“Schattenstaub – die Prüfung” von Sam Feuerbach, Mira Valentin & Greg Walters (High Fantasy)

Sam Feuerbach, Mira Valentin und Greg Walters sind drei deutsche Fantasyautoren, die jeder einzeln High Fantasy und historische Fantasy veröffentlichen, anfangs im Selfpublishing, inzwischen auch bei Verlagen wie Fischer Tor. Sie bilden einen Autorenvereinigung, die Weltenbauer3. “Schattenstaub” ist ihre erste gemeinsame Veröffentlichung. Laut Klappentext geht es um eine schwere Prüfung, die von drei Helden zur Rettung der Welt absolviert werden muss.

Sie waren umzingelt.

Fängt schon mal gut an. Ein einzelner Satz, eine Frage (Wer sind “sie”?) und sehr viel Konflikt. Der Rückbezug auf das Wissen des Lesers (aus Klappentext und Cover) ist notwendig für diesen Satz, aber er funktioniert, weil er eine klar vorstellbare Situation beschreibt, die Gefahr bedeutet. Umzingelt ist man normalerweise nicht von Freunden.

Von überallher hüllte die Dunkelheit sie ein, griff mit Fingern aus Zwielicht nach ihnen und verschlang alles Leben.

Okay, und es geht spannend weiter, es sind nicht Lebewesen, die sie umzingeln, sondern Dunkelheit. Und diese Dunkelheit lebt, sie hat Finger und sie verschlingt, sehr anschaulich.

Ein leiser Tod, grausamer als jeder Schwerthieb.

Vergleich der Bedrohung mit einer, die sich der Leser vorstellen kann. Information verpackt als Setting.

Denn wer in den Schattenstaub geriet, der starb nicht einfach – vielmehr wanderte dessen Seele für alle Zeiten durch die Finsternis.

Damit sind die Gefahr, das Setting und der Konflikt etabliert.

Tatsächlich handelt es sich bei diesem ersten Kapitel namens “Schattenstaub” um eine Art Prolog, denn das nächste Kapitel heißt “Vom Regen in die Traufe”und beginnt mit:

Sechs Jahre später
Marl roch das Ei, ehe er es sah.

“Vom Regen in die Traufe” ist ein ganz anderer Tonfall als “Schattenstaub”, allgemein klingt der Prolog viel ernster, “ewige Finsternis”, “Ende allen Lebens”, “grausamer Tod” und so weiter. “Vom Regen in die Traufe” klingt eher nach einem Missgeschick, ärgerlich aber nicht gefährlich. Der erste Satz, “Marl roch das Ei”, versprüht auch nicht gerade Bedrohung, es sei denn, es handelt sich um ein faules Ei, und genau das ist der Fall. Marl ist, wie sich herausstellt, auf dem Weg zu seiner Hinrichtung und wird mit einem faulen Ei beworfen.

Damit hätten wir ein wesentliches Merkmal der Texte dieser drei Autoren gefunden: Abwechslung. Klarheit und Abwechslung. Man versteht, worum es geht, und der Text bewegt sich hin und her, zwischen Ernst und Spaß, zwischen langen und kurzen Sätzen, zwischen konkret und abstrakt, zwischen szenisch und informativ. Das ist ein starker Faktor, wenn es darum geht, Leser im Buch zu halten, weil Abwechslung das Gehirn anregt, es wirkt wie ein Dopamingenerator: hoch, runter, hoch, runter. Mehr, mehr. Immer wieder kommt etwas Neues.

Der Roman ist Teil einer Triologie, alle Bände sind bereits erschienen.

“Böser, böser Wolf” von Alexandra Benedict (Thriller, Fantasy)

Der Roman ist bei Tropen erschienen, einem Imprint des Klett-Cotta-Verlags. Begonnen hat Tropen als Studentenverlag, der sich zeitgenössischer, internationaler Literatur mit einem Twist verpflichtet hatte. Der Name ist doppeldeutig und bezieht sich auf die Klimazone, aber auch auf Trope als Bezeichnung für eine “rhetorische Figur, die bedeutet: das Eine zu sagen, um etwas anderes auszudrücken” (Zitat Homepage). Damit ist im Grunde schon alles gesagt, man setzt hier auf anspruchsvollere Texte, die sich bildlich und teilweise verschlüsselt mit aktuellen Themen auseinandersetzen.

