“Die Königin der Flammen” von Anthony Ryan (High Fantasy)

High Fantasy vom Feinsten, wie man am Cover und den Titeln gut erkennen kann, handelt es sich um heroische Sword-Fantasy, ob auch Sorcery dabei ist, kann ich nicht sagen, ist aber auch egal. Es geht ums Draufhauen und gut Dastehen.

Anthony Ryan ist ein englischer New-York-Times-Bestsellerautor und die Übersetzungen seiner Romane sind bei Klett-Cotta erschienen. “Die Königin der Flammen” ist der dritte Band einer Trilogy, die zwischen 2013 und 2015 erschienen ist. Leseprobe findet sich hier.

Es gibt wieder einen Prolog, hier “Verniers’ Bericht” genannt (den es auch in Band 1 der Reihe gibt und deutlich länger):

Als ich mit meiner Gefangenen am Kai eintraf, stand er bereits da und wartete. Aufrecht wie immer. Das kantige Gesicht dem Horizont zugewandt. Er hatte sihc fest in seinen Mantel gehüllt, um sich vor dem kalten Wind zu schützen. Meine urspürngliche Überraschung, ihn dort vorzufinden, ließ nach, als ich das auslaufende Schiff sah. Es war meldeneischer Bauart, mit schlankem Rumpf, und auf dem Weg in die Nordlande. An Bord befand sich ein wichtiger Passagier, den er – wie ich wusste – sehr vermissen würde.

Eine klare Handlungsbeschreibung, die ein bisschen Spannung reinbringt: Der Erzähler hat einen Gefangene und will sie vermutlich mit einem Schiff irgendwohin bringen. Er ist vielleicht ein Kopfgeldjäger oder ein Soldat, auf jeden Fall ein Kämpfer. Mikrospannung zu Beginn: Wer ist die Gefangene und warum hat er sie gefangen genommen? Was passiert mit ihr als nächstes? (üblicherweise geht in einem solchen Setting ja was schief)

Doch dann schwenkt die Beschreibung ab, es wird ein unbekannter Mann beschrieben, der offenbar von jemandem Abschied nimmt, die Beschreibung wird genutzt, um das Setting einzuführen (kalt, meldeneisch, Nordlande), wir wissen jetzt also, das hier ist High Fantasy mit Kämpfern, aber es geht auch um Gefühle. Und am Ende des ersten Absatzes wird eine dritte Frage aufgeworfen, die mehr szenisch ist: Wer ist der Mann und wen wird er vermissen und warum? Man geht ja davon aus, dass das nun demnächst geklärt wird.

Die Frage nach der Gefangenen sollte in den größeren Plot eingebunden sein, sei es nun als Aufhänger oder weil sie eine wichtige (Neben)Figur ist. Mit ihr beginnt der Roman, und mit den Beziehungen des Erzählers geht es weiter.

Kapitel 1 beginnt so:

Lyrna
Der Schnee weckte sie.

Lyrna ist die Benennung des Perspektivcharakters, das zweite Kapitel hat einen anderen, dessen Name auch vorangestellt ist. Das ist in High-Fantasy üblich, vor allem wenn es viele Figuren gibt, damit der Leser nicht verwirrt wird. Natürlich steht in Schreibratgebern immer, Perspektivcharaktere müssen so unterschiedlich geschrieben sein, dass man sie nicht verwechseln kann, und den Namen an den Anfang zu schreiben, sei eine Abkürzung, die nur schlechte Autoren machen, aber meine Erfahrung ist, dass es häufiger angewendet wird, als man denkt.

Im Genre geht es ja auch im Lesbarkeit, der Text soll flüssig und leicht wegzulesen sein, da stört es unter Umständen, wenn jede Figur eine eigene Stimme hat. Manche Autoren beherrschen das auch nicht, die Figuren haben immer diesselbe Stimme, aber sie können trotzdem gut Fantasy schreiben (was auch nicht jedem gegeben ist). Gerade in heroischer Fantasy mit vielen Kämpfen, die in einer anderen Welt spielt, braucht es schriftstellerische Fähigkeiten zur Darstellung des Kampfes und der Welt an sich, die mitunter wichtiger sind als gut unterscheidbare Figuren. Und Multiperspektive ist da inzwischen ja fast schon Standard. Da ist dieses Hilfsmittel leicht zu vergeben.

Kommen wir zum ersten Satz: “Der Schnee weckte sie.” Klingt erst mal harmlos, hat es aber in sich. Durch die Verwendung des Pronomens geht der Fokus weg von der Figur hin zur Umgebung. Da steht: Es schneit. Dann wird klar, die Figur hat geschlafen. Im Schnee etwa? Ist das nicht … äh, kalt? Man liest weiter und da wird es jetzt sehr sinnlich

Sanfte, eisige Liebkosungen auf der Haut – kitzelnd, aber nicht unangenehm – riefen sie aus der Dunkelheit zurück.

Am Anfang Nominalstil – als Lektor frage ich mich an solchen Stellen immer, ob es auch mit Verb gegangen wäre, doch wenn man es dann ausprobiert, stellt man manchmal fest, nein, es geht nicht, zumindest nicht ohne die halbe Seite umzuschreiben. So ist es auch hier, ich kriege nichts hin, was diese Menge an Information (es ist sanft, eisig, liekost, kitzelt und angenehm) auf so kurzer Strecke zusammenfasst, man will ja schnell weiter, um zu erfahren, wer sie ist und was sie im Schnee macht.

Es kommen dann noch mehrere Sätze, die das langsame Erwachen der Figur beschreiben, drei Stück plus ein wenig Gedankenstrom, im ganzen neun Zeilen. Ein ziemlich langer erster Absatz, der nie den Namen der Figur nennt. Er am Anfang des 2. Absatzes steht er dann, “Lyrna öffnete den Mund …”. Da der Autor aber den Namen des Perspektivcharakters ohnehin vor den Text gestellt hat und das der 3. Band ist und die Leser die Figur kennen, kann er sich einen ganzen Absatz Zeit lassen, um das ungewöhnliche Erwachen der Figur im Schnee zu beschreiben und damit den Leser in den Text zu ziehen.