“Böser, böser Wolf” von Alexandra Benedict (Thriller, Fantasy)

Der Roman ist bei Tropen erschienen, einem Imprint des Klett-Cotta-Verlags. Begonnen hat Tropen als Studentenverlag, der sich zeitgenössischer, internationaler Literatur mit einem Twist verpflichtet hatte. Der Name ist doppeldeutig und bezieht sich auf die Klimazone, aber auch auf Trope als Bezeichnung für eine “rhetorische Figur, die bedeutet: das Eine zu sagen, um etwas anderes auszudrücken” (Zitat Homepage). Damit ist im Grunde schon alles gesagt, man setzt hier auf anspruchsvollere Texte, die sich bildlich und teilweise verschlüsselt mit aktuellen Themen auseinandersetzen.

Das ist wichtig, denn “Böser, böser Wolf” hat das Problem, das man als Leser nicht weiß, ob man es mit einem reinen Krimi oder mit Fantasy zu tun hat. Googelt man die Autorin, stellt man fest, dass sie genreübergreifend schreibt, Krimis mit Science-Fiction oder Fantasy-Elementen. Wahrscheinlich ist auch der Krimiteil von “Böser, böser Wolf” nicht rein Krimi, sondern eher ein Thriller (der Unterschied liegt darin, wie aktiv der Mörder ist), was der Verlag auch beachtet hat, indem er “Thriller” auf das Cover geschrieben hat.

Trotzdem sollte man eigentlich nach Cover und Klappentext eine Vorstellung vom Genre haben. Das ist hier schwierig, im englischen Original ist es etwas besser, das sieht recht eindeutig nach Märchen mit Twist aus, allerdings weiß man da auch nicht so recht, ob man es mehr mit einem Krimi mit Fantasyelementen oder mit Fantasy mit Krimielementen zu tun hat (der Unterschied liegt in der Menge, das was stärker ist, ist das Hauptgenre. Spielt das Buch in unserer Welt und irgendwann tauchen plötzlich sprechende Wölfe auf, von denen man nicht genau weiß, ob die Figur sie sich vielleicht einbildet, weil sie zu viele Märchen gelesen hat, ist es ein Krimi mit Fantasyelementen). Nun sind Fantasyleser normalerweise risikofreudiger, deswegen ist es besser, den Fantasyanteil in Cover und Klappentext zumindest klarzumachen. Krimileser vertragen plötzliche übernatürliche Wendungen meist so gar nicht.

Ich persönlich würde bei einem Buch mit so klaren Andeutungen auf Rotkäppchen einen eher stärkeren Realweltanteil erwarten, sonst machen die ganzen Andeutungen keinen Sinn. Wie soll Intertextualität funktionieren, wenn es in der Fantasywelt gar kein Märchen namens Rotkäppchen gibt? Phantastische Geschichte, insbesonder Fantasy, funktionieren auch immer über das Wissen des Lesers: Was weiß er über den Hintergrund, wieviel versteht er von den Andeutungen? Und wieviel verstehen die Figuren von all dem? Diese Wechselwirkung macht den Reiz aus. Aber das sind schon sehr tiefgehende Betrachtungen, die sich der Leser im Zweifelsfall nicht macht. Er sieht auf das Cover, liest den Klappentext …

Eine junge Frau wird im Wald entführt. Zurück bleibt nur ein Rotkäppchen-Umhang und ein Korb. Kurz darauf wird eine Leiche gefunden – und ein blutverschmierter goldener Schuh. Detective Inspector Lyla Rondell setzt sich auf die Spur des Täters, der bald als der »Grimm-Ripper« Schlagzeilen macht. Dabei ahnt sie nicht, wie tief sie selbst in die Geschichte verstrickt ist.

… und denkt, er hat es mit einem etwas seltsamen Krimi zu tun, in dem jemand zu viele Märchen gelesen hat, vermutlich der Mörder.

Gut, wenden wir uns dem Text zu. Er beginnt mit einem Prolog:

Der Bösewicht
Liebe Leser:innen,
es war einmal jemand, in etwa jetzt, der sollte sterben. Tief im Wald war ein Mensch dazu bestimmt, sein betrübliches Ende zu finden.

