“Der Astronaut – Project Hail Mary” von Andy Weir (Science Fiction)

Was ist zwei plus zwei?
Aus irgendeinem Grund ärgert mich die Frage. Ich bin müde.

Dieser Anfang ist … seltsam. Man geht in das Buch mit der Information, dass es ein Science-Fiction-Roman sein wird, wie er im Buche steht: Raumschiffe, Weltraumrätsel, das Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel.

Ja, niedriger ist es normalerweise nicht angesetzt. Das All hat diese Wirkung auf uns. Im Angesicht der Unendlichkeit geht es um … alles.

Und nun dieser Anfang. Dieser recht banale Anfang. Jemand stellt eine Frage, der Ich-Erzähler mag die Frage nicht. Er ist müde. Er will schlafen. Offene Fragen beim Leser: Wer fragt? Wer und wo ist der Ich-Erzähler? Warum will er schlafen, wenn er doch die Menschheit retten soll?

Die erste Frage (Wer fragt?) wird im Folgenden relativ schnell beantwortet, der Fragende ist ein Computer. Der Rest ist auch dem Ich-Erzähler unklar, und er sagt das auch so: “Was ist hier eigentlich los?” Das ist wichtig, denn das orientiert den Leser, dass nicht nur er es nicht weiß, sondern dass es tatsächlich unbekannt ist. Das Nicht-Wissen ist Teil der Handlung, nicht ein Schreibfehler.

Der Ich-Erzähler weiß nicht, wo er ist, und warum ihm jemand eine Rechenaufgabe stellt. Er tastet sich langsam ran, über drei Seiten wird das Aufwachen geschildert. Klassische Science-Fiction-Eröffnung, jemand erwacht auf einem Raumschiff und weiß nicht, was los ist. Die Perspektive ist konsequent bei der Figur, man erfährt nur, was diese Figur wahrnimmt, und das ist nicht viel.

Das funktioniert, weil man aus dem Klappentext die grundsätzliche Informationen hat, und weil es gut geschrieben ist. Empfehlenswerte Lektüre für den Adepten der perfekten ersten Seite.

P.S. Ich war inzwischen im Kino und kann den Film nur jedem Science-Fiction-Schreiber empfehlen. Er ist herzerwärmend und teilweise schon fast goldig, hervorragend gespielt und sehr lustig. Mit Wissenschaft hat das Ganze praktisch nichts zu tun, die Astronomie und Physik sind stellenweise kompletter Blödsinn, aber das ist auch nicht der Fokus des Films. In dieser Hinsicht zumindest passt er zum Anfang, der konsequent bei der Figur ist, beim Menschlichen. Es gibt viele SF-Romane, die beschäftigen sich mit der Wissenschaft, da wird über Neutronensterne geschrieben und über wandernde Erden, darüber, wie realistische, interplanetare Raumfahrt aussieht, und über die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass es da draußen Leben gibt (und wenn nicht, warum nicht).

Und dann gibt es Science Fiction, die beschäftigt sich mit der Frage: Was heißt es, ein Mensch zu sein? Project Hail Mary ist diese Sorte Geschichte.

(Science Fiction) Matt Haig “Ich und die Menschen”

Die Buchbeschreibung von dtv ist ja schon mal nicht so überzeugend.

Ein brillanter, witziger, emotionaler Roman über die alltäglichen und die ganz großen Dinge im Leben – kurz gesagt, über das Menschsein!

Ja, okay, das trifft auf auf ungefähr alle Romane zu? Zumindest das “Menschsein” ist ein zentrales Thema jeder Literatur. Schauen wir uns diesen Mal an, er beginnt mit einem Prolog, wenn auch einem etwas seltsamen. Er ist mit “Vorwort zur terrestrischen Ausgabe” betitelt und beginnt so:

Hallo, Mensch. Wie geht es dir?
Du siehst gut aus. Ja, wirklich, trotz der Nase.

Was sagt uns das über das Buch?

Es ist witzig. Es hat Humor. Es geht um Menschen (wenig überraschend nach dem Teaser) und was sie ausmacht, aber auf eine witzige Weise. Also ein großes Thema, lustig verpackt.

Das ist eigentlich immer ein Verkaufsschlager, passt auch gut zum Klappentext und zur Buchbeschreibung, ich persönlich finde es grenzwertig langweilig, weil zu weit gesteckt, und Humor müsste der Autor erst mal beweisen. Große Themen kann man auch verhauen, wenn man nichts zu sagen hat, und über das große Thema “Was bedeutet es, ein Mensch zu sein” erfahre ich ja nichts über das Buch. Und Humor ist auch sehr unterschiedlich.

