschiedener Autoren
Das Buch ist eigentlich von 2015 und nicht besonders bekannt, tatsächlich hat der Verlag Fischer fünf Jahre später (März 2020) einen Sammelband mit demselben Namen herausgebracht, in dem neben Forsyths Essay verschiedene Autoren ihre Buchladenerfahrungen beschreiben. Keine Ahnung, wie viele Leute das Buch im März 2020 gekauft haben, aber es ist sicher eine nette Leseerfahrung für Bibliophile.
Zum Anfang: Es handelt sich um das Genre populäres Sachbuch, das heißt der erste Satz soll in die Thematik einführen, orientieren und unterhalten. Und genau das tut er hier, er verbindet zwei vollkommen gegensätzliche Dinge miteinander, Krieg und Bücherliebe, und verspricht dem Leser baldige Aufklärung und Einblicke in die Psyche des Autors. Wer da nicht weiterliest, der war offensichtlich schon lange in keiner Buchhandlung mehr (und ist damit nicht Zielgruppe des Buches).
Es handelt sich um einen deutschen Krimi, allerdings nicht um Cosy Crime in einem Dorf, von dem man vorher noch nie was gehört hat, sondern das harte Zeug. Staatsanwältin Chastity Riley ermittelt (zum 6. Mal), und allein der Name der Protagonistin macht klar, dass wir es hier entweder mit christlicher Literatur oder einem Hardboiled Krimi zu tun haben.
Es ist wenig überraschend letzteres. Schauen wir mal auf die ersten Sätze.
Ein Auto stirbt ab, mit einem sehr wagemutigen Vergleich “räuspert sich wie ein alter Mann unter einem dunklen Himmel”, man fragt sich, wie sich ein alter Mann wohl unter einem sonnenbestrahlten Himmel räuspern würde, aber nun ja. Er – der Motor – räuspert sich also irgendwie nicht normal. Dann “ich”, also die Protagonistin, setzt sich auf die “rostgoldene Motorhaube”, wie wohl goldener Rost aussieht? Vielleicht ein verrostetes Auto im Schein einer Straßenlaterne? Der dunkle Himmel lässt ja Abend oder Nacht vermuten. Dann hält das Ich das “Gesicht in die schwere, kalte Luft”.
Das sind drei sprachlich sehr anspruchsvolle Bilder im ersten Absatz.
Dann eine Ellipse (ein unvollständiger Satz). “Zigarette”. Gefolgt von einem neuen Bild “den Nebel trockenrauchen”.
Auch wenn beim letzten Satz klar ist, was damit gemeint ist, offensichtlich ist es neblig und sie setzt die Hitze des Zigarettenrauches gegen die kühle, feuchte Umgebung, ist das dann doch eine Ansammlung von Sprachbildern, die für einen Genreroman ungewöhnlich sind. “Blaue Nacht” (auch ein Sprachbild) ist bei Suhrkamp erschienen, da könnte man das erwarten. Und auch wenn diese Ansammlung auf den ersten Blick mühsam erscheint, vermittelt sie doch zwischen den Zeilen eine ganz spezifische Stimmung, ein Gefühl für das Außenseitertum und die Grenzwertigkeit des Hard Boiled Detectives. In diesem Text ist alles irgendwie negativ konnotiert, der dunkle Himmel, die rostgoldene Motorhaube – auch wenn golden gut ist, Rost sicher nicht –, die Luft ist schwer, es wird geraucht, um sich zu beruhigen. Nicht zu vergessen das Räuspern eines alten Mannes in Kombination mit Zigaretten, was auch nicht unbedingt Gesundheit und Entspannung verspricht.
Ob man das mag, ist Geschmackssache. Aber es ist eine interessante Interpretation eines älteren Genres, die zudem mit einigen der Klischess bricht, während es andere beibehält.
Der Roman ist Teil 5 der Nebelgeborenen-Reihe, der erste “Mistborn”, im Deutschen “Die Kinder des Nebels”, war ein großer Erfolg, inzwischen gibt es sechs Stück plus ein paar Kurzgeschichten und Novellen.
Dieser Anfang ist der Anfang des Prologs, der ja gerüchtehalber gar nicht zum Roman gehört (sondern dazu dient, in die Welt und den Konflikt einzuführen und gerade so viel zu verraten, dass der Leser neugierig wird), aber der Leser blättert ja nicht über den Prolog hinweg und beginnt beim 1. Kapitel. Das gibt dem Autor die Möglichkeit, den wichtigen, ersten Satz abgekoppelt von der Haupthandlung zu schreiben und das ist schon was.
Wie schaut es hier aus? Im ersten Satz wird die Person, ihr Beruf, und die aktuelle Situation eingeführt. Dann gibt es direkt einen Dialog, der Humor und Westernfeeling verspricht. Der Name ist außergewöhnlich, die zweite Person hat gar keinen. Genug Rätsel, aber auch genug Info, um interessiert weiterzulesen.
Über den Konflikt gibt es keine Information und auch nicht über die Tatsache, dass es sich um eine Fantasywelt handelt. Das weiß der Leser vom Cover, Titel und Klappentext, abgesehen davon, dass man beim 5. Teil einer Reihe davon ausgehen kann, dass die Mehrheit der Leser die vorhergehenden Bücher kennt. Der Autor konzentriert sich hier also auf die Einführung des Settings und das macht er gut.