Okay, was ist das?, denkt sich der geneigte Leser. Es hat ausreichend Märchenanleihen, um das Versprechen des Covers zu erfüllen, aber auch moderne Einsprengsel, um klarzumachen, dass wir nicht den Grimm’schen Märchenschatz lesen. Allein die genderneutrale Ansprache reißt schon komplett raus. Aber auch die Überschrift, die den Perspektivcharakter anzeigt, und dann diese “in etwa jetzt”, das ist ein riesiger Holperstein, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Man liest also weiter.

Aber das wissen Sie natürlich. Das Wort “Mörder” steht auf dem Cover dieses Buches, für das Sie (hoffentlich) bezahlt haben. Sehen Sie der Tatsache ins Auge: Sie sind literarische Auftragsmörder. Sie sind für alles Folgende mitverantwortlich.

Eine direkte Leseransprache. In einem Krimi. Vom Mörder! Und es wird besser. Der Leser wird für seinen Wunsch, Krimis zu lesen, verantwortlich gemacht, der Leseanlass, der eigentlich außerhalb des Buches liegt, weil er ja nichts mit der Handlung zu tun hat, wird in die Handlung getragen. Die Figuren wissen, dass sie Figuren sind.

Diese Art von Metafiktion ist gewöhnungsbedürftig. Modernes Erzählen erfordert normalerweise strenges Einhalten einer Perspektive, man bleibt bei einer Figur und ihrer Wahrnehmung: Es gibt keine offensichtliche Person, die die Geschichte erzählt, sondern es wird aus der Perspektive der Figur erzählt, inklusive aller informationstechnischer Einschränkungen, die sich dadurch ergeben. Alles, was erkennen lässt, dass es doch eine äußere, ordnende Instanz gibt, gilt normalerweise als Fehler, weil es den Leser aus der Illusion des authentischen Berichts herausreißt. Weil es ihn aus der erzählten Welt herausreißt.

Diese Welt hat klare Grenzen, es gibt etwas, was in die Geschichte gehört, und etwas, was außerhalb der Geschichte liegt. Wir, die Autoren, liegen außerhalb, und damit sind alle Entscheidungen, die wir über den Verlauf der Geschichte, die Figuren, Perspektive, usw. treffen, auch außerhalb dieser Welt. Wir erzählen aber perspektivisch, um das vor dem Leser zu verbergen. Wir vermitteln die Illusion, dass alles innerhalb der Geschichte stattfindet. Das ist eine Entwicklung, die im 19. Jahrhundert begonnen hat und bis heute anhält. Der zeitgenössische Präsens-Roman in der 1. Person ist die neueste Ausprägung. Authentischer geht es nicht mehr, ein Ich erzählt, während das Geschehene gerade passiert.

“Böser, böser Wolf” reißt uns nun raus aus dieser Illusion, und zwar gleich am Anfang. Es sagt uns: “Ich weiß, dass ich fiktiv bin und ich bin ausschließlich dafür da, dir zu gefallen. Und im übrigen: Ermittel mal schön mit und finde raus, wer der Mörder ist. Vielleicht kannst du das Opfer ja retten.” Der unbewusste Wunsch des Krimilesers das Rätsel vor dem Ermittler zu lösen, wird hier explizit ausgesprochen. Der Leser wird quasi auf die Anklagebank für seinen sensationsgeilen Wunsch nach Mord und Totschlag gesetzt: “Die Ordnung wird wieder hergestellt, ja, aber nur wenn du, lieber Leser, dich daran beteiligst. Da du ja ohnehin nur daran interessiert bist, kannst du das jetzt auch mal zugeben.”

Nach dieser Eröffnung ist kein gewöhnlicher Krimi zu erwarten. Die Intertextualität und Metafiktion werden klar benannt, man kann also davon ausgehen, dass die fantasyartige Rolle von Märchen, der Symbolgehalt dieser Geschichten in diesem Roman Thema sein werden. Damit ist dann auch das Genre geklärt, nämlich magischer Realismus.

(Thriller) “Alpendohle” von Swen Ennullat

Torben strich sich mit den Fingern eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wandte sich wieder den Stapeln alter Fotoalben und Andenken zu, die er auf die noch vorhandenen Möbel im Wohnzimmer seiner Großeltern verteilt hatte.

Was sagt uns dieser erste Satz über die Geschichte?

Es geht um Torben, Torben ist etwas nervös mit seinen Haaren und irgendwie wird wohl der Großvater oder die Großmutter eine Rolle spielen. Und deren Vergangenheit natürlich.

