“Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Kinder” von Agustín Martínez (Krimi)

Das erste Kapitel von “Monteperdido” heißt “Der Hirsch”, in Kombination mit dem Cover (grusliger Wald in Kindern) lässt das ja schon mal nichts Gutes ahnen. Dann die offensichtlich fehlgeleitete Annahme der Mutter, dass die Kinder sicher sind. Man darf in einem Buch auch mit den Erwartungen des Lesers spielen und der erwartet hier Tragödie und nicht einen friedlichen Spielenachmittag. Das ist so ähnlich, wie in einer Serie das titelgebenende Raumschiff in der ersten Szene zu zerstören, obwohl alle Zuschauer wissen, dass es nicht zerstört werden kann, weil es ja das titelgebende Raumschiff ist. Der Leser weiß: Oi, es wird Schreckliches passieren! Aber er weiß nicht, wie und was genau. Er ist in seinen Erwartungen zufriedengestellt und gleichzeitig gespannt. Das muss jeder Krimi leisten (denn der Leser weiß, es wird Tote geben, Tragödien werden sich abspielen und schlimme Dinge geschehen), aber auch in der Phantastik kann man das machen.

Und dann geht’s los, es wird nämlich ganz im Gegensatz zur Erwartung eine friedliche Spielszene beschrieben und das sehr schön: Handlung (klettert hoch), Beschreibung (Löcher im Schnee), Handlung (breitet Arme aus), Beschreibung (sieht unsicher aus und als ob sie gleich loslacht), immer im Wechsel, um zu zeigen, wie das Verhalten des Mädchens die Umgebung beeinflusst, wie die Welt ist, in der unser Krimi spielen wird. Es ist eine Welt voller unschuldiger Kindergefühle. Das ist guter Stil.

Und gleichzeitig weiß der Leser: Gleich gibt’s Tote. Diese unschuldigen Kindergefühle werden zerstört. Diese Spannung gleich zu Beginn des Krimis ist textbooklike.