“Solange ein Streichholz brennt” von Christian Huber (Belletristik)

Bei diesem Roman habe ich auf der Leipziger Buchmesse ewig am Stand gesessen und gelesen. Er beginnt mit einem Obdachlosen, dem seine Sachen …

Stopp. Der Reihe nach. Also: Ich habe den Roman wegen des schönen Covers in die Hand genommen und wegen dem Klappentext reingelesen. Es geht um ein ungleiches Paar, einen Obdachlosen und eine Journalistin in der Krise, die irgendwie zueinanderfinden. Ein paar Geheimnisse werden angedeutet, vielleicht Liebe, aber vor allem Menschen, die einander helfen. In der Krise, wenn sie nicht mehr allein weiterkommen.

Das spricht ja sicher die meisten an. Erfolgsdruck, Einsamkeit, die Sehnsucht nach Kontakt.

Bohm
Seine Sachen waren weg.

Bohm ist der Obdachlose, dieser Anfang sagt uns, dass der Roman aus zwei Perspektiven geschrieben ist, wir also erfahren werden, wie es beiden Beteiligten dieser ungleichen Beziehung geht. Das steigert die Vorfreude.

Und dann dieser Satz: Seine Sachen waren weg. Herzkasper. Oh mein Gott! Schlimme Dinge werden passieren.

Bohm blickte sich um. Das Silber des Mondes brach durch die Wolkendecke und spiegelte sich in einer Pfütze, auf der Eiskristalle ihre Muster zogen. Bohm hasste die Kälte. Und vor allem hasse er die Nässe.

Aber diese schlimmen Dinge werden erst mal nicht beschrieben, im weiteren Verlauf wird die Figur eingeführt, was mit ihren Sachen passiert ist, erfährt man erst ab Seite 2. Es wird die Situation eines Obdachlosen im Winter geschildert, das Setting (Köln zum Karneval), seine Haltung dazu, seine aktuelle Schlafsituation und dann erst stellt sich heraus, dass jemand seine Sachen in den Müll geworfen hat. Ein Bewohner des Hauses, in dessen Fahrradunterstand er übernachtet hat. Dabei ist sein Schlafsack in der Pampe der Biotonne eingeweicht worden (was sehr bildlich beschrieben wird), es wird angedeutet, dass das Absicht war.

Drama perfekt. Auf eine sehr leise Art erzählt, anschaulich, nah an der Figur und sensorisch. Man ist dabei, man spürte stellvertretend Bohms Verzweiflung und seine Hilflosigkeit. Er wird nicht wütend, zumindest wird das nicht beschrieben, und das allein ist schon widersprüchlich genug, um Leser für die Figur zu interessieren. Denn wir als Leser empfinden Wut. Wer macht so was? Das ist unmenschlich, nein, eigentlich ist gehässig. Nur hässliche Personen machen so was. Man kann ja was gegen einen Obdachlosen im Hinterhof haben, aber muss man ihn deswegen dem Kältetod aussetzen? Und noch dazu auf so feige, hinterhältige Art und Weise? Man hat selbst genug, vernichtet aber das wenige, was dieser obdachlose Mensch besitzt?

Da fragt man sich schon, warum Bohm nicht wütend wird. Das ist interessant.

Und all das wird in den ersten Sätzen schon angedeutet. “Seine Sachen waren weg.” → Drama. “Das Silber des Mondes brach durch die Wolkendecke und spiegelte sich in einer Pfütze.” → Atmosphärische Kälte, nicht nur der Umgebung, auch der Figuren selbst. Sie sind von sich selbst entfernt, sich selbst gegenüber kalt. Sie müssen erst aufgewärmt werden.

Wie gut, dass es im Titel um Feuer geht.

(Belletristik) “Kapitalismus und Hautkrankheiten” von Jasmin Ramadan

Die Autorin ist bekannt für “Soul Kitchen“, das Buch zum gleichnamigen Film (wobei das Buch die Vorgeschichte erzählt, aber parallel zum Film verfasst wurde). Ich konnte leider nicht überprüfen, ob die erste Zeile der Leseprobe auch die erste Zeile des Buches ist, da es nirgendwo ein digitales Explempar gab.

Die Nektarine

“Du siehst aus wie diese Schauspielerin, die Tochter des italienischen Regisseurs, der diese Horrorfilme in den Achtzigern gemacht hat …”

Lassen wir mal außer Acht, dass es ein recht langer, unvollständiger und irgendwie holpernder Satz ist, dann ist es vor allem eins: wörtliche Rede.