Wer den Klappentext gelesen und sich das Cover angeschaut hat, weiß, dass es etwas mit den Nazis zu tun hat, einem Geheimbund und irgendwelchen mystischen Kram, auf den die Nazis ja so standen.

Das zusammen erzeugt dann die Spannung, allerdings bestätigt dieser erste Satz die Informationen, die man schon hat, eher, als dass er neue gibt. Richtige Erwartung kommt nicht auf. Man würde hier gern wissen, um was es wirklich geht, was ist das Problem, mit dem Torben sich wird auseinandersetzen müssen? Warum forscht er überhaupt nach, warum ist es wichtig für ihn, wie der Großvater an eine von Hitler signiere Ausgabe von “Mein Kampf” kam? (was man aus dem Klappentext weiß) Was für ein Verhältnis hatte er zum Großvater? Wenn er dann gegen den Geheimbund kämpfen wird (von dem man auch aus dem Klappentext weiß), warum zieht er das durch? Warum kämpft er? Was ist ihm wichtig?

Die Motivation des Protagonisten ist bei Thrillern ein wichtiges Thema und bei diesem Thema (2. Weltkrieg, Nazis, mystischer Geheimbundkram) ganz besonders. Man will wissen, wer der Protagonist ist. Wie wäre es gewesen, wenn man in diesem ersten Absatz etwas über Torben erfahren hätte, wer er ist und was ihn antreibt? In Kombination mit den Informationen, die man schon aus dem Klappentext hat, ergäbe sich eine völlig neue Spannung.

“Der Fall Moriarty” von Anthony Horowitz (Historischer Krimi)

Und wieder ein Fall mit einem vorgestelltem Text, der kein Prolog ist. In diesem Fall ist es ein fiktiver Zeitungsartikel über einen Leichenfund in London, 1981, in der Leseprobe auf Seite 11.

Damit wird effektiv der Fall eingeführt, eine Figur (Inspektor Lestrade) und ein bisschen Background (es gab wohl kürzlich Unruhen in der Stadt).

Das erste Kapitel begintn dann so (Leseprobe Seite 13)

1 – Die Reichenbachfälle

Glaubt irgendjemand wirklich, was an den Reichenbachfällen passiert ist?

Gut, das ist für einen Krimi und eine Sherlock-Holmes-Pastiche ein guter Anfang. Es wird eine Frage aufgeworfen und auf ein Ereignis aus dem Original verwiesen, das man nachahmen will. Jeder, der Sherlock Holmes und Moriarty kennt, weiß, was die Reichenbachfälle sind.

Nur: Wer sagt diesen Satz?

Das ist auch ein Spannungselement, wenn der Leser nicht weiß, wer da spricht, also liest man weiter, zumindest mal den nächsten Satz. Da stellt sich heraus, der Text ist in der 1. Person geschrieben.

Viele Berichte sind darüber geschrieben worden, aber mir scheint, dass bei allen das Wichtigste fehlt … nämlich die Wahrheit.

Wer ist “ich”?

Moriarty vielleicht? Aber der ist ja tot, wenn die Reichenbachfälle schon stattgefunden haben. Auf der anderen Seite wurde ja im ersten Satz genau das infrage gestellt.

In den nächsten Abschnitten bleibt das Rätsel weiter ungeklärt, es ist auch nicht Dr. Watson, sondern ein Bewunderer desselben, auf der zweiten Seite wird es dann geklärt, der Ich-Erzähler stellt sich vor, in einer direkten Leseransprache:

Wer bin ich? Nun, damit Sie wissen, in wessen Gesellschaft Sie sich befinden, will ich Ihnen sagen, dass mein Name …

Da der Schreiber offenbar an einer Schreibmaschine sitzt und sich als Watson-Bewunderer definiert, ist er Schriftsteller und das Geschriebene also ein fiktiver Roman im Roman (womit die notwendige Bedingung erfüllt wäre: ein Leseransprache braucht einen identifizierbaren Erzähler).

Das ist kein schlechter Anfang und gut geschrieben, alle Informationen kommen, sogar so, dass auch Nicht-Sherlock-Holmes-Leser zeitnah über die wichtigsten Dinge informiert werden und damit das Buch mit Gewinn lesen können. Es wird auch angedeutet, worum es in etwa in der Geschichte gehen könnte. Für Krimileser und Sherlock-Holmes-Fans zu empfehlen.