Das ist wichtig, denn “Böser, böser Wolf” hat das Problem, das man als Leser nicht weiß, ob man es mit einem reinen Krimi oder mit Fantasy zu tun hat. Googelt man die Autorin, stellt man fest, dass sie genreübergreifend schreibt, Krimis mit Science-Fiction oder Fantasy-Elementen. Wahrscheinlich ist auch der Krimiteil von “Böser, böser Wolf” nicht rein Krimi, sondern eher ein Thriller (der Unterschied liegt darin, wie aktiv der Mörder ist), was der Verlag auch beachtet hat, indem er “Thriller” auf das Cover geschrieben hat.

Trotzdem sollte man eigentlich nach Cover und Klappentext eine Vorstellung vom Genre haben. Das ist hier schwierig, im englischen Original ist es etwas besser, das sieht recht eindeutig nach Märchen mit Twist aus, allerdings weiß man da auch nicht so recht, ob man es mehr mit einem Krimi mit Fantasyelementen oder mit Fantasy mit Krimielementen zu tun hat (der Unterschied liegt in der Menge, das was stärker ist, ist das Hauptgenre. Spielt das Buch in unserer Welt und irgendwann tauchen plötzlich sprechende Wölfe auf, von denen man nicht genau weiß, ob die Figur sie sich vielleicht einbildet, weil sie zu viele Märchen gelesen hat, ist es ein Krimi mit Fantasyelementen). Nun sind Fantasyleser normalerweise risikofreudiger, deswegen ist es besser, den Fantasyanteil in Cover und Klappentext zumindest klarzumachen. Krimileser vertragen plötzliche übernatürliche Wendungen meist so gar nicht.

Ich persönlich würde bei einem Buch mit so klaren Andeutungen auf Rotkäppchen einen eher stärkeren Realweltanteil erwarten, sonst machen die ganzen Andeutungen keinen Sinn. Wie soll Intertextualität funktionieren, wenn es in der Fantasywelt gar kein Märchen namens Rotkäppchen gibt? Phantastische Geschichte, insbesonder Fantasy, funktionieren auch immer über das Wissen des Lesers: Was weiß er über den Hintergrund, wieviel versteht er von den Andeutungen? Und wieviel verstehen die Figuren von all dem? Diese Wechselwirkung macht den Reiz aus. Aber das sind schon sehr tiefgehende Betrachtungen, die sich der Leser im Zweifelsfall nicht macht. Er sieht auf das Cover, liest den Klappentext …

Eine junge Frau wird im Wald entführt. Zurück bleibt nur ein Rotkäppchen-Umhang und ein Korb. Kurz darauf wird eine Leiche gefunden – und ein blutverschmierter goldener Schuh. Detective Inspector Lyla Rondell setzt sich auf die Spur des Täters, der bald als der »Grimm-Ripper« Schlagzeilen macht. Dabei ahnt sie nicht, wie tief sie selbst in die Geschichte verstrickt ist.

… und denkt, er hat es mit einem etwas seltsamen Krimi zu tun, in dem jemand zu viele Märchen gelesen hat, vermutlich der Mörder.

Gut, wenden wir uns dem Text zu. Er beginnt mit einem Prolog:

Der Bösewicht
Liebe Leser:innen,
es war einmal jemand, in etwa jetzt, der sollte sterben. Tief im Wald war ein Mensch dazu bestimmt, sein betrübliches Ende zu finden.

Okay, was ist das?, denkt sich der geneigte Leser. Es hat ausreichend Märchenanleihen, um das Versprechen des Covers zu erfüllen, aber auch moderne Einsprengsel, um klarzumachen, dass wir nicht den Grimm’schen Märchenschatz lesen. Allein die genderneutrale Ansprache reißt schon komplett raus. Aber auch die Überschrift, die den Perspektivcharakter anzeigt, und dann diese “in etwa jetzt”, das ist ein riesiger Holperstein, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Man liest also weiter.

Aber das wissen Sie natürlich. Das Wort “Mörder” steht auf dem Cover dieses Buches, für das Sie (hoffentlich) bezahlt haben. Sehen Sie der Tatsache ins Auge: Sie sind literarische Auftragsmörder. Sie sind für alles Folgende mitverantwortlich.

Eine direkte Leseransprache. In einem Krimi. Vom Mörder! Und es wird besser. Der Leser wird für seinen Wunsch, Krimis zu lesen, verantwortlich gemacht, der Leseanlass, der eigentlich außerhalb des Buches liegt, weil er ja nichts mit der Handlung zu tun hat, wird in die Handlung getragen. Die Figuren wissen, dass sie Figuren sind.