Ein polterndes Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Sofort war Charlotte hellwach. Sie hatte vor dem Zubettgehen jede Tür sorgfältig verschlossen, denn schon die Tatsache, allein mitten im nebelverhangenen schottischen Hochland zu nächtigen, hatte ihr Unbehagen bereitet. Zu genau erinnerte sie sich an all die Geschichten über das alte Volk, die Helen nur zu gerne erzählt hatte. Das Hochland ist magisch, hatte sie immer wieder gesagt. Und unheimlich – fügte Charlotte im Geiste hinzu.
Forever-Cover
Jeder, der Romance schreibt, sollte Bold gelesen haben. Dieser Roman ist ursprünglich bei Forever erschienen, dem Romance-Imprint von Ullstein. Die zweite Auflage erschien dann 2017 wieder im SP.Das oben Zitierte ist auch nicht der Anfang des Romans, sondern der Anfang der Leseprobe von Forever. Der Roman selbst beginnt mit einem Einblick in Charlottes Leben bevor sie in die Highlands kommt:
Sehen Sie sich nur diese außergewöhnliche Pinselführung an. Eine derartige Härte und Klarheit im Duktus sieht man selten. Der ‚Nachfalter‘ ist eines der wenigen Gemälde, das man schon nach dem ersten Blick nie wieder vergessen wird.
Charlotte will ein Gemälde verkaufen, in London, an einen reichen Typen, den sie nicht leiden kann. Die gesamte erste Szene handelt davon, wie Charlotte sich selbst verleugnet, um erfolgreich im Beruf zu sein.
Doch dann schlägt das Schicksal zu und Charlotte muss aufs Land, zu Leuten, die sie selbst sind und zufrieden mit sich und überhaupt gaaanz anders als Charlotte und ihre notorisch dümmlichen Kunden, die Kunst nur zum Geldausgeben und Angeben kennen. Und von dieser außerweltlichen Erfahrung nun handelt die Leseprobe im Flyer. Handlungsarm, aber sehr anschaulich zeigt sie, wie anders die Welt ist, in die Charlotte da versetzt wurde. Wie furchterregend, naturnah und magisch!
SP-Cover
Da es sich um einen Liebesroman handelt, steht nicht zu erwarten, dass das alte Volk in persona auftauchen wird, das “magisch” steht hier für ein Gefühl. Magisch entführt in eine Welt, die ihr etwas geben wird, wovon sie geträumt hat. Magisch im Sinne von aufregend, neu, erfüllend. Als nächstes taucht dann, nicht weiter überraschend, der Love Interest auf. Aber darum geht es bei Romance: um das Erfüllen von Erwartungen. Der Roman ist gut geschrieben, die Sprache abwechslungsreich und anschaulich, der Ton fluffig und leicht humorvoll. Genauso, wie Romance sein sollte.
Und dazu passt das SP-Cover deutlich besser, muss man sagen.
Das Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen, im Original heißt es “We That Are Young”. Die deutsche Leseprobe ist ein dicker Wälzer, in dem erst internationale Lesestimmen, dann etwas zur Autorin, dann ein Interview mit der Autorin, dann ein Nachwort der Übersetzerin mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen zu Shakespeare und dann die Leseprobe kommt, wobei die Kapitel der Leseprobe mit kryptischen Zeichen und Worten überschrieben sind, die definitiv keine Kapitelzählungen darstellen.
Aus der Vita erfährt man, dass Preti Taneja Engländerin mit indischen Wurzeln, Menschenrechtsaktivitin, Kriegsreporterin und Literaturwissenschaftlerin ist. Da war’s dann allerdings auch leider schon, der Rest ist eine recht exaltierte Version von die Autorin ist “eine neue Stimme der Literatur”. Wenn man das Nachwort überspringt (weil ich normalerweise das Nachwort nicht vor dem Roman lese), erfährt man, dass Tanejas Themen Weltbürgertum, das Aufeinanderprallen der Kulturen und Indiens Verhältnis zu England sind. Und irgendwas mit King Lear.
Kommen wir zum ersten Absatz des Textes.
Es geht also nicht um Land. Sondern um Geld. Geht es nicht immer um Geld, fragt sich der Leser? Und wessen Land überhaupt? Aber das könnte man ja dann erfahren, wenn man weiterliest.
Dann kommen sehr bildgewaltige Umgebungs- und Stimmungsbeschreibungen, besonders die wattige Wolkendecke, unter der England behaglich träumt, gefällt mir sehr gut, auch weil sie die Perspektive des Einwanderers so gut wiedergibt.
Allerdings bleibt den gesamten ersten Absatz unklar, wer “er” ist und wo “er” sich befindet und warum er seine Uhr verstellt. Das ist, wie sich herausstellt, ein Fehler in der Übersetzung, die sich auch in anderer Hinsicht mehr als eigenwillig herausstellt.
Im englischen Original steht da:
It’s not about land, it’s about money. He whispers his mantra as the world drops away, swinging like a pendulum around the plane.
Hier wird klar, “er” befindet sich im Flugzeug, was in der deutschen Version komplett fehlt. Dort wirkt das Bild der Pendelschwünge eher wie eine Metapher auf eine verrückt gewordene Welt, nicht wie die Beschreibung des abhebenden Flugzeugs. Das “around the plane” wurden einfach unterschlagen.