(Thriller) Vincent Voss mit “Im Eis”

Der Wind von dort, wo die Sonne aufging, drückte das Holz an die Küste. Holz und das andere bunte Zeug, das so komisch roch, wenn man es verbrannte, und das immer mehr wurde.

Der Roman ist ein Horror-Thriller, wie das Cover verrät, und hat irgendwas mit Arktis, Grönland oder so zu tun (ein Blick in den Klappentext verrät, es ist der Nordpol). Das sind die Infos, die der Leser auf jeden Fall hat, wenn er diesen ersten Satz liest. Es ist ein Prolog – wie schon mal diskutiert, kann man dadurch nicht nur zusätzliche Informationen vergeben, Spannung aufbauen, usw., man kann auch den wichtigen ersten Satz losgekoppelt von der Haupthandlung schreiben, was manchmal sehr hilfreich ist.

Der erste Satz klingt etwas holprig, ich hätte das als Lektorin angestrichen. “von dort, wo die Sonne aufging”, warum die Richtung nicht benennen (aus Osten) oder zwei Sätze daraus machen (Der Wind wehte aus dem Osten/Der Wind kam aus Osten, er hatte das Holz an die Küste gedrückt)? Streng genommen drückt der Wind das Holz nicht gerade jetzt, es ist schon da und bräuchte daher ein Plusquamperfekt. Dann “das Holz”, was ist damit gemeint? Welches Holz? Wird ein direkter Artikel verwendet, dann weil es schon mal kam und man als Leser weiß, welches Holz gemeint ist, aber das funktioniert hier ja nicht. Ich würde also kommentieren: keine Vorstellung vom Aussehen des Holzes.

Dieser erste Satz ist trotzdem nicht schlecht, nur seltsam. Mein erster Einruck: Man könnte das eleganter und lesefreundlicher formulieren (warum ich es dann aber doch so lassen würde, dazu kommen wir gleich).

Der zweite Satz ist eine Ellipse, er ist unvollständig, es fehlt das Verb. “Holz und das andere bunte Zeug” ist das Subjekt, dann kommt nur noch ein Relativsatz. Von Ellipsen rate ich praktisch immer ab, schlechter Stil, fehlende Information, liest sich holprig.

Allerdings baut dieser Satz ein Rätsel auf, irgendwelches komisches Zeug, das bunt ist und noch mehr, wird an einer (unbekannten) Küste angeschwemmt. Welches Zeug und warum wird es immer mehr? Was ist das?

Man liest also weiter, weil man Fragen hat. Und Fragen sind spannend. Und danach liest man noch weiter, denn man erfährt zwar nicht, was es mit dem komischen bunten Zeug auf sich hat, aber warum die Sprache so seltsam ist: Der Prolog wird von einem Kind erzählt, ein Kind, das für viele Dinge kein Wort hat. Es kennt den Begriff Osten nicht und weiß nicht, was das bunte Zeug ist, es weiß nicht, wie man die Größe von Dingen misst, hat keine Adjektive für bestimmte Eigenschaften, usw. Es ist an einer unbekannten Küste, findet ein seltsames Stück Holz aus dem Meer und in seinem Dorf herrscht offenbar ein religiöser Tyrann, den anderen Kindern geht es auch nicht gut und am Ende ist die Rede von dem “Schlafende(n) aus der Tiefe”, das sie wecken wollen, weil es “seine Kinder immer im Herzen trug.”

Na ja, da würde man doch auf jeden Fall umblättern. Unmengen Andeutungen, was alles Grusliges im Buch passieren wird (plus Lovecraft-Anspielung), ein Kind ist in Gefahr und die Sprache passt zur Figur.

“Im Eis” erschienen bei Torsten Low.

(Krimi) Simone Buchholz mit “Blaue Nacht”

Es handelt sich um einen deutschen Krimi, allerdings nicht um Cosy Crime in einem Dorf, von dem man vorher noch nie was gehört hat, sondern das harte Zeug. Staatsanwältin Chastity Riley ermittelt (zum 6. Mal), und allein der Name der Protagonistin macht klar, dass wir es hier entweder mit christlicher Literatur oder einem Hardboiled Krimi zu tun haben.