Und wörtliche Rede, wenn sie gut geschrieben ist, hat den großen Vorteil, dass sie szenisch ist, anschaulich und Stimmung erzeugt. Sie zieht sofort in den Text, einfach weil sie nicht beschreibt, nicht rafft, sondern eine Figur charakterisiert und sie zeigt, wie sie ist und handelt.

Wörtliche Rede ist immer eine gute Idee für einen Romananfang. Warum wird es so selten gemacht? Weil es schwierig ist. Der Leser hat keinerlei Information, er weiß weder wer ist der Sprecher, wo ist er (oder ist es eine sie) und wann spielt das Ganze? Das sind aber die drei Informationen, die man am Anfang einer Szene immer klären sollte, am besten im ersten Satz, mindestens im ersten Absatz. Da das mit wörtlicher Rede oft schwierig, mitunter unmöglich ist, kommt sie so selten am Anfang.

Aus dem Klappentext wissen wir, im Roman geht es um eine schöne Frau Anfang Dreißig, die Schauspielerin und erfolglos ist. Mit diesen Informationen können wir den ersten Satz einordnen, jemand sagt ihn zur Hauptfigur, vermutlich eine Anmache (was wiederum Spannung verspricht, entweder Liebesspannung oder Thrill). Aber selbst wenn wir diese Information nicht haben, ist klar, dass da jemand auf nicht direkt schmeichelhafte Weise beschrieben wird und wir wollen natürlich wissen, wer die beschriebene Figur ist.

Zu guter Letzt ist ein Verweis drin, auf einen italienischen Film und einen berühmten Regisseur, wer beim Lesen weiß, wer gemeint ist, liest deswegen weiter (der Herr war bekannt für Slasherfilme mit vielen nackten Frauen und Fetischmotiven). Man kann sich vielleicht denken, dass nicht Liebesspannung folgen wird, und wenn, dann keine positive.

“Vier Jahre ohne dich”/”Strike oder die Unwahrscheinlichkeit …” von Katharina Wolf (Young Adult)

“Vier Jahre ohne dich” beginnt mit einem Prolog.

Ich wachte plötzlich auf. Schlagartig. Kein langsames Erwachen, bei dem man sich noch minutenlang wehrt und versucht, sich krampfhaft an die wohltuende Bewusstlosigkeit oder den angenehmen Traum zu klammern.

Der erste Satz ist gut. “Ich wachte plötzlich auf.”

Danach müsste es dann mit der Umgebung weitergehen, die Figur wacht auf, was spürt, fühlt, sieht sie? Stattdessen kommen fünf Ellipsen, die ersten drei beschreiben, was sie nicht tut (langsam aufwachen), die letzten beiden noch mal das abrupte Aufwachen (Völlig wach. Ohne Umwege.)

Dann kommt der nächste Satz:

Ich schlug die Augen auf und bereute es sofort.

Man fragt sich, warum sie es bereut, das wird dann in den darauffolgenden Sätzen beschrieben, hier kommen die Sinneseindrücke, die an den Anfang gehören:

Mein Kopf schmerzte erbarmungslos und in meinem Mund herrschte ein auffällig starker Geschmack nach Alkohol und Erbrochenem. Durst. Ich hatte so unglaublichen Durst. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Außerdem tat mein Rücken weh.

Ich weiß, viele teilen meine Abneigung gegen Ellipsen nicht, und man kann sie auch gewinnbringend verwenden, keine Frage. Doch dieser Anfang ist ein gutes Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Obwohl inhaltlich interessant, wird der Leser nach dem spannungsreichen ersten Satz erst in die falsche Richtung gezogen, dann verwirrt und schließlich mit Sinneseindrücken überhäuft, statt sich auf eins zu konzentrieren, dann langsam auszubauen und die Folgen zu schildern. Beim Lesen kam für mich die Frage auf, was will die Autorin hier primär vermitteln? Das ist ohnehin immer eine gute Frage für die erste Szene. Was ist das Wichtigste, was gezeigt (nicht gesagt!) werden soll?

Hier: Die Figur ist derangiert, sie wacht nach einer durchzechten Nacht auf. Das ist die Aussage dieser ersten Absätze.

Allerdings passt das nicht zum ersten Satz. “Ich wachte plötzlich auf.” Das deutet auf eine Störung hin (die durchaus auch aus ihr selbst kommen kann), aber diese Störung kommt nicht mehr. Sie entdeckt langsam ihre Umgebung, also ist sie doch nicht plötzlich da.

Ein weiteres Buch der Autorin, im selben Verlag (Amrun) veröffentlicht, heißt “Strike Strike oder die Unwahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen zu werden und die grosse Liebe zu finden”. Es beginnt so:

Es läutete.