Diese Art von Metafiktion ist gewöhnungsbedürftig. Modernes Erzählen erfordert normalerweise strenges Einhalten einer Perspektive, man bleibt bei einer Figur und ihrer Wahrnehmung: Es gibt keine offensichtliche Person, die die Geschichte erzählt, sondern es wird aus der Perspektive der Figur erzählt, inklusive aller informationstechnischer Einschränkungen, die sich dadurch ergeben. Alles, was erkennen lässt, dass es doch eine äußere, ordnende Instanz gibt, gilt normalerweise als Fehler, weil es den Leser aus der Illusion des authentischen Berichts herausreißt. Weil es ihn aus der erzählten Welt herausreißt.

Diese Welt hat klare Grenzen, es gibt etwas, was in die Geschichte gehört, und etwas, was außerhalb der Geschichte liegt. Wir, die Autoren, liegen außerhalb, und damit sind alle Entscheidungen, die wir über den Verlauf der Geschichte, die Figuren, Perspektive, usw. treffen, auch außerhalb dieser Welt. Wir erzählen aber perspektivisch, um das vor dem Leser zu verbergen. Wir vermitteln die Illusion, dass alles innerhalb der Geschichte stattfindet. Das ist eine Entwicklung, die im 19. Jahrhundert begonnen hat und bis heute anhält. Der zeitgenössische Präsens-Roman in der 1. Person ist die neueste Ausprägung. Authentischer geht es nicht mehr, ein Ich erzählt, während das Geschehene gerade passiert.

“Böser, böser Wolf” reißt uns nun raus aus dieser Illusion, und zwar gleich am Anfang. Es sagt uns: “Ich weiß, dass ich fiktiv bin und ich bin ausschließlich dafür da, dir zu gefallen. Und im übrigen: Ermittel mal schön mit und finde raus, wer der Mörder ist. Vielleicht kannst du das Opfer ja retten.” Der unbewusste Wunsch des Krimilesers das Rätsel vor dem Ermittler zu lösen, wird hier explizit ausgesprochen. Der Leser wird quasi auf die Anklagebank für seinen sensationsgeilen Wunsch nach Mord und Totschlag gesetzt: “Die Ordnung wird wieder hergestellt, ja, aber nur wenn du, lieber Leser, dich daran beteiligst. Da du ja ohnehin nur daran interessiert bist, kannst du das jetzt auch mal zugeben.”

Nach dieser Eröffnung ist kein gewöhnlicher Krimi zu erwarten. Die Intertextualität und Metafiktion werden klar benannt, man kann also davon ausgehen, dass die fantasyartige Rolle von Märchen, der Symbolgehalt dieser Geschichten in diesem Roman Thema sein werden. Damit ist dann auch das Genre geklärt, nämlich magischer Realismus.

(High Fantasy) “Das Herz der verlorenen Dinge” von Tad Williams

In dem Schneetreiben glaubte er zunächst, der Soldat, der sich da vor ihm durch den eisigen Matsch der Frostmarkstraße schleppte, sei verwundet, an Nacken und Schultern blutbefleckt.

Man sieht den Unterschied zu letzten Woche sehr deutlich, langer, verschachtelter Satz, nicht vollständige Orientierung, man wird als Leser direkt reingeworfen ins Geschehen, es schneit, offenbar sehr dicht, jemand ist verletzt oder sieht so aus, ein Soldat, das verspricht High Fantasy und Schlachten und ein bisschen feindliche Natur. Der Satz deutet eine Menge an, wirft ein Rätsel in den Raum (Wenn er nicht verwundet ist, was dann?) und lässt offen, wer “er” ist und was er eigentlich vorhat. Man nimmt an, dass das nachgeliefert wird, aber ganz wichtig an dieser Stelle: Wenn man mit einer solche Episode beginnt, dann muss sie etwas mit der Romanhandlung zu tun haben, es muss eine Verbindung geben zu dem, was danach kommt, auch wenn sich das erst später herausstellt. So wie dieser Satz eine Verbindung zu dem kommenden Gespräch mit dem Soldaten hat (die roten Flecken stellen sich als ein Webmuster heraus, das die Figur kennt, der Mann vor ihm kommt aus derselben Stadt wie er), so sollte die Begegnung der beiden Männer eine Bedeutung für die folgende Geschichte haben.

