(Kinderbuch) “Woodwalkers” von Katja Brandis

“Woodwalkers – Carags Verwandlung” ist der erste Band einer Kinderbuchreihe von Arena, in der es um Gestaltwandler geht. Zielgruppe sind Leseanfänger und Kinder bis 12.

Der Roman fängt mit einer kurzer Bemerkung an, dass der Ich-Erzähler Mystery-Boy getauft wurde, weil er eines Tages aus dem Wald aufgetaucht ist, sich aber an nichts erinnern kann (Leseprobe hier). Tatsächlich kann er sich sehr gut erinnern und erzählt im 1. Kapitel seinen ersten Tag bei den Menschen.

Menschenwunder
Auf weichen Pfoten liefen wir durch den Kiefernwald, meine Mutter, meine ältere Schwester Mia und ich.
Wir, das sind: meine Mutter, meine ältere Schwester Mia und ich.
Ich war aufgeregt.

Kinderbücher, vor allem welche zum Lesenlernen brauchen eine einfache Sprache. Orientierung (wer, wann, wo) ist hier noch wichtiger als sonst, das nächste ist dann, ein wenig auf das Thema des Buches, auf den emotionalen Konflikt hinzuweisen. Das ist hier eindeutig Familie, Aufwachsen, eventuell Getrenntwerden, mit einem kleinen Einschlag sensorischer Exotik (die weichen Pfoten).

Durch die Einleitung ist klar, was jetzt kommt, zumindest im Groben, jetzt kann Kind sich auf die Details einlassen, und in diesen Details wird es um die Mutter und um die Geschwister gehen, etwas, was bei 8- bis 12-Jährigen sehr wichtig ist. Das Thema bereitet auf zukünftige Aufgaben vor, aber immer noch verwurzelt in Heimat, Zuhause und Familie, also sicher. Das bisschen Exotik lädt zu Abenteuer ein.

“Die längste Nacht” von Isabel Abedi (Jugendbuch)___________

Abedi ist eine deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin, das Buch ist 2016 bei Arena erschienen. Die Protagonistin, eine Ich-Erzählerin, ist die 17-jährige Vita, es geht um alte Familiengeheimnisse und Selbstfindung.

Der erste Satz ist etwas platt, aber voller Spannung. Er sagt: Es gibt keine Zufälle, ich musste das nur erst lernen, und hier kommt jetzt die Geschichte, wie ich das gelernt habe. Die Aussage, es gibt keinen Zufall, beinhaltet, dass alles zusammenhängt, was etwas Kindliches hat. Es ist also genau das Gegenteil von dem, was ein Buch übers Erwachsenwerden beinhalten würde, den Weg weg vom Kindsein. Womöglich liegt hier die Aussage, das Thema drin, es wäre also spannend das Buch zu lesen und das herauszufinden. Vielleicht geht es auch darum, sich etwas Kindliches, Unschuldiges zu bewahren, man weiß es nicht und muss das auch nicht, der erste Satz soll ja zum Weiterlesen animieren.

Dann kommt der Hook, das Ereignis, mit dem die Geschichte anfängt. Das entspricht recht genau dem, was im Klappentext steht, orientiert den Leser also, auch ohne, dass schon allzu viel von der eigentlichen Geschichte erzählt worden ist.

Und dann kommt etwas Seltsames, nämlich die Angst vor fliegenden Objekten. Der Absatz geht hier noch weiter, er ist in der Tat recht lang für einen ersten Absatz. Aber die Angst wird weiter erläutert, auch dass sie irrational und unverständlich ist, und am Ende steht der Satz: “War ich vor jenem Sommer vielleicht selbst noch nicht bereit für die Wahrheit, die so tief in mir versteckt war?”

Auch hier wieder das Thema: Irgendwie hängt alles zusammen, sie wusste es nur noch nicht. Das und die damit verbundene Selbstfindung ist ein wichtiges Thema beim Erwachsenwerden, von daher ist dieser Anfang sehr gelungen.