The glittering ribbon of the Thames, the official stamps of the Royal Parks, a bald white dome spiked with a yellow crown, are swallowed by summer’s deep twilight.
Hier wurde in der Übersetzung das Passiv unterschlagen, weswegen der Satz seltsam zu lesen ist (dass die Themse im Akkusativ steht, ist grammatikalisch nicht sichtbar, und man erwartet es auch nicht, weil Akkusativobjekte normalerweise nicht am Satzanfang stehen). Sie wird vom Zwielicht verschluckt, nicht das Zwielicht verschluckt sie. Da das Zwielicht im Deutschen mit einem mal das Subjekt ist, aber immer noch am Ende des Satzes steht, ist der Satz grammatikalisch uneindeutig. Man kann schon darüber streiten, ob das Passiv überhaupt hätte gestrichen werden sollen, aber warum dann nicht auch umgestellt? Im Satz davor mit dem Pendel wurde ja auch die Satzstellung geändert, dort eher zum Nachteil.
The plane lifts, the clouds quilt beneath it, tucking England into bed to dream of better times. It is still yesterday, according to his watch. He winds the dial forward. Now it is tomorrow, only eight hours away.
Nun macht der letzte Satz auf einmal Sinn, in der deutschen Version wirkt es so, als ob “er” am Boden das Flugzeug beim Abheben beobachtet und dann seine Uhr vorstellt, warum auch immer. [Edit: Mein Testleser sagt, ihm war das klar, aber auch er war etwas verwundert über die Kürzung.] Ich möchte noch hinzufügen, dass “clouds tucking England into bed to dream of better times” einen ganz anderen Klang hat als “behaglich eingepackt träumt England unter einer wattigen Wolkendecke von besseren Zeiten”. Aber das ist etwas, womit man bei Übersetzungen leben muss.
Im Deutschen hat das Buch sehr gemischte Kritiken, sieht man sich die Rezensionen auf amazon.com mal an, stellt man fest, dass die, die etwas mit komplizierter Sprache anfangen können, das Buch toll finden. Ich denke, das wird auch aus dem ersten Absatz klar, inbesondere in der englischen Version. Sprachgewaltigkeit und Plot kommen oft nicht gut mit einander aus, also darf man nicht erwarten, dass es hier rasant voran geht in der Handlung.
Auch wenn dieser Post eher eine Auseinandersetzung mit der deutschen Verlagsveröffentlichung als des Buches selbst geworden ist, lasse ich ihn so, denn etwas Wichtiges ist denke ich trotzdem deutlich geworden: Mit Bildern und Metaphern sollte man sparsam umgehen. Wenn sie gut und richtig eingesetzt werden, vermitteln sie mehr als eine einfache Sprache es getan hätte. Aber sie erschweren auch das Textverständnis.
Abedi ist eine deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin, das Buch ist 2016 bei Arena erschienen. Die Protagonistin, eine Ich-Erzählerin, ist die 17-jährige Vita, es geht um alte Familiengeheimnisse und Selbstfindung.
Der erste Satz ist etwas platt, aber voller Spannung. Er sagt: Es gibt keine Zufälle, ich musste das nur erst lernen, und hier kommt jetzt die Geschichte, wie ich das gelernt habe. Die Aussage, es gibt keinen Zufall, beinhaltet, dass alles zusammenhängt, was etwas Kindliches hat. Es ist also genau das Gegenteil von dem, was ein Buch übers Erwachsenwerden beinhalten würde, den Weg weg vom Kindsein. Womöglich liegt hier die Aussage, das Thema drin, es wäre also spannend das Buch zu lesen und das herauszufinden. Vielleicht geht es auch darum, sich etwas Kindliches, Unschuldiges zu bewahren, man weiß es nicht und muss das auch nicht, der erste Satz soll ja zum Weiterlesen animieren.
Dann kommt der Hook, das Ereignis, mit dem die Geschichte anfängt. Das entspricht recht genau dem, was im Klappentext steht, orientiert den Leser also, auch ohne, dass schon allzu viel von der eigentlichen Geschichte erzählt worden ist.
Und dann kommt etwas Seltsames, nämlich die Angst vor fliegenden Objekten. Der Absatz geht hier noch weiter, er ist in der Tat recht lang für einen ersten Absatz. Aber die Angst wird weiter erläutert, auch dass sie irrational und unverständlich ist, und am Ende steht der Satz: “War ich vor jenem Sommer vielleicht selbst noch nicht bereit für die Wahrheit, die so tief in mir versteckt war?”
Auch hier wieder das Thema: Irgendwie hängt alles zusammen, sie wusste es nur noch nicht. Das und die damit verbundene Selbstfindung ist ein wichtiges Thema beim Erwachsenwerden, von daher ist dieser Anfang sehr gelungen.
Darauf freue ich mich schon lange. Es handelt sich um ein Geisterjäger-John-Sinclair-Heft von Bastei Lübbe, diese labberigen Dinger aus grauem Papier, die man früher im Bahnhofskiosk gekauft hat. “Mondschein-Zombie” ist von 2017, ich schätze mal, dass ich es wie die Ardeen-Reihe von Sigrid Kraft irgendwann auf einer Messe mitgenommen habe.
Man erwartet keine große Literatur, wenn man so was liest. Man erwartet Grusel und ein bisschen Splatter, spannende Unterhaltung, Ablenkung. Das ist diesselbe Literatur wie Ardeen, nur ein anderes Genre.