Ich würde mal weiterlesen, um herauszufinden: Ist das Buch wirklich so witzig, wie es behauptet wird und kann es tatsächlich Wahrheiten über das Menschsein erzählen, die ich vorher so nicht kannte?

Damit ist das Ziel des ersten Satzes erreicht, der skeptische Leser liest weiter. Wenn das Buch jetzt (möglichst schnell) liefert, was es verspricht, dann ist alles gut.

Anmerkung: Das Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen, “The Humans” von Matt Haig, der Autor ist ein sehr erfolgreicher britischer Phantastikautor. In der englischen Originalausgabe fehlt das “Vorwort zur terrestrischen Ausgabe”, sie beginnt mit dem zweiten Vorwort, “Eine unlogische Hoffnung trotz erdrückender Widrigkeiten”, im Original “Preface: An Illogical Hope in the Face of Overwhelming Adversity”. Keine Ahnung, was da los war und wo das zusätzliche Vorwort herkommt.

MCU reloaded – diesmal eine Mitte

Heute mal kein Anfang, sondern eine Mitte, nämlich eine Kampfszene aus “The Falcon and the Wintersoldier”, zur Zeit zu sehen bei Disney+, Fortsetzung des MCU in Phase 4.

Die Szene, die ich besprechen möchte, kommt in Folge 4, etwa in der Mitte (etwa ab 30 Minuten), die Serie hat insgesamt 6 Folgen. Ab hier jetzt SPOILERALARM, das lässt sich bei einer Besprechung leider nicht ganz verhindern, aber ich kann allen, die mit Kampfszenen ringen, nur empfehlen, sich damit zu beschäftigen.

Bis zu dem Zeitpunkt in Folge 4 sind vier Fraktionen etabliert, die beiden Titelhelden (Sam Wilson, Bucky Barnes), die, um eine Terroristengruppe zu fangen, einen Deal mit Zemo eingegangen sind, einem zwielichtigen Verbrecher, der etwas gegen Superhelden hat und dafür in einer der vorangegangenen Phasen als Kollateralschaden leider den König von Wakanda umgebracht hat. Wir haben es hier also mit einer moralisch nicht ganz einwandfreien Zusammenarbeit zu tun.

Die nächste Fraktion ist ein Möchtegern-Captain-Amerika (zu sehen auf dem Bild), der nach dem Ausscheiden von Steve Rogers am Ende von Phase 3 von der Regierung als Träger des Schildes ausgewählt wurde, und schließlich die (sehr effektive) weibliche Kampftruppe des Landes, dessen König Zemo auf dem Gewissen hat. Letztere wollen nur Zemo wieder einfangen, die anderen Fraktionen sind sich uneinig, wie man den Terroristen das Handwerk legen soll, und Bucky ist zudem den Kriegerfrauen verpflichtet, weil sie ihm seinen freien Willen und damit sein Leben wiedergegeben haben.

In diesem Gemenge greifen die Damen nun an, weil sie Zemo haben wollen, Möchtegern-Captain-Amerika stellt sich ihnen entgegen, mit den überheblichen Worten: “Ihr seid hierfür nicht zuständig”, die Dora Milaje (so der Name der Damentruppe, was die Bewunderten bedeutet) erwidern: “Die Dora Milaje sind überall dort zuständig, wo sie gerade sind.” Und dann machen sie Captain Amerika platt.

Die Kampfszene ist kurz und zeigt: Man kann den geilsten Schild von allen haben, manche sind halt immer noch besser. Sie demütigen Möchtegern-Captain-Amerika, und diese Demütigung dient im weiteren Verlauf der Serie als Motivation für den Charakter, sich fragwürdigen Methoden der Kampfkraftstärkung zuwenden (man ahnt es, niemand kann der Versuchung widerstehen außer Steve Rogers).

Gleichzeitig entwickelt die Kampfszene die Hintergrundstory der beiden Titelhelden weiter und Zemo entkommt natürlich (Sam und Bucky greifen ein, um Möchtegern-Captain-Amerika zu helfen, weil ihnen das die weniger schlechte Wahl zu sein scheint, und werden ebenfalls platt gemacht). Zemo macht sich nämlich das Durcheinander zunutze und haut auf einem präparierten Fluchtweg ab (Zemo ist halt der Schlauste in der ganzen Truppe und nicht so ein Haudrauf).