“Ein bisschen wie Unendlichkeit”von Harriet Reuter Hapgood (Jugendbuch, SF)

Der erste Satz sitzt schon mal. “Meine Unterwäsche hängt im Apfelbaum” erzeugt so viel Mikrospannung, wie nur geht. Haufenweise Fragen schießen einem durch den Kopf – warum hängt die da, ist die Ich-Erzählerin nackt, welcher Apfelbaum, welche Unterwäsche, war der Hund beteiligt?, usw., usf. – und das ist genau das, was ein erster Satz machen soll: Spannung und Fragen erzeugen.

Danach geht es mit einer Umgebungsbeschreibung weiter, die dem Leser die Möglichkeit gibt, die Situation einzuordnen, in der sich die Ich-Erzählerin befindet, aus der heraus die Unterwäsche in den Apfelbaum gelangt ist. Sie erzeugt Stimmung und gibt den Ton und das Thema des Buches vor: Gegensätze, aus der Perspektive des Protagonisten geschildert (Sonnenschein – dunkel, kippt den Kopf), irgendwas mit Problemen zuhause (Garten kippt, traurigste Girlande), vielleicht Erwachsenwerden (das Bild einer Person, die unter einem Apfelbaum liegt und nach oben guckt), es geht ans Eingemachte (Krabbeltiere).

Der ganze Absatz, der natürlich noch weitergeht, ist voller Bilder und Formulierungen, die in kleinen Happen klar machen, was für eine Art Roman wir vor uns haben, worum es gehen wird und auf welche Art die Autorin darüber berichtet: nämlich mittels Sprache. Sie nutzt Sprache, um an die Geheimnisse und Innererien ihrer Protas heranzukommen (traurigste Girlande), um deren Weltsicht zu zeigen (limonadiger Sonnenschein) und auseinanderzunehmen (Gegensatzpaar Sonne/dunkel, Limonade/Insekten). Der Roman wird auch Handlung haben, sicher, aber der Text und die Art, wie er geschrieben ist, sind genauso wichtig. Das suggeriert auch schon der metaphorisch klingende Titel.

So, und nun zu Autorin und Buch. Der Verlag sagt zu “Ein bisschen wie Unendlichkeit”:

Ein Roman voller tiefgreifenderer, schicksalhafter Romantik, Gefühl und Warmherzigkeit – überraschend, poetisch und wortgewaltig

Gottie lebt in ihrer ganz eigenen Welt. Während alle um sie herum in den Ferien von einer Party in die nächste hechten, den Tag am Strand verbringen oder andere Dinge erleben, liegt sie lieber unter dem Apfelbaum, schaut in die Sterne und philosophiert über das Universum. Sie kennt jede Theorie zu Raum und Zeit und kann alles mit einer Formel erklären. Doch in ihrem eigenen Leben gerät einiges ins Trudeln: Sie versteht nicht, wieso ihr Sandkastenfreund Thomas vor Jahren so plötzlich verschwand und nun wieder an ihre Türe klopft. Warum niemand sieht, wie sehr sie mit dem Verlust ihres Großvaters zu kämpfen hat. Und vor allem nicht, warum sie scheinbar durch die Zeit reist und schon erlebte Szenen neu durchlebt. Wird Gottie am Ende die Formel der Liebe und des glücklichen Lebens finden?

Für alle, die in der Unendlichkeit des Universums verloren gehen möchten – denn um Unendlichkeit zu spüren, genügt ein Augenblick!

Tja, das hätten wir dann recht gut angeteasert, oder? Harriet Reuter Hapgood ist Brittin und hat nach diesem Buch (das im Orignal “The Square root of Summer” heißt) an einem weiteren Buch namens “How to be luminous” gearbeitet. Wieder geht es um Frauen, der Gefühle und Probleme in lyrischer Sprache geschildert werden.