Schauen wir uns die ersten beiden Sätze an:
Man wird direkt eingeführt, man weiß, wo man sich befindet, und ein leichter Gruselfaktor wird auch mitgeliefert. Wir befinden uns also in einem teilweise verlassenen Wohnmobilpark irgendwo an einem verlassenen Flussarm. Der erste Satz verbreitet Mikrospannung auf diesselbe Art wie “Monteperdido“: Das Wohnmobil ist nicht allein, ergo kann eigentlich nichts passieren, weil es ist ja Hilfe da. Nur: Der Leser weiß es besser, oder besser, er ahnt es. Ahnung = Spannung.
Dieser erste Absatz erfüllt also die Mindeststandards für eine gelungene Eröffnung. Was mich stört, sind die sich widersprechenden Informationen: Erst ist das Wohnmobil nicht allein, man könnte das auch so interpretieren, dass da andere, gefährlichere Dinge in der Nähe sind. Das wird im nächsten Satz geklärt, dann kommt allerdings die Aussage, dass die Wohnmobile leer sind, was ebenfalls das Gegenteil von dem ist, was man bis zu dieser Stelle angenommen hat. Und dann wird wieder etwas Gegenteiliges gesagt, nämlich dass doch Leute hier wohnen. Also die Gefahr eventuell von diesen Leuten ausgeht.
Man kann sich hier jetzt streiten, ob die Doppeldeutigkeit gut oder schlecht ist, ich tendiere bei einem Text dieses Genres zu schlecht.
“Ardeen – der Kreis der Magie” ist der erste Band einer High-Fantasy-Reihe, die im SP erschienen ist und inzwischen zehn Bände umfasst. Ich habe auf einer Messe mal eine Broschüre dazu mitgenommen, man frage mich nicht nach Einzelheiten. Alle meine Leseproben sind mindestens zwei Jahre alt, weil ich aus bekannten Gründen seit zwei Jahren auf keiner Buchmesse mehr war, zumindest auf keiner, auf der gedruckte Leseproben verteilt wurden.
Schauen wir uns mal den ersten Absatz an, meine lektoralen Anmerkungen gleich eingefügt (normalerweise in Rot am Rand): Ein junger Bursche (Pleonasmus!*) läuft durch hohes Gras (Was heißt hoch?). Er ist schlacksig, dann wird dasselbe noch mal gesagt (in die Höhe geschossen), und dann noch mal (schmale Schultern, hier mit einer doppelten Verneinung & einem relativierenden Füllwort “nicht besonders breit in den Schultern”), dann kommt die eigentliche Information, im Nebensatz: Er ist sehnig und kräftig.
Dabei steht ein dennoch: Wenn es wichtig ist, dass er trotzdem kräftig ist, dann müsste auch gesagt werden, welchen Umständen zum Trotz. Dass er noch jung ist? Oder dass er eigentlich ein dürrer Hänftling ist? Dass die Haare lang und blond sind, würde ich noch gelten lassen, auch wenn es eigentlich überflüssig ist, allerdings zeigt das ganze sprachliche Hin und Her, wo hier die Perspektive liegt: nicht bei der Figur.
Dass das Lederband die Sicht freihalten soll, ist klar, der Nebensatz kann weg. So läuft er hoch, so was? So wie beschrieben? Das ist klar und braucht keine extra Erwähnung. Beginnnen ist ein ganz böses Wort, siehe hier: https://www.facebook.com/plugins/post.php…
Und warum läuft ihm der Schweiß den Rücken runter, wenn die Steigung nur sanft ist?
Bis hierhin sind das alles Kleinigkeiten, wenn auch ziemlich viele für vier Sätze. Aber der letzte Satz hat ein größeres Problem. Bisher lag der Fokus irgendwo über der Figur, sie wurde von außen und tendenziell von oben beschrieben. Jemand schwebt über ihm und beschreibt ihn: Da ist ein junger, recht dünner Mann mit einem einfachen Zopf, unter seinen Füßen ist Gras. Nun weitet sich der Blick, vorher wussten wir nur, was auf dem Boden war, jetzt erfahren wir, es ist ein Berghang. Der Fokus geht also weiter weg von der Figur, wir erheben uns quasi über sie und sehen die Umgebung. Der junge Mann läuft einen Berghang hoch.
Aber was ist das für ein Berg? Die Umgebung ist überhaupt nicht beschrieben. Man könnte jetzt argumentieren, dass die Figur ganz bei sich ist, in ihrem Lauf versunken, auf ihren Körper fokussiert und nicht auf die Umgebung. Aber das funktioniert nicht. Warum? Weil die Perspektive eindeutig außerhalb der Figur liegt. Sie wird von außen beschrieben, wir erfahren nichts über ihr Inneres, nicht mal die körperlichen Vorgänge werden innerlich benannt, alles sind äußere Vorgänge, wie von einem Beobachter beschrieben. Das ist eine auktoriale Eröffnung, wie sie im Buche steht.
Und ein auktorialer Beobachter würde natürlich die Umgebung wahrnehmen. Er würde sie sogar für sehr wichtig halten.