Wir sehen ein paar knackige Kampfszenen mit ein paar schönen Choreografien, deren Verlauf und Ende auf den Anfang abgestimmt sind (die Dora Milaje reden nicht, sie handeln) und alle Beteiligten einbindet, ihre Charakterstorys weiterentwickelt und den Plot weiterbringt. Am Ende machen die Dora Milaje klar, dass sie Möchtergern-Captain-Amerika jederzeit seinen Schild hätten wegnehmen können, dass sie Bucky Barnes zwar gerettet haben, aber nicht so dumm sind, sich nun auf seine Freundlichkeit zu verlassen, und dann verfolgen sie Zemo, den sie in der nächsten Folge dann mit Buckys Hilfe auch fassen (weil Bucky ist der Gute und macht seine Fehler wieder gut).

Bis dahin hat Möchtegern-Captain-Amerika allerdings dann die Sache mit den Terroristen total verkackt und Sam kommt wieder als Retter der Welt ins Spiel, mit dem Bucky, u.a. wegen dieser Kampfszene, inzwischen eine Bindung aufgebaut hat. Alles in einer Szene. Das nenne ich Ziel, Konflikt und Motivation ideal umgesetzt.

“Ein bisschen wie Unendlichkeit”von Harriet Reuter Hapgood (Jugendbuch, SF)

Der erste Satz sitzt schon mal. “Meine Unterwäsche hängt im Apfelbaum” erzeugt so viel Mikrospannung, wie nur geht. Haufenweise Fragen schießen einem durch den Kopf – warum hängt die da, ist die Ich-Erzählerin nackt, welcher Apfelbaum, welche Unterwäsche, war der Hund beteiligt?, usw., usf. – und das ist genau das, was ein erster Satz machen soll: Spannung und Fragen erzeugen.

Danach geht es mit einer Umgebungsbeschreibung weiter, die dem Leser die Möglichkeit gibt, die Situation einzuordnen, in der sich die Ich-Erzählerin befindet, aus der heraus die Unterwäsche in den Apfelbaum gelangt ist. Sie erzeugt Stimmung und gibt den Ton und das Thema des Buches vor: Gegensätze, aus der Perspektive des Protagonisten geschildert (Sonnenschein – dunkel, kippt den Kopf), irgendwas mit Problemen zuhause (Garten kippt, traurigste Girlande), vielleicht Erwachsenwerden (das Bild einer Person, die unter einem Apfelbaum liegt und nach oben guckt), es geht ans Eingemachte (Krabbeltiere).

Der ganze Absatz, der natürlich noch weitergeht, ist voller Bilder und Formulierungen, die in kleinen Happen klar machen, was für eine Art Roman wir vor uns haben, worum es gehen wird und auf welche Art die Autorin darüber berichtet: nämlich mittels Sprache. Sie nutzt Sprache, um an die Geheimnisse und Innererien ihrer Protas heranzukommen (traurigste Girlande), um deren Weltsicht zu zeigen (limonadiger Sonnenschein) und auseinanderzunehmen (Gegensatzpaar Sonne/dunkel, Limonade/Insekten). Der Roman wird auch Handlung haben, sicher, aber der Text und die Art, wie er geschrieben ist, sind genauso wichtig. Das suggeriert auch schon der metaphorisch klingende Titel.

So, und nun zu Autorin und Buch. Der Verlag sagt zu “Ein bisschen wie Unendlichkeit”:

Ein Roman voller tiefgreifenderer, schicksalhafter Romantik, Gefühl und Warmherzigkeit – überraschend, poetisch und wortgewaltig

Gottie lebt in ihrer ganz eigenen Welt. Während alle um sie herum in den Ferien von einer Party in die nächste hechten, den Tag am Strand verbringen oder andere Dinge erleben, liegt sie lieber unter dem Apfelbaum, schaut in die Sterne und philosophiert über das Universum. Sie kennt jede Theorie zu Raum und Zeit und kann alles mit einer Formel erklären. Doch in ihrem eigenen Leben gerät einiges ins Trudeln: Sie versteht nicht, wieso ihr Sandkastenfreund Thomas vor Jahren so plötzlich verschwand und nun wieder an ihre Türe klopft. Warum niemand sieht, wie sehr sie mit dem Verlust ihres Großvaters zu kämpfen hat. Und vor allem nicht, warum sie scheinbar durch die Zeit reist und schon erlebte Szenen neu durchlebt. Wird Gottie am Ende die Formel der Liebe und des glücklichen Lebens finden?

Für alle, die in der Unendlichkeit des Universums verloren gehen möchten – denn um Unendlichkeit zu spüren, genügt ein Augenblick!

Tja, das hätten wir dann recht gut angeteasert, oder? Harriet Reuter Hapgood ist Brittin und hat nach diesem Buch (das im Orignal “The Square root of Summer” heißt) an einem weiteren Buch namens “How to be luminous” gearbeitet. Wieder geht es um Frauen, der Gefühle und Probleme in lyrischer Sprache geschildert werden.