Ich erlebe es häufig, dass solche einführenden Ereignisse, die dem Leser ein Gefühl von der Welt vermitteln sollen und schon ein bisschen Hintergrund einführen, an sich nett geschrieben sind und sich gut lesen, aber für die Handlung keine Bedeutung haben. Davon ist abzuraten. Eins führt zum anderen, so auch einführende Episoden.

“Die Königin der Flammen” von Anthony Ryan (High Fantasy)

High Fantasy vom Feinsten, wie man am Cover und den Titeln gut erkennen kann, handelt es sich um heroische Sword-Fantasy, ob auch Sorcery dabei ist, kann ich nicht sagen, ist aber auch egal. Es geht ums Draufhauen und gut Dastehen.

Anthony Ryan ist ein englischer New-York-Times-Bestsellerautor und die Übersetzungen seiner Romane sind bei Klett-Cotta erschienen. “Die Königin der Flammen” ist der dritte Band einer Trilogy, die zwischen 2013 und 2015 erschienen ist. Leseprobe findet sich hier.

Es gibt wieder einen Prolog, hier “Verniers’ Bericht” genannt (den es auch in Band 1 der Reihe gibt und deutlich länger):

Als ich mit meiner Gefangenen am Kai eintraf, stand er bereits da und wartete. Aufrecht wie immer. Das kantige Gesicht dem Horizont zugewandt. Er hatte sihc fest in seinen Mantel gehüllt, um sich vor dem kalten Wind zu schützen. Meine urspürngliche Überraschung, ihn dort vorzufinden, ließ nach, als ich das auslaufende Schiff sah. Es war meldeneischer Bauart, mit schlankem Rumpf, und auf dem Weg in die Nordlande. An Bord befand sich ein wichtiger Passagier, den er – wie ich wusste – sehr vermissen würde.

Eine klare Handlungsbeschreibung, die ein bisschen Spannung reinbringt: Der Erzähler hat einen Gefangene und will sie vermutlich mit einem Schiff irgendwohin bringen. Er ist vielleicht ein Kopfgeldjäger oder ein Soldat, auf jeden Fall ein Kämpfer. Mikrospannung zu Beginn: Wer ist die Gefangene und warum hat er sie gefangen genommen? Was passiert mit ihr als nächstes? (üblicherweise geht in einem solchen Setting ja was schief)

Doch dann schwenkt die Beschreibung ab, es wird ein unbekannter Mann beschrieben, der offenbar von jemandem Abschied nimmt, die Beschreibung wird genutzt, um das Setting einzuführen (kalt, meldeneisch, Nordlande), wir wissen jetzt also, das hier ist High Fantasy mit Kämpfern, aber es geht auch um Gefühle. Und am Ende des ersten Absatzes wird eine dritte Frage aufgeworfen, die mehr szenisch ist: Wer ist der Mann und wen wird er vermissen und warum? Man geht ja davon aus, dass das nun demnächst geklärt wird.

Die Frage nach der Gefangenen sollte in den größeren Plot eingebunden sein, sei es nun als Aufhänger oder weil sie eine wichtige (Neben)Figur ist. Mit ihr beginnt der Roman, und mit den Beziehungen des Erzählers geht es weiter.

Kapitel 1 beginnt so:

Lyrna
Der Schnee weckte sie.

Lyrna ist die Benennung des Perspektivcharakters, das zweite Kapitel hat einen anderen, dessen Name auch vorangestellt ist. Das ist in High-Fantasy üblich, vor allem wenn es viele Figuren gibt, damit der Leser nicht verwirrt wird. Natürlich steht in Schreibratgebern immer, Perspektivcharaktere müssen so unterschiedlich geschrieben sein, dass man sie nicht verwechseln kann, und den Namen an den Anfang zu schreiben, sei eine Abkürzung, die nur schlechte Autoren machen, aber meine Erfahrung ist, dass es häufiger angewendet wird, als man denkt.

Im Genre geht es ja auch im Lesbarkeit, der Text soll flüssig und leicht wegzulesen sein, da stört es unter Umständen, wenn jede Figur eine eigene Stimme hat. Manche Autoren beherrschen das auch nicht, die Figuren haben immer diesselbe Stimme, aber sie können trotzdem gut Fantasy schreiben (was auch nicht jedem gegeben ist). Gerade in heroischer Fantasy mit vielen Kämpfen, die in einer anderen Welt spielt, braucht es schriftstellerische Fähigkeiten zur Darstellung des Kampfes und der Welt an sich, die mitunter wichtiger sind als gut unterscheidbare Figuren. Und Multiperspektive ist da inzwischen ja fast schon Standard. Da ist dieses Hilfsmittel leicht zu vergeben.