Eine Geschichte handelt von den Figuren in ihr und was interessant ist, von der Perspektive der Figur. Der Erzähler sollte sich raushalten, es interessiert den Leser nicht, wie die Figur aussieht, sondern was sie fühlt. Was sie empfindet, sieht und denkt. Wenn man hier mal gedanklich die Perspektive wechselt, durch die Augen des jungen Mannes schaut und dann versucht, die Szene zu beschreiben, ergeben sich tausend kleine Details: Wie sieht die Umgebung konkret aus? Ist er im Gebirge, sieht er Bergketten? Oder in einer sanften Hügellandschaft voller Wiesen? Gibt es Wald? Steuert er auf den Wald zu? Ist der Wald um ihn herum und er sieht nichts, außer Bäume? Die Haare und seine Muskeln interessieren ihn nicht, aber wohl, was er vorhat. Ist er auf der Jagd? Oder macht er einen Dauerlauf? Hat er es vielleicht eilig und deshalb läuft ihm auf der sanften Steigung der Schweiß runter? Oder er ist gar nicht trainiert, sondern auf der Flucht? Wie fühlt er sich? Erschöpft? Entspannt? Genießt er die Natur?
Allgemein gehört all das in die Eröffnungsszene: Was macht der Bursche da? Was will er? Wer ist er überhaupt? Was könnte schiefgehen? Was wünscht er sich, was hofft er, Gefühle, Konflikte, Probleme. Irgendwas davon sollte im ersten Absatz kommen, das erzeugt Mikrospannung. Auktoriale Schilderungen entfernen von der Figur und erzeugen Distanz, ganz wortwörtlich, aber auch, was die Gefühle des Lesers betrifft.
Wenn man eine auktoriale Eröffnung macht (denn natürlich kann man alles machen, was man will, wenn es gut ist), dann muss man sich an die geänderten Regeln halten. Der Beobachter schwebt über der Figur und damit ist der Fokus auf der gesamten Szenerie. Diese wird beschrieben, dann die Figur darin und oft auch, was die Figur dort macht. Denn der auktoriale Erzähler kann zwar nicht in den Kopf der Figur gucken und ihre Gefühle benennen, aber er kennt sie, er weiß, was vorher passiert ist und weiß folglich auch, warum die Figur jetzt hier ist. Es bietet sich in einer solchen Szene an, weit zu beginnen und sich dann der Figur immer mehr zu nähern, als würde die Kamera tatsächlich langsam heranzoomen. Dann ist der Leser gefühlsmäßig auch nah an der Figur, aber man konnte die Vorteile des auktorialen Erzählers nutzen.
* Pleonasmus = Häufung sinngleicher oder sinnähnlicher Wörter oder Ausdrücke, wenn man also mindestens zweimal dasselbe sagt: ein weißer Schimmel, eine weibliche Verkäuferin, ein alter Greis. Es gibt auch “gute” Pleonasmen, spontan fällt mir Schiller ein: “Und es wallet und siedet und brauset und zischt.” oder auch der Ausdruck “ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen”. In Reden und Ansprachen wird das auch oft eingesetzt. In der geschriebenen Sprache dagegen, vor allem am Anfang, wo der Platz knapp ist und eine Menge Informationen vermittelt werden müssen, sollte man auf unnötige Dopplungen verzichten. Burschen sind immer jung, ein Bursche ist per Definition ein männlicher Mensch im Teenageralter. Es ist auch stilistisch nicht so schön, weil jede Information vom Leser verarbeitet werden muss und doppelte Informationen mehr Platz einnehmen, aber keinen zusätzlichen Gewinn bringen.
Das erste Kapitel von “Monteperdido” heißt “Der Hirsch”, in Kombination mit dem Cover (grusliger Wald in Kindern) lässt das ja schon mal nichts Gutes ahnen. Dann die offensichtlich fehlgeleitete Annahme der Mutter, dass die Kinder sicher sind. Man darf in einem Buch auch mit den Erwartungen des Lesers spielen und der erwartet hier Tragödie und nicht einen friedlichen Spielenachmittag. Das ist so ähnlich, wie in einer Serie das titelgebenende Raumschiff in der ersten Szene zu zerstören, obwohl alle Zuschauer wissen, dass es nicht zerstört werden kann, weil es ja das titelgebende Raumschiff ist. Der Leser weiß: Oi, es wird Schreckliches passieren! Aber er weiß nicht, wie und was genau. Er ist in seinen Erwartungen zufriedengestellt und gleichzeitig gespannt. Das muss jeder Krimi leisten (denn der Leser weiß, es wird Tote geben, Tragödien werden sich abspielen und schlimme Dinge geschehen), aber auch in der Phantastik kann man das machen.
Und dann geht’s los, es wird nämlich ganz im Gegensatz zur Erwartung eine friedliche Spielszene beschrieben und das sehr schön: Handlung (klettert hoch), Beschreibung (Löcher im Schnee), Handlung (breitet Arme aus), Beschreibung (sieht unsicher aus und als ob sie gleich loslacht), immer im Wechsel, um zu zeigen, wie das Verhalten des Mädchens die Umgebung beeinflusst, wie die Welt ist, in der unser Krimi spielen wird. Es ist eine Welt voller unschuldiger Kindergefühle. Das ist guter Stil.
Und gleichzeitig weiß der Leser: Gleich gibt’s Tote. Diese unschuldigen Kindergefühle werden zerstört. Diese Spannung gleich zu Beginn des Krimis ist textbooklike.
