Bad Dürkheim, 2015
“Einen Moment, gleich habe ich ihn.”
Das ist der erste Satz des Prologs. Es ist wörtliche Rede, also wissen wir zumindest, dass eine Figur das gerade sagt, durch die Überschrift wissen wir auch wann und wo, also sind wir zumindest orientiert (Wer, wann und wo, sind Fragen, die an jedem Kapitelanfang beantwortet werden müssen, am besten im ersten Satz). Das erzeugt natürlich Mikrospannung, man wird sofort weiter zum nächsten Absatz springen, um zu sehen, wer hier was oder wen demnächst hat.
Wenn man weiterliest, stellt man fest, dass Katharina mit ihrem Ehemann Julius ein altes Haus besichtet, das sie überraschend geerbt hat und von dem sie nichts wusste. “Ihn” war der Haustürschlüssel. Der Ehemann ist sachlich, geschäftsmäßig – wieviel ist das wert, kann man es verkaufen, was muss vorher noch gemacht werden –, Katharina eher zögerlich. Sie versteht nicht, warum sie nichts von dem Haus wusste, sie trauert noch um ihre Mutter. Es kommt zum Streit, den der Mann schnell beilegt, indem er darauf hinweist, dass sie ja keine Bindung an das Haus hätte – was der Leser längst als falsch erkannt hat – und dann auch nachgibt, als sie doch nicht gleich alle Möbel wegschmeißen will.

Mit diesem Wissen bekommt der erste Satz noch mal eine ganz neue Unterspannung, sie findet den Schlüssel nicht, sie muss erst mal ewig in ihrer Handtasche rumwühlen, während ihr Mann ungeduldig hinter ihr wartet. Sie will gar nicht, sie ist zögerlich, sie will dieses Haus nicht sofort betreten, um es dann wie einen unbedeutenden Gegenstand abzuschätzen, wie etwas, was man sofort wieder loswird und wo man nur darüber nachdenkt, wie man das mit möglichst wenig Aufwand und gewinnbringend über die Bühne kriegen kann.
Aber ihr Mann drängelt.
Solche rückwirkende Mikrospannung ist ein zweischneidiges Schwert, einerseits ist es natürlich gut gemacht und wenn der erste Satz im Gedächtnis bleibt, wird die Spannung schön aufgebaut und gesteigert.
Allerdings muss man vorsichtig sein, denn nicht alle ersten Sätze prägen sich ein und unter Umständen sind sie dann nur langweilig, weil man beim ersten Lesen dieses Wissen ja noch nicht hat.