Kommen wir zum ersten Satz: “Der Schnee weckte sie.” Klingt erst mal harmlos, hat es aber in sich. Durch die Verwendung des Pronomens geht der Fokus weg von der Figur hin zur Umgebung. Da steht: Es schneit. Dann wird klar, die Figur hat geschlafen. Im Schnee etwa? Ist das nicht … äh, kalt? Man liest weiter und da wird es jetzt sehr sinnlich

Sanfte, eisige Liebkosungen auf der Haut – kitzelnd, aber nicht unangenehm – riefen sie aus der Dunkelheit zurück.

Am Anfang Nominalstil – als Lektor frage ich mich an solchen Stellen immer, ob es auch mit Verb gegangen wäre, doch wenn man es dann ausprobiert, stellt man manchmal fest, nein, es geht nicht, zumindest nicht ohne die halbe Seite umzuschreiben. So ist es auch hier, ich kriege nichts hin, was diese Menge an Information (es ist sanft, eisig, liekost, kitzelt und angenehm) auf so kurzer Strecke zusammenfasst, man will ja schnell weiter, um zu erfahren, wer sie ist und was sie im Schnee macht.

Es kommen dann noch mehrere Sätze, die das langsame Erwachen der Figur beschreiben, drei Stück plus ein wenig Gedankenstrom, im ganzen neun Zeilen. Ein ziemlich langer erster Absatz, der nie den Namen der Figur nennt. Er am Anfang des 2. Absatzes steht er dann, “Lyrna öffnete den Mund …”. Da der Autor aber den Namen des Perspektivcharakters ohnehin vor den Text gestellt hat und das der 3. Band ist und die Leser die Figur kennen, kann er sich einen ganzen Absatz Zeit lassen, um das ungewöhnliche Erwachen der Figur im Schnee zu beschreiben und damit den Leser in den Text zu ziehen.

“Schatten über Elantel” von Brando Sanderson (High Fantasy)

Der Roman ist Teil 5 der Nebelgeborenen-Reihe, der erste “Mistborn”, im Deutschen “Die Kinder des Nebels”, war ein großer Erfolg, inzwischen gibt es sechs Stück plus ein paar Kurzgeschichten und Novellen.

Dieser Anfang ist der Anfang des Prologs, der ja gerüchtehalber gar nicht zum Roman gehört (sondern dazu dient, in die Welt und den Konflikt einzuführen und gerade so viel zu verraten, dass der Leser neugierig wird), aber der Leser blättert ja nicht über den Prolog hinweg und beginnt beim 1. Kapitel. Das gibt dem Autor die Möglichkeit, den wichtigen, ersten Satz abgekoppelt von der Haupthandlung zu schreiben und das ist schon was.

Wie schaut es hier aus? Im ersten Satz wird die Person, ihr Beruf, und die aktuelle Situation eingeführt. Dann gibt es direkt einen Dialog, der Humor und Westernfeeling verspricht. Der Name ist außergewöhnlich, die zweite Person hat gar keinen. Genug Rätsel, aber auch genug Info, um interessiert weiterzulesen.

Über den Konflikt gibt es keine Information und auch nicht über die Tatsache, dass es sich um eine Fantasywelt handelt. Das weiß der Leser vom Cover, Titel und Klappentext, abgesehen davon, dass man beim 5. Teil einer Reihe davon ausgehen kann, dass die Mehrheit der Leser die vorhergehenden Bücher kennt. Der Autor konzentriert sich hier also auf die Einführung des Settings und das macht er gut.

“Mondschein-Zombie” von John Dark (Horror)

Darauf freue ich mich schon lange. Es handelt sich um ein Geisterjäger-John-Sinclair-Heft von Bastei Lübbe, diese labberigen Dinger aus grauem Papier, die man früher im Bahnhofskiosk gekauft hat. “Mondschein-Zombie” ist von 2017, ich schätze mal, dass ich es wie die Ardeen-Reihe von Sigrid Kraft irgendwann auf einer Messe mitgenommen habe.

Man erwartet keine große Literatur, wenn man so was liest. Man erwartet Grusel und ein bisschen Splatter, spannende Unterhaltung, Ablenkung. Das ist diesselbe Literatur wie Ardeen, nur ein anderes Genre.