Eigentlich beginnt der Roman mit einer Reihe fiktiver Briefe, die ein Mädchen namens Scarlett an jemanden namens “Caraval-Master Legend” schickt und zwar über sieben Jahre hinweg. Die erzählte Geschichte ist kurz, Scarlett möchte den Schausteller oder Künstler Caraval ganz offensichtlich kennenlernen (auch wenn sie ihn nur darum bittet, auf ihrer Insel aufzutreten), doch der antwortet nicht, dann gibt sie es schließlich auf, weil sie heiratet, Zitat: “Ich werde bald heiraten, also ist es vermutlich das Beste, wenn Ihr mit Euren Darstellern dieses Jahr nicht nach Trisda kommt”. (Trisda ist ihr Wohnort, die Insel, die sie nicht verlassen darf).
Und daraufhin antwortet Caraval dann doch, gratuliert, erklärt ihr, dass er nicht zu ihr kommen kann, sie und ihren Verlobten aber gern kennenlernen würde, und schickt ein Geschenk.
Überschrieben ist das alles mit: “Es dauerte sieben Jahre, bis sie den richtigen Brief schrieb.”
Rätsel über Rätsel, wer ist dieser Caraval, was macht er eigentlich (in einem der Briefe wird auch ein Mord erwähnt, den er angeblich begangen hat), warum kann Scarlett ihre Insel nicht verlassen und warum will sie ihn nicht mehr sehen, wenn sie verheiratet ist (schreibt ihm dann aber doch)? Warum ist der letzte der “richtige” Brief? Was war falsch an den ersten?
Es geht also spannend los, viele Fragen, manche davon hätte man vielleicht beantworten können, aber die Form ist ungewöhnlich.
Scarletts Gefühle strahlten sogar noch bunter als sonst. Das drängende Rot glühender Kohlen. Das eifrige Grün frisch keimenden Grases. Das ungestümte Gelb der Federn eines flatternden Vogels. Er hatte endlich zurückgeschrieben. Sie las den Brief ein weiteres Mal. Dann noch einmal. Und noch einmal. Ihre Augen folgten jedem der scharfen Tintenstriche, jeder wächsernen Widmung des Wilberwappens von Caraval.
Eine der Fragen wird im ersten Absatz also direkt beantwortet: Sie hat ihm erneut geschrieben, weil sie halt doch wollte, das er kommt, Hochzeit hin oder her. Aber warum? Ist sie unglücklich? Ist ihr langweilig? Was ist so toll an diesem Caraval?
Die Sprache ist … nun ja, schwierig. Gefühle strahlen nicht (es sei denn, wir hätten es hier mit einer innovativen Art der Magie zu tun), schon gar nicht rot, grün oder gelb. Und dann ist es ein “drängendes Rot” und ein “eifriges Grün” und ein “ungestümes Gelb”. Ich bin ja kein manischer Adjektivstreicher, aber das ist zu viel. Drei Bilder hintereinander für ein Bild, das an sich schon nicht funktioniert.
Mein erster Impuls war, den erster Absatz komplett streichen. “Er hatte endlich zurückgeschrieben” ist der erste Satz, der tatsächlich etwas aussagt und der die Freude, die sie offensichtlich darüber empfindet, auch klar zum Ausdruck bringt. Danach geht es dann in die Details und das ist sehr schön gemacht.
Aber der erste Absatz! Und dieses absichtliche In-der-Luft-schweben-Lassen in den Briefen: Sie will ihn sehen, klar, und die Heirat ist ein Hindernis, weil ihr Wunsch offensichtlich romantischer Natur ist, das sagt uns ja schon das Genre. Aber wer ist Caraval? Und warum antwortet er? Nimmt er nur Verheiratete? Das hat einen etwas unschönen Beiklang, auf jeden Fall klingt es nach unklaren Gefühlen und Verstrickung. Prinzipiell ein interessantes Thema, allerdings nur, wenn es auch sensibel und sprachlich gekonnt gehandhabt wird. Der erste Absatz lässt aber anderes vermuten.
Die Gefühle sind platt und oberflächlich dargestellt, und das ist eigentlich auch schon in den Briefen der Fall. Scarletts Wunsch, Caraval zu sehen, ist eine Schablone für Sehnsucht und Anhimmeln aus der Ferne. Aber die wahren Gefühle, die unter einer solchen Haltung liegen, werden gar nicht berührt. Es geht nur um Caraval und eben um ihre Gefühle, also nicht konkret welche, sondern dass sie welche hat. Für Caraval.
Hier ist eine Lücke und diese Lücke ist Absicht. Sie soll vom Leser gefüllt werden, mit seinen eigenen Gefühlen. Wer erfolgreich Romantasy schreiben will, sollte das beherrschen.
P.S. Und da ich nicht weiß, ob die bunt strahlenden Gefühle nicht vielleicht doch eine innovative Form der Magie oder etwas anderes Weltspezifisches sind und nicht nur überbordende Sprache der Autorin, würde ich sie natürlich erst mal stehen lassen und weiterlesen.
Heute mal kein Anfang, sondern eine Mitte, nämlich eine Kampfszene aus “The Falcon and the Wintersoldier”, zur Zeit zu sehen bei Disney+, Fortsetzung des MCU in Phase 4.
