
“Ardeen – der Kreis der Magie” ist der erste Band einer High-Fantasy-Reihe, die im SP erschienen ist und inzwischen zehn Bände umfasst. Ich habe auf einer Messe mal eine Broschüre dazu mitgenommen, man frage mich nicht nach Einzelheiten. Alle meine Leseproben sind mindestens zwei Jahre alt, weil ich aus bekannten Gründen seit zwei Jahren auf keiner Buchmesse mehr war, zumindest auf keiner, auf der gedruckte Leseproben verteilt wurden.

Schauen wir uns mal den ersten Absatz an, meine lektoralen Anmerkungen gleich eingefügt (normalerweise in Rot am Rand): Ein junger Bursche (Pleonasmus!*) läuft durch hohes Gras (Was heißt hoch?). Er ist schlacksig, dann wird dasselbe noch mal gesagt (in die Höhe geschossen), und dann noch mal (schmale Schultern, hier mit einer doppelten Verneinung & einem relativierenden Füllwort “nicht besonders breit in den Schultern”), dann kommt die eigentliche Information, im Nebensatz: Er ist sehnig und kräftig.
Dabei steht ein dennoch: Wenn es wichtig ist, dass er trotzdem kräftig ist, dann müsste auch gesagt werden, welchen Umständen zum Trotz. Dass er noch jung ist? Oder dass er eigentlich ein dürrer Hänftling ist? Dass die Haare lang und blond sind, würde ich noch gelten lassen, auch wenn es eigentlich überflüssig ist, allerdings zeigt das ganze sprachliche Hin und Her, wo hier die Perspektive liegt: nicht bei der Figur.
Dass das Lederband die Sicht freihalten soll, ist klar, der Nebensatz kann weg. So läuft er hoch, so was? So wie beschrieben? Das ist klar und braucht keine extra Erwähnung. Beginnnen ist ein ganz böses Wort, siehe hier: https://www.facebook.com/plugins/post.php…
Und warum läuft ihm der Schweiß den Rücken runter, wenn die Steigung nur sanft ist?
Bis hierhin sind das alles Kleinigkeiten, wenn auch ziemlich viele für vier Sätze. Aber der letzte Satz hat ein größeres Problem. Bisher lag der Fokus irgendwo über der Figur, sie wurde von außen und tendenziell von oben beschrieben. Jemand schwebt über ihm und beschreibt ihn: Da ist ein junger, recht dünner Mann mit einem einfachen Zopf, unter seinen Füßen ist Gras. Nun weitet sich der Blick, vorher wussten wir nur, was auf dem Boden war, jetzt erfahren wir, es ist ein Berghang. Der Fokus geht also weiter weg von der Figur, wir erheben uns quasi über sie und sehen die Umgebung. Der junge Mann läuft einen Berghang hoch.
Aber was ist das für ein Berg? Die Umgebung ist überhaupt nicht beschrieben. Man könnte jetzt argumentieren, dass die Figur ganz bei sich ist, in ihrem Lauf versunken, auf ihren Körper fokussiert und nicht auf die Umgebung. Aber das funktioniert nicht. Warum? Weil die Perspektive eindeutig außerhalb der Figur liegt. Sie wird von außen beschrieben, wir erfahren nichts über ihr Inneres, nicht mal die körperlichen Vorgänge werden innerlich benannt, alles sind äußere Vorgänge, wie von einem Beobachter beschrieben. Das ist eine auktoriale Eröffnung, wie sie im Buche steht.
Und ein auktorialer Beobachter würde natürlich die Umgebung wahrnehmen. Er würde sie sogar für sehr wichtig halten.
Eine Geschichte handelt von den Figuren in ihr und was interessant ist, von der Perspektive der Figur. Der Erzähler sollte sich raushalten, es interessiert den Leser nicht, wie die Figur aussieht, sondern was sie fühlt. Was sie empfindet, sieht und denkt. Wenn man hier mal gedanklich die Perspektive wechselt, durch die Augen des jungen Mannes schaut und dann versucht, die Szene zu beschreiben, ergeben sich tausend kleine Details: Wie sieht die Umgebung konkret aus? Ist er im Gebirge, sieht er Bergketten? Oder in einer sanften Hügellandschaft voller Wiesen? Gibt es Wald? Steuert er auf den Wald zu? Ist der Wald um ihn herum und er sieht nichts, außer Bäume? Die Haare und seine Muskeln interessieren ihn nicht, aber wohl, was er vorhat. Ist er auf der Jagd? Oder macht er einen Dauerlauf? Hat er es vielleicht eilig und deshalb läuft ihm auf der sanften Steigung der Schweiß runter? Oder er ist gar nicht trainiert, sondern auf der Flucht? Wie fühlt er sich? Erschöpft? Entspannt? Genießt er die Natur?
Allgemein gehört all das in die Eröffnungsszene: Was macht der Bursche da? Was will er? Wer ist er überhaupt? Was könnte schiefgehen? Was wünscht er sich, was hofft er, Gefühle, Konflikte, Probleme. Irgendwas davon sollte im ersten Absatz kommen, das erzeugt Mikrospannung. Auktoriale Schilderungen entfernen von der Figur und erzeugen Distanz, ganz wortwörtlich, aber auch, was die Gefühle des Lesers betrifft.
Wenn man eine auktoriale Eröffnung macht (denn natürlich kann man alles machen, was man will, wenn es gut ist), dann muss man sich an die geänderten Regeln halten. Der Beobachter schwebt über der Figur und damit ist der Fokus auf der gesamten Szenerie. Diese wird beschrieben, dann die Figur darin und oft auch, was die Figur dort macht. Denn der auktoriale Erzähler kann zwar nicht in den Kopf der Figur gucken und ihre Gefühle benennen, aber er kennt sie, er weiß, was vorher passiert ist und weiß folglich auch, warum die Figur jetzt hier ist. Es bietet sich in einer solchen Szene an, weit zu beginnen und sich dann der Figur immer mehr zu nähern, als würde die Kamera tatsächlich langsam heranzoomen. Dann ist der Leser gefühlsmäßig auch nah an der Figur, aber man konnte die Vorteile des auktorialen Erzählers nutzen.
* Pleonasmus = Häufung sinngleicher oder sinnähnlicher Wörter oder Ausdrücke, wenn man also mindestens zweimal dasselbe sagt: ein weißer Schimmel, eine weibliche Verkäuferin, ein alter Greis. Es gibt auch “gute” Pleonasmen, spontan fällt mir Schiller ein: “Und es wallet und siedet und brauset und zischt.” oder auch der Ausdruck “ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen”. In Reden und Ansprachen wird das auch oft eingesetzt. In der geschriebenen Sprache dagegen, vor allem am Anfang, wo der Platz knapp ist und eine Menge Informationen vermittelt werden müssen, sollte man auf unnötige Dopplungen verzichten. Burschen sind immer jung, ein Bursche ist per Definition ein männlicher Mensch im Teenageralter. Es ist auch stilistisch nicht so schön, weil jede Information vom Leser verarbeitet werden muss und doppelte Informationen mehr Platz einnehmen, aber keinen zusätzlichen Gewinn bringen.