Schauen wir uns die ersten beiden Sätze an:

Man wird direkt eingeführt, man weiß, wo man sich befindet, und ein leichter Gruselfaktor wird auch mitgeliefert. Wir befinden uns also in einem teilweise verlassenen Wohnmobilpark irgendwo an einem verlassenen Flussarm. Der erste Satz verbreitet Mikrospannung auf diesselbe Art wie “Monteperdido“: Das Wohnmobil ist nicht allein, ergo kann eigentlich nichts passieren, weil es ist ja Hilfe da. Nur: Der Leser weiß es besser, oder besser, er ahnt es. Ahnung = Spannung.

Dieser erste Absatz erfüllt also die Mindeststandards für eine gelungene Eröffnung. Was mich stört, sind die sich widersprechenden Informationen: Erst ist das Wohnmobil nicht allein, man könnte das auch so interpretieren, dass da andere, gefährlichere Dinge in der Nähe sind. Das wird im nächsten Satz geklärt, dann kommt allerdings die Aussage, dass die Wohnmobile leer sind, was ebenfalls das Gegenteil von dem ist, was man bis zu dieser Stelle angenommen hat. Und dann wird wieder etwas Gegenteiliges gesagt, nämlich dass doch Leute hier wohnen. Also die Gefahr eventuell von diesen Leuten ausgeht.

Man kann sich hier jetzt streiten, ob die Doppeldeutigkeit gut oder schlecht ist, ich tendiere bei einem Text dieses Genres zu schlecht.

Die auktoriale Eröffnung – “Ardeen – Der Kreis der Magie” von Sigrid Kraft (High Fantasy)

“Ardeen – der Kreis der Magie” ist der erste Band einer High-Fantasy-Reihe, die im SP erschienen ist und inzwischen zehn Bände umfasst. Ich habe auf einer Messe mal eine Broschüre dazu mitgenommen, man frage mich nicht nach Einzelheiten. Alle meine Leseproben sind mindestens zwei Jahre alt, weil ich aus bekannten Gründen seit zwei Jahren auf keiner Buchmesse mehr war, zumindest auf keiner, auf der gedruckte Leseproben verteilt wurden.

Schauen wir uns mal den ersten Absatz an, meine lektoralen Anmerkungen gleich eingefügt (normalerweise in Rot am Rand): Ein junger Bursche (Pleonasmus!*) läuft durch hohes Gras (Was heißt hoch?). Er ist schlacksig, dann wird dasselbe noch mal gesagt (in die Höhe geschossen), und dann noch mal (schmale Schultern, hier mit einer doppelten Verneinung & einem relativierenden Füllwort “nicht besonders breit in den Schultern”), dann kommt die eigentliche Information, im Nebensatz: Er ist sehnig und kräftig.

Dabei steht ein dennoch: Wenn es wichtig ist, dass er trotzdem kräftig ist, dann müsste auch gesagt werden, welchen Umständen zum Trotz. Dass er noch jung ist? Oder dass er eigentlich ein dürrer Hänftling ist? Dass die Haare lang und blond sind, würde ich noch gelten lassen, auch wenn es eigentlich überflüssig ist, allerdings zeigt das ganze sprachliche Hin und Her, wo hier die Perspektive liegt: nicht bei der Figur.

Dass das Lederband die Sicht freihalten soll, ist klar, der Nebensatz kann weg. So läuft er hoch, so was? So wie beschrieben? Das ist klar und braucht keine extra Erwähnung. Beginnnen ist ein ganz böses Wort, siehe hier: https://www.facebook.com/plugins/post.php…

Und warum läuft ihm der Schweiß den Rücken runter, wenn die Steigung nur sanft ist?

Bis hierhin sind das alles Kleinigkeiten, wenn auch ziemlich viele für vier Sätze. Aber der letzte Satz hat ein größeres Problem. Bisher lag der Fokus irgendwo über der Figur, sie wurde von außen und tendenziell von oben beschrieben. Jemand schwebt über ihm und beschreibt ihn: Da ist ein junger, recht dünner Mann mit einem einfachen Zopf, unter seinen Füßen ist Gras. Nun weitet sich der Blick, vorher wussten wir nur, was auf dem Boden war, jetzt erfahren wir, es ist ein Berghang. Der Fokus geht also weiter weg von der Figur, wir erheben uns quasi über sie und sehen die Umgebung. Der junge Mann läuft einen Berghang hoch.