Es ist wenig überraschend letzteres. Schauen wir mal auf die ersten Sätze.

Ein Auto stirbt ab, mit einem sehr wagemutigen Vergleich “räuspert sich wie ein alter Mann unter einem dunklen Himmel”, man fragt sich, wie sich ein alter Mann wohl unter einem sonnenbestrahlten Himmel räuspern würde, aber nun ja. Er – der Motor – räuspert sich also irgendwie nicht normal. Dann “ich”, also die Protagonistin, setzt sich auf die “rostgoldene Motorhaube”, wie wohl goldener Rost aussieht? Vielleicht ein verrostetes Auto im Schein einer Straßenlaterne? Der dunkle Himmel lässt ja Abend oder Nacht vermuten. Dann hält das Ich das “Gesicht in die schwere, kalte Luft”.

Das sind drei sprachlich sehr anspruchsvolle Bilder im ersten Absatz.

Dann eine Ellipse (ein unvollständiger Satz). “Zigarette”. Gefolgt von einem neuen Bild “den Nebel trockenrauchen”.

Auch wenn beim letzten Satz klar ist, was damit gemeint ist, offensichtlich ist es neblig und sie setzt die Hitze des Zigarettenrauches gegen die kühle, feuchte Umgebung, ist das dann doch eine Ansammlung von Sprachbildern, die für einen Genreroman ungewöhnlich sind. “Blaue Nacht” (auch ein Sprachbild) ist bei Suhrkamp erschienen, da könnte man das erwarten. Und auch wenn diese Ansammlung auf den ersten Blick mühsam erscheint, vermittelt sie doch zwischen den Zeilen eine ganz spezifische Stimmung, ein Gefühl für das Außenseitertum und die Grenzwertigkeit des Hard Boiled Detectives. In diesem Text ist alles irgendwie negativ konnotiert, der dunkle Himmel, die rostgoldene Motorhaube – auch wenn golden gut ist, Rost sicher nicht –, die Luft ist schwer, es wird geraucht, um sich zu beruhigen. Nicht zu vergessen das Räuspern eines alten Mannes in Kombination mit Zigaretten, was auch nicht unbedingt Gesundheit und Entspannung verspricht.

Ob man das mag, ist Geschmackssache. Aber es ist eine interessante Interpretation eines älteren Genres, die zudem mit einigen der Klischess bricht, während es andere beibehält.

“Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Kinder” von Agustín Martínez (Krimi)

Das erste Kapitel von “Monteperdido” heißt “Der Hirsch”, in Kombination mit dem Cover (grusliger Wald in Kindern) lässt das ja schon mal nichts Gutes ahnen. Dann die offensichtlich fehlgeleitete Annahme der Mutter, dass die Kinder sicher sind. Man darf in einem Buch auch mit den Erwartungen des Lesers spielen und der erwartet hier Tragödie und nicht einen friedlichen Spielenachmittag. Das ist so ähnlich, wie in einer Serie das titelgebenende Raumschiff in der ersten Szene zu zerstören, obwohl alle Zuschauer wissen, dass es nicht zerstört werden kann, weil es ja das titelgebende Raumschiff ist. Der Leser weiß: Oi, es wird Schreckliches passieren! Aber er weiß nicht, wie und was genau. Er ist in seinen Erwartungen zufriedengestellt und gleichzeitig gespannt. Das muss jeder Krimi leisten (denn der Leser weiß, es wird Tote geben, Tragödien werden sich abspielen und schlimme Dinge geschehen), aber auch in der Phantastik kann man das machen.

Und dann geht’s los, es wird nämlich ganz im Gegensatz zur Erwartung eine friedliche Spielszene beschrieben und das sehr schön: Handlung (klettert hoch), Beschreibung (Löcher im Schnee), Handlung (breitet Arme aus), Beschreibung (sieht unsicher aus und als ob sie gleich loslacht), immer im Wechsel, um zu zeigen, wie das Verhalten des Mädchens die Umgebung beeinflusst, wie die Welt ist, in der unser Krimi spielen wird. Es ist eine Welt voller unschuldiger Kindergefühle. Das ist guter Stil.

Und gleichzeitig weiß der Leser: Gleich gibt’s Tote. Diese unschuldigen Kindergefühle werden zerstört. Diese Spannung gleich zu Beginn des Krimis ist textbooklike.