Die Szene, die ich besprechen möchte, kommt in Folge 4, etwa in der Mitte (etwa ab 30 Minuten), die Serie hat insgesamt 6 Folgen. Ab hier jetzt SPOILERALARM, das lässt sich bei einer Besprechung leider nicht ganz verhindern, aber ich kann allen, die mit Kampfszenen ringen, nur empfehlen, sich damit zu beschäftigen.
Bis zu dem Zeitpunkt in Folge 4 sind vier Fraktionen etabliert, die beiden Titelhelden (Sam Wilson, Bucky Barnes), die, um eine Terroristengruppe zu fangen, einen Deal mit Zemo eingegangen sind, einem zwielichtigen Verbrecher, der etwas gegen Superhelden hat und dafür in einer der vorangegangenen Phasen als Kollateralschaden leider den König von Wakanda umgebracht hat. Wir haben es hier also mit einer moralisch nicht ganz einwandfreien Zusammenarbeit zu tun.
Die nächste Fraktion ist ein Möchtegern-Captain-Amerika (zu sehen auf dem Bild), der nach dem Ausscheiden von Steve Rogers am Ende von Phase 3 von der Regierung als Träger des Schildes ausgewählt wurde, und schließlich die (sehr effektive) weibliche Kampftruppe des Landes, dessen König Zemo auf dem Gewissen hat. Letztere wollen nur Zemo wieder einfangen, die anderen Fraktionen sind sich uneinig, wie man den Terroristen das Handwerk legen soll, und Bucky ist zudem den Kriegerfrauen verpflichtet, weil sie ihm seinen freien Willen und damit sein Leben wiedergegeben haben.
In diesem Gemenge greifen die Damen nun an, weil sie Zemo haben wollen, Möchtegern-Captain-Amerika stellt sich ihnen entgegen, mit den überheblichen Worten: “Ihr seid hierfür nicht zuständig”, die Dora Milaje (so der Name der Damentruppe, was die Bewunderten bedeutet) erwidern: “Die Dora Milaje sind überall dort zuständig, wo sie gerade sind.” Und dann machen sie Captain Amerika platt.
Die Kampfszene ist kurz und zeigt: Man kann den geilsten Schild von allen haben, manche sind halt immer noch besser. Sie demütigen Möchtegern-Captain-Amerika, und diese Demütigung dient im weiteren Verlauf der Serie als Motivation für den Charakter, sich fragwürdigen Methoden der Kampfkraftstärkung zuwenden (man ahnt es, niemand kann der Versuchung widerstehen außer Steve Rogers).
Gleichzeitig entwickelt die Kampfszene die Hintergrundstory der beiden Titelhelden weiter und Zemo entkommt natürlich (Sam und Bucky greifen ein, um Möchtegern-Captain-Amerika zu helfen, weil ihnen das die weniger schlechte Wahl zu sein scheint, und werden ebenfalls platt gemacht). Zemo macht sich nämlich das Durcheinander zunutze und haut auf einem präparierten Fluchtweg ab (Zemo ist halt der Schlauste in der ganzen Truppe und nicht so ein Haudrauf).
Wir sehen ein paar knackige Kampfszenen mit ein paar schönen Choreografien, deren Verlauf und Ende auf den Anfang abgestimmt sind (die Dora Milaje reden nicht, sie handeln) und alle Beteiligten einbindet, ihre Charakterstorys weiterentwickelt und den Plot weiterbringt. Am Ende machen die Dora Milaje klar, dass sie Möchtergern-Captain-Amerika jederzeit seinen Schild hätten wegnehmen können, dass sie Bucky Barnes zwar gerettet haben, aber nicht so dumm sind, sich nun auf seine Freundlichkeit zu verlassen, und dann verfolgen sie Zemo, den sie in der nächsten Folge dann mit Buckys Hilfe auch fassen (weil Bucky ist der Gute und macht seine Fehler wieder gut).
Bis dahin hat Möchtegern-Captain-Amerika allerdings dann die Sache mit den Terroristen total verkackt und Sam kommt wieder als Retter der Welt ins Spiel, mit dem Bucky, u.a. wegen dieser Kampfszene, inzwischen eine Bindung aufgebaut hat. Alles in einer Szene. Das nenne ich Ziel, Konflikt und Motivation ideal umgesetzt.
Der Titel verspricht ja schon Sprachspiele und wir werden nicht enttäuscht. Es geht mit einer Silbenfolge los, die wohl den wenigsten deutschen Lesern etwas sagen wird, und die der geneigte Probeleser wohl auch nicht aussprechen oder im Kopf nachformulieren wird. Er springt einfach zum zweiten Satz, der dann allerdings über vier Zeilen geht. Und der hat es in sich. Erst wird ein Geheimnis angedeutet, das erzeugt Spannung – huh! Vor dreißig Jahren sind schlimme Dinge geschehen –, dann wird das Geheimnis mit der Mutter, also der Familie, also dem Selbst, dem Kern des eigenen Wesens verbunden, und dann wird eine Brücke geschaffen, zwischen Leser und Erzähler: Über die Erklärung, wie die Buchstabenfolge auszusprechen ist, wie sie KLINGT, wird er versuchen, sie nachzusprechen und damit dasselbe machen, was der Erzähler an dieser Stelle macht. Seinem früheren Leben nachempfinden. Und dann kommt noch die Aussage, dass etwas Schlimmes passiert ist, dass vor dreißig Jahren etwas Schlimmes passiert ist, dass dem Erzähler die Mutter genommen auf, auf die einer oder andere (im Roman zu erforschende) Weise.