Aber was ist das für ein Berg? Die Umgebung ist überhaupt nicht beschrieben. Man könnte jetzt argumentieren, dass die Figur ganz bei sich ist, in ihrem Lauf versunken, auf ihren Körper fokussiert und nicht auf die Umgebung. Aber das funktioniert nicht. Warum? Weil die Perspektive eindeutig außerhalb der Figur liegt. Sie wird von außen beschrieben, wir erfahren nichts über ihr Inneres, nicht mal die körperlichen Vorgänge werden innerlich benannt, alles sind äußere Vorgänge, wie von einem Beobachter beschrieben. Das ist eine auktoriale Eröffnung, wie sie im Buche steht.

Und ein auktorialer Beobachter würde natürlich die Umgebung wahrnehmen. Er würde sie sogar für sehr wichtig halten.

Eine Geschichte handelt von den Figuren in ihr und was interessant ist, von der Perspektive der Figur. Der Erzähler sollte sich raushalten, es interessiert den Leser nicht, wie die Figur aussieht, sondern was sie fühlt. Was sie empfindet, sieht und denkt. Wenn man hier mal gedanklich die Perspektive wechselt, durch die Augen des jungen Mannes schaut und dann versucht, die Szene zu beschreiben, ergeben sich tausend kleine Details: Wie sieht die Umgebung konkret aus? Ist er im Gebirge, sieht er Bergketten? Oder in einer sanften Hügellandschaft voller Wiesen? Gibt es Wald? Steuert er auf den Wald zu? Ist der Wald um ihn herum und er sieht nichts, außer Bäume? Die Haare und seine Muskeln interessieren ihn nicht, aber wohl, was er vorhat. Ist er auf der Jagd? Oder macht er einen Dauerlauf? Hat er es vielleicht eilig und deshalb läuft ihm auf der sanften Steigung der Schweiß runter? Oder er ist gar nicht trainiert, sondern auf der Flucht? Wie fühlt er sich? Erschöpft? Entspannt? Genießt er die Natur?

Allgemein gehört all das in die Eröffnungsszene: Was macht der Bursche da? Was will er? Wer ist er überhaupt? Was könnte schiefgehen? Was wünscht er sich, was hofft er, Gefühle, Konflikte, Probleme. Irgendwas davon sollte im ersten Absatz kommen, das erzeugt Mikrospannung. Auktoriale Schilderungen entfernen von der Figur und erzeugen Distanz, ganz wortwörtlich, aber auch, was die Gefühle des Lesers betrifft.

Wenn man eine auktoriale Eröffnung macht (denn natürlich kann man alles machen, was man will, wenn es gut ist), dann muss man sich an die geänderten Regeln halten. Der Beobachter schwebt über der Figur und damit ist der Fokus auf der gesamten Szenerie. Diese wird beschrieben, dann die Figur darin und oft auch, was die Figur dort macht. Denn der auktoriale Erzähler kann zwar nicht in den Kopf der Figur gucken und ihre Gefühle benennen, aber er kennt sie, er weiß, was vorher passiert ist und weiß folglich auch, warum die Figur jetzt hier ist. Es bietet sich in einer solchen Szene an, weit zu beginnen und sich dann der Figur immer mehr zu nähern, als würde die Kamera tatsächlich langsam heranzoomen. Dann ist der Leser gefühlsmäßig auch nah an der Figur, aber man konnte die Vorteile des auktorialen Erzählers nutzen.

* Pleonasmus = Häufung sinngleicher oder sinnähnlicher Wörter oder Ausdrücke, wenn man also mindestens zweimal dasselbe sagt: ein weißer Schimmel, eine weibliche Verkäuferin, ein alter Greis. Es gibt auch “gute” Pleonasmen, spontan fällt mir Schiller ein: “Und es wallet und siedet und brauset und zischt.” oder auch der Ausdruck “ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen”. In Reden und Ansprachen wird das auch oft eingesetzt. In der geschriebenen Sprache dagegen, vor allem am Anfang, wo der Platz knapp ist und eine Menge Informationen vermittelt werden müssen, sollte man auf unnötige Dopplungen verzichten. Burschen sind immer jung, ein Bursche ist per Definition ein männlicher Mensch im Teenageralter. Es ist auch stilistisch nicht so schön, weil jede Information vom Leser verarbeitet werden muss und doppelte Informationen mehr Platz einnehmen, aber keinen zusätzlichen Gewinn bringen.

