“Mandeljahre” von Katrin Tempel (Familiensaga/Liebesroman)

Bad Dürkheim, 2015
“Einen Moment, gleich habe ich ihn.”

Das ist der erste Satz des Prologs. Es ist wörtliche Rede, also wissen wir zumindest, dass eine Figur das gerade sagt, durch die Überschrift wissen wir auch wann und wo, also sind wir zumindest orientiert (Wer, wann und wo, sind Fragen, die an jedem Kapitelanfang beantwortet werden müssen, am besten im ersten Satz). Das erzeugt natürlich Mikrospannung, man wird sofort weiter zum nächsten Absatz springen, um zu sehen, wer hier was oder wen demnächst hat.

Wenn man weiterliest, stellt man fest, dass Katharina mit ihrem Ehemann Julius ein altes Haus besichtet, das sie überraschend geerbt hat und von dem sie nichts wusste. “Ihn” war der Haustürschlüssel. Der Ehemann ist sachlich, geschäftsmäßig – wieviel ist das wert, kann man es verkaufen, was muss vorher noch gemacht werden –, Katharina eher zögerlich. Sie versteht nicht, warum sie nichts von dem Haus wusste, sie trauert noch um ihre Mutter. Es kommt zum Streit, den der Mann schnell beilegt, indem er darauf hinweist, dass sie ja keine Bindung an das Haus hätte – was der Leser längst als falsch erkannt hat – und dann auch nachgibt, als sie doch nicht gleich alle Möbel wegschmeißen will.

Mit diesem Wissen bekommt der erste Satz noch mal eine ganz neue Unterspannung, sie findet den Schlüssel nicht, sie muss erst mal ewig in ihrer Handtasche rumwühlen, während ihr Mann ungeduldig hinter ihr wartet. Sie will gar nicht, sie ist zögerlich, sie will dieses Haus nicht sofort betreten, um es dann wie einen unbedeutenden Gegenstand abzuschätzen, wie etwas, was man sofort wieder loswird und wo man nur darüber nachdenkt, wie man das mit möglichst wenig Aufwand und gewinnbringend über die Bühne kriegen kann.

Aber ihr Mann drängelt.

Solche rückwirkende Mikrospannung ist ein zweischneidiges Schwert, einerseits ist es natürlich gut gemacht und wenn der erste Satz im Gedächtnis bleibt, wird die Spannung schön aufgebaut und gesteigert.

Allerdings muss man vorsichtig sein, denn nicht alle ersten Sätze prägen sich ein und unter Umständen sind sie dann nur langweilig, weil man beim ersten Lesen dieses Wissen ja noch nicht hat.

“Vier Jahre ohne dich”/”Strike oder die Unwahrscheinlichkeit …” von Katharina Wolf (Young Adult)

“Vier Jahre ohne dich” beginnt mit einem Prolog.

Ich wachte plötzlich auf. Schlagartig. Kein langsames Erwachen, bei dem man sich noch minutenlang wehrt und versucht, sich krampfhaft an die wohltuende Bewusstlosigkeit oder den angenehmen Traum zu klammern.

Der erste Satz ist gut. “Ich wachte plötzlich auf.”

Danach müsste es dann mit der Umgebung weitergehen, die Figur wacht auf, was spürt, fühlt, sieht sie? Stattdessen kommen fünf Ellipsen, die ersten drei beschreiben, was sie nicht tut (langsam aufwachen), die letzten beiden noch mal das abrupte Aufwachen (Völlig wach. Ohne Umwege.)

Dann kommt der nächste Satz:

Ich schlug die Augen auf und bereute es sofort.

Man fragt sich, warum sie es bereut, das wird dann in den darauffolgenden Sätzen beschrieben, hier kommen die Sinneseindrücke, die an den Anfang gehören:

Mein Kopf schmerzte erbarmungslos und in meinem Mund herrschte ein auffällig starker Geschmack nach Alkohol und Erbrochenem. Durst. Ich hatte so unglaublichen Durst. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Außerdem tat mein Rücken weh.

Ich weiß, viele teilen meine Abneigung gegen Ellipsen nicht, und man kann sie auch gewinnbringend verwenden, keine Frage. Doch dieser Anfang ist ein gutes Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Obwohl inhaltlich interessant, wird der Leser nach dem spannungsreichen ersten Satz erst in die falsche Richtung gezogen, dann verwirrt und schließlich mit Sinneseindrücken überhäuft, statt sich auf eins zu konzentrieren, dann langsam auszubauen und die Folgen zu schildern. Beim Lesen kam für mich die Frage auf, was will die Autorin hier primär vermitteln? Das ist ohnehin immer eine gute Frage für die erste Szene. Was ist das Wichtigste, was gezeigt (nicht gesagt!) werden soll?

Hier: Die Figur ist derangiert, sie wacht nach einer durchzechten Nacht auf. Das ist die Aussage dieser ersten Absätze.

Allerdings passt das nicht zum ersten Satz. “Ich wachte plötzlich auf.” Das deutet auf eine Störung hin (die durchaus auch aus ihr selbst kommen kann), aber diese Störung kommt nicht mehr. Sie entdeckt langsam ihre Umgebung, also ist sie doch nicht plötzlich da.

Ein weiteres Buch der Autorin, im selben Verlag (Amrun) veröffentlicht, heißt “Strike Strike oder die Unwahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen zu werden und die grosse Liebe zu finden”. Es beginnt so:

Es läutete.

Danach kommt ein Absatz, es geht so weiter:

Endlich Schulschluss. Heute war ein anstrengender Tag gewesen. Vor allem die Doppelstunde Englisch, in der siebten und achten Stunde, hatten mich geschafft.