Rein stilistisch ist dieser Anfang ein Anfang der Gegensätze, erst eine unaussprechliche Silbenfolge, dann ein Schlangensatz, dann ein sehr kurzer, der mit einer Ellipse endet. “jenes glücklichen”, bezieht sich auf “Leben”, ist aber kein vollständiger Satz, auch kein vollständiger Nebensatz. Solche Auslassungen sind immer stark betonend, besonders wenn, wie hier, auch noch das Demonstrativpronomen “dieses” durch das deutlich ungewöhnlichere und auffälligere “jenes” ersetzt wird. Dieser letzte Satz macht die Tragik so richtig deutlich, hier ist etwas Schlimmes geschehen und – wenn man an den Anfang zurückgeht – jetzt wird darüber berichtet. Denn der Erzähler beginnt in Wahrheit nicht mit der Aussage, dass vor 30 Jahren etwas geschehen ist, sondern dass er es Toni erzählt hat. Das wird einem aber erst zum Ende des Absatzes wieder bewusst, so konzentriert war man auf die Enthüllung.
Im nächsten Absatz werden dann die Silben erkärt, es stellt sich heraus, dass es Namen sind. Aal-maa ist der Name der Erzählerin, Maa-io ist der Name ihres Bruders, der eigentlich Marco heißt. Und da ist sie wieder: die Familie. Die für Glück steht, während das jetzt für Schmerz und Leid steht. Da wissen wir, was wir von diesem Roman zu erwarten haben.
Der erste Satz sitzt schon mal. “Meine Unterwäsche hängt im Apfelbaum” erzeugt so viel Mikrospannung, wie nur geht. Haufenweise Fragen schießen einem durch den Kopf – warum hängt die da, ist die Ich-Erzählerin nackt, welcher Apfelbaum, welche Unterwäsche, war der Hund beteiligt?, usw., usf. – und das ist genau das, was ein erster Satz machen soll: Spannung und Fragen erzeugen.
Danach geht es mit einer Umgebungsbeschreibung weiter, die dem Leser die Möglichkeit gibt, die Situation einzuordnen, in der sich die Ich-Erzählerin befindet, aus der heraus die Unterwäsche in den Apfelbaum gelangt ist. Sie erzeugt Stimmung und gibt den Ton und das Thema des Buches vor: Gegensätze, aus der Perspektive des Protagonisten geschildert (Sonnenschein – dunkel, kippt den Kopf), irgendwas mit Problemen zuhause (Garten kippt, traurigste Girlande), vielleicht Erwachsenwerden (das Bild einer Person, die unter einem Apfelbaum liegt und nach oben guckt), es geht ans Eingemachte (Krabbeltiere).
Der ganze Absatz, der natürlich noch weitergeht, ist voller Bilder und Formulierungen, die in kleinen Happen klar machen, was für eine Art Roman wir vor uns haben, worum es gehen wird und auf welche Art die Autorin darüber berichtet: nämlich mittels Sprache. Sie nutzt Sprache, um an die Geheimnisse und Innererien ihrer Protas heranzukommen (traurigste Girlande), um deren Weltsicht zu zeigen (limonadiger Sonnenschein) und auseinanderzunehmen (Gegensatzpaar Sonne/dunkel, Limonade/Insekten). Der Roman wird auch Handlung haben, sicher, aber der Text und die Art, wie er geschrieben ist, sind genauso wichtig. Das suggeriert auch schon der metaphorisch klingende Titel.
So, und nun zu Autorin und Buch. Der Verlag sagt zu “Ein bisschen wie Unendlichkeit”:
Ein Roman voller tiefgreifenderer, schicksalhafter Romantik, Gefühl und Warmherzigkeit – überraschend, poetisch und wortgewaltig
Gottie lebt in ihrer ganz eigenen Welt. Während alle um sie herum in den Ferien von einer Party in die nächste hechten, den Tag am Strand verbringen oder andere Dinge erleben, liegt sie lieber unter dem Apfelbaum, schaut in die Sterne und philosophiert über das Universum. Sie kennt jede Theorie zu Raum und Zeit und kann alles mit einer Formel erklären. Doch in ihrem eigenen Leben gerät einiges ins Trudeln: Sie versteht nicht, wieso ihr Sandkastenfreund Thomas vor Jahren so plötzlich verschwand und nun wieder an ihre Türe klopft. Warum niemand sieht, wie sehr sie mit dem Verlust ihres Großvaters zu kämpfen hat. Und vor allem nicht, warum sie scheinbar durch die Zeit reist und schon erlebte Szenen neu durchlebt. Wird Gottie am Ende die Formel der Liebe und des glücklichen Lebens finden?
Für alle, die in der Unendlichkeit des Universums verloren gehen möchten – denn um Unendlichkeit zu spüren, genügt ein Augenblick!
Tja, das hätten wir dann recht gut angeteasert, oder? Harriet Reuter Hapgood ist Brittin und hat nach diesem Buch (das im Orignal “The Square root of Summer” heißt) an einem weiteren Buch namens “How to be luminous” gearbeitet. Wieder geht es um Frauen, der Gefühle und Probleme in lyrischer Sprache geschildert werden.