MCU reloaded – diesmal eine Mitte

Heute mal kein Anfang, sondern eine Mitte, nämlich eine Kampfszene aus “The Falcon and the Wintersoldier”, zur Zeit zu sehen bei Disney+, Fortsetzung des MCU in Phase 4.

Die Szene, die ich besprechen möchte, kommt in Folge 4, etwa in der Mitte (etwa ab 30 Minuten), die Serie hat insgesamt 6 Folgen. Ab hier jetzt SPOILERALARM, das lässt sich bei einer Besprechung leider nicht ganz verhindern, aber ich kann allen, die mit Kampfszenen ringen, nur empfehlen, sich damit zu beschäftigen.

Bis zu dem Zeitpunkt in Folge 4 sind vier Fraktionen etabliert, die beiden Titelhelden (Sam Wilson, Bucky Barnes), die, um eine Terroristengruppe zu fangen, einen Deal mit Zemo eingegangen sind, einem zwielichtigen Verbrecher, der etwas gegen Superhelden hat und dafür in einer der vorangegangenen Phasen als Kollateralschaden leider den König von Wakanda umgebracht hat. Wir haben es hier also mit einer moralisch nicht ganz einwandfreien Zusammenarbeit zu tun.

Die nächste Fraktion ist ein Möchtegern-Captain-Amerika (zu sehen auf dem Bild), der nach dem Ausscheiden von Steve Rogers am Ende von Phase 3 von der Regierung als Träger des Schildes ausgewählt wurde, und schließlich die (sehr effektive) weibliche Kampftruppe des Landes, dessen König Zemo auf dem Gewissen hat. Letztere wollen nur Zemo wieder einfangen, die anderen Fraktionen sind sich uneinig, wie man den Terroristen das Handwerk legen soll, und Bucky ist zudem den Kriegerfrauen verpflichtet, weil sie ihm seinen freien Willen und damit sein Leben wiedergegeben haben.

In diesem Gemenge greifen die Damen nun an, weil sie Zemo haben wollen, Möchtegern-Captain-Amerika stellt sich ihnen entgegen, mit den überheblichen Worten: “Ihr seid hierfür nicht zuständig”, die Dora Milaje (so der Name der Damentruppe, was die Bewunderten bedeutet) erwidern: “Die Dora Milaje sind überall dort zuständig, wo sie gerade sind.” Und dann machen sie Captain Amerika platt.

Die Kampfszene ist kurz und zeigt: Man kann den geilsten Schild von allen haben, manche sind halt immer noch besser. Sie demütigen Möchtegern-Captain-Amerika, und diese Demütigung dient im weiteren Verlauf der Serie als Motivation für den Charakter, sich fragwürdigen Methoden der Kampfkraftstärkung zuwenden (man ahnt es, niemand kann der Versuchung widerstehen außer Steve Rogers).

Gleichzeitig entwickelt die Kampfszene die Hintergrundstory der beiden Titelhelden weiter und Zemo entkommt natürlich (Sam und Bucky greifen ein, um Möchtegern-Captain-Amerika zu helfen, weil ihnen das die weniger schlechte Wahl zu sein scheint, und werden ebenfalls platt gemacht). Zemo macht sich nämlich das Durcheinander zunutze und haut auf einem präparierten Fluchtweg ab (Zemo ist halt der Schlauste in der ganzen Truppe und nicht so ein Haudrauf).

Wir sehen ein paar knackige Kampfszenen mit ein paar schönen Choreografien, deren Verlauf und Ende auf den Anfang abgestimmt sind (die Dora Milaje reden nicht, sie handeln) und alle Beteiligten einbindet, ihre Charakterstorys weiterentwickelt und den Plot weiterbringt. Am Ende machen die Dora Milaje klar, dass sie Möchtergern-Captain-Amerika jederzeit seinen Schild hätten wegnehmen können, dass sie Bucky Barnes zwar gerettet haben, aber nicht so dumm sind, sich nun auf seine Freundlichkeit zu verlassen, und dann verfolgen sie Zemo, den sie in der nächsten Folge dann mit Buckys Hilfe auch fassen (weil Bucky ist der Gute und macht seine Fehler wieder gut).

Bis dahin hat Möchtegern-Captain-Amerika allerdings dann die Sache mit den Terroristen total verkackt und Sam kommt wieder als Retter der Welt ins Spiel, mit dem Bucky, u.a. wegen dieser Kampfszene, inzwischen eine Bindung aufgebaut hat. Alles in einer Szene. Das nenne ich Ziel, Konflikt und Motivation ideal umgesetzt.