Der erste Satz ist sehr kurz und erst mal relativ aussagenlos. Läuten kann vieles. Das schafft eine inhaltliche Mikrospannung, man will natürlich wissen, was da läutet, und liest weiter. Der nächste Absatz enthüllt es, er führt ins Setting ein und erzählt auch schon etwas über die Figur. Sie ist offenbar eine Schülerin. Genau weiß man es aber noch nicht, also liest man erneut weiter.

Rein vom Zug her ist der Anfang also gelungen. Danach geht es leider nicht so weiter, es kommt viel Background und praktisch keine Handlung, aber das ließe sich leicht beheben, indem man einfach den Background streicht und direkt zur nächsten Handlung springt (sie geht mit ihrer besten Freundin nach Hause).

“Ein Kuss in den Highlands” von Emily Bold (Romance)

Ein polterndes Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Sofort war Charlotte hellwach. Sie hatte vor dem Zubettgehen jede Tür sorgfältig verschlossen, denn schon die Tatsache, allein mitten im nebelverhangenen schottischen Hochland zu nächtigen, hatte ihr Unbehagen bereitet. Zu genau erinnerte sie sich an all die Geschichten über das alte Volk, die Helen nur zu gerne erzählt hatte. Das Hochland ist magisch, hatte sie immer wieder gesagt. Und unheimlich – fügte Charlotte im Geiste hinzu.

Forever-Cover

Jeder, der Romance schreibt, sollte Bold gelesen haben. Dieser Roman ist ursprünglich bei Forever erschienen, dem Romance-Imprint von Ullstein. Die zweite Auflage erschien dann 2017 wieder im SP.Das oben Zitierte ist auch nicht der Anfang des Romans, sondern der Anfang der Leseprobe von Forever. Der Roman selbst beginnt mit einem Einblick in Charlottes Leben bevor sie in die Highlands kommt:

Sehen Sie sich nur diese außergewöhnliche Pinselführung an. Eine derartige Härte und Klarheit im Duktus sieht man selten. Der ‚Nachfalter‘ ist eines der wenigen Gemälde, das man schon nach dem ersten Blick nie wieder vergessen wird.

Charlotte will ein Gemälde verkaufen, in London, an einen reichen Typen, den sie nicht leiden kann. Die gesamte erste Szene handelt davon, wie Charlotte sich selbst verleugnet, um erfolgreich im Beruf zu sein.

Doch dann schlägt das Schicksal zu und Charlotte muss aufs Land, zu Leuten, die sie selbst sind und zufrieden mit sich und überhaupt gaaanz anders als Charlotte und ihre notorisch dümmlichen Kunden, die Kunst nur zum Geldausgeben und Angeben kennen. Und von dieser außerweltlichen Erfahrung nun handelt die Leseprobe im Flyer. Handlungsarm, aber sehr anschaulich zeigt sie, wie anders die Welt ist, in die Charlotte da versetzt wurde. Wie furchterregend, naturnah und magisch!

SP-Cover

Da es sich um einen Liebesroman handelt, steht nicht zu erwarten, dass das alte Volk in persona auftauchen wird, das “magisch” steht hier für ein Gefühl. Magisch entführt in eine Welt, die ihr etwas geben wird, wovon sie geträumt hat. Magisch im Sinne von aufregend, neu, erfüllend. Als nächstes taucht dann, nicht weiter überraschend, der Love Interest auf. Aber darum geht es bei Romance: um das Erfüllen von Erwartungen. Der Roman ist gut geschrieben, die Sprache abwechslungsreich und anschaulich, der Ton fluffig und leicht humorvoll. Genauso, wie Romance sein sollte.

Und dazu passt das SP-Cover deutlich besser, muss man sagen.

“Die längste Nacht” von Isabel Abedi (Jugendbuch)___________

Abedi ist eine deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin, das Buch ist 2016 bei Arena erschienen. Die Protagonistin, eine Ich-Erzählerin, ist die 17-jährige Vita, es geht um alte Familiengeheimnisse und Selbstfindung.

Der erste Satz ist etwas platt, aber voller Spannung. Er sagt: Es gibt keine Zufälle, ich musste das nur erst lernen, und hier kommt jetzt die Geschichte, wie ich das gelernt habe. Die Aussage, es gibt keinen Zufall, beinhaltet, dass alles zusammenhängt, was etwas Kindliches hat. Es ist also genau das Gegenteil von dem, was ein Buch übers Erwachsenwerden beinhalten würde, den Weg weg vom Kindsein. Womöglich liegt hier die Aussage, das Thema drin, es wäre also spannend das Buch zu lesen und das herauszufinden. Vielleicht geht es auch darum, sich etwas Kindliches, Unschuldiges zu bewahren, man weiß es nicht und muss das auch nicht, der erste Satz soll ja zum Weiterlesen animieren.

Dann kommt der Hook, das Ereignis, mit dem die Geschichte anfängt. Das entspricht recht genau dem, was im Klappentext steht, orientiert den Leser also, auch ohne, dass schon allzu viel von der eigentlichen Geschichte erzählt worden ist.

Und dann kommt etwas Seltsames, nämlich die Angst vor fliegenden Objekten. Der Absatz geht hier noch weiter, er ist in der Tat recht lang für einen ersten Absatz. Aber die Angst wird weiter erläutert, auch dass sie irrational und unverständlich ist, und am Ende steht der Satz: “War ich vor jenem Sommer vielleicht selbst noch nicht bereit für die Wahrheit, die so tief in mir versteckt war?”

Auch hier wieder das Thema: Irgendwie hängt alles zusammen, sie wusste es nur noch nicht. Das und die damit verbundene Selbstfindung ist ein wichtiges Thema beim Erwachsenwerden, von daher ist dieser Anfang sehr gelungen.