Danach kommt ein Absatz, es geht so weiter:

Endlich Schulschluss. Heute war ein anstrengender Tag gewesen. Vor allem die Doppelstunde Englisch, in der siebten und achten Stunde, hatten mich geschafft.

Der erste Satz ist sehr kurz und erst mal relativ aussagenlos. Läuten kann vieles. Das schafft eine inhaltliche Mikrospannung, man will natürlich wissen, was da läutet, und liest weiter. Der nächste Absatz enthüllt es, er führt ins Setting ein und erzählt auch schon etwas über die Figur. Sie ist offenbar eine Schülerin. Genau weiß man es aber noch nicht, also liest man erneut weiter.

Rein vom Zug her ist der Anfang also gelungen. Danach geht es leider nicht so weiter, es kommt viel Background und praktisch keine Handlung, aber das ließe sich leicht beheben, indem man einfach den Background streicht und direkt zur nächsten Handlung springt (sie geht mit ihrer besten Freundin nach Hause).

“Abendbrot” von Judith Hermann (Kurzgeschichte, Zeitschriftenbeitrag)

Die Geschichte wurde im Magazin “Das Gramm” veröffentlicht und beginnt so:

Seitdem Mara vom Land wieder zurück in die Stadt gekommen ist, besucht sie Aenne regelmäßig einmal in der Woche, und sie essen zusammen zu Abend. Mara, Aenne und ihre Söhne. Mara hat zwei Söhne, Aaron und Sam. Aenee hat einen Sohn, Liam. Sam und Liam sind zusammen in den Kindergarten gegangen, das ist der Ort, an dem Mara und Aenne sich kennengelernt haben. In der engen Garderobe von diesem Kindergarten, in dem Durcheinander von Gummistiefeln und Pantoffeln, Schals, Anoraks, Mützen, einzelnen Handschuhen, früh am Morgen gehetzt von den kalten und euphorischen Stimmen der Erzieherinnen, dem Einsingen für den Morgenkreis.

Ich habe mal etwas mehr zitiert, um die Stimmung rüberzubringen. Die Geschichte geht so weiter, ein bis zwei Seiten-Abschnitte ohne jeden Absatz, dann Leerzeile, dann wieder so ein Block. Erst auf Seite 7 kommt die erste wörtliche Rede und damit Absätze im Text. Die wörtliche Rede hat keine Anführungszeichen, es ist eher, als erzähle jemand über die Figuren, es gibt keine Hauptfigur, das ganze ist ein auktorialer Erzähler, der über diese beiden Frauen berichtet und er gibt auch ihre wörtliche Rede wieder, deshalb ist sie ohne Anführungszeichen, denn die Frauen reden nicht. Jemand erzählt, dass sie reden. Normalerweise würde man da indirekte Rede nehmen, aber das hat einen sehr distanzierenden Effekt, dieser Erzähler will ganz nah dran sein an den Figuren, er will sie dem Leser näherbringen, näher als sich selbst, er drängelt sich nicht in den Vordergrund, weil es um die Geschichte der beiden Frauen geht, aber er bleibt ein auktorialer Erzähler.

Die Geschichte beginnt in einem Kindergarten, und schon diese Szene ist so eindrücklich beschrieben, so nah dran, jeder der Kindergartenkinder hat, wird sich da wiederfinden, das Durcheinander, das Gefühl der Fremdheit, Eltern gehören eben nicht in einen Kindergarten, das merkwürdige Gebaren der Erzieherinnen, die ihren Job machen, aber gleichzeitig Vertrauenspersonen, Herzensmenschen für die Kinder sind.

Sehen wir uns jetzt mal nur den ersten Satz an:

Seitdem Mara vom Land wieder zurück in die Stadt gekommen ist, besucht sie Aenne regelmäßig einmal in der Woche, und sie essen zusammen zu Abend.

Er wird im verlinkten Video von der Autorin selbst gelesen, was ich ganz spannend finde, besonders die Betonung. Das erste, was auffällt, ist das Tempus – Präsens – und die Sprache, sehr bildungsbürgerlich, steif, vielleicht etwas altmodisch. Es wird eine Bewegung beschrieben – vom Land in die Stadt –, die bei Aenne endet. Mara und Aenne sind verbunden – die Namen passen übrigens auch gut in dieses bildungsbürgerliche Milieu –, die Verbindung wird durch eine Veränderung bei Mara ausgelöst, nicht Aenne, und das Abendessen findet auch bei Aenne statt. Aenne ist die Statische, Mara die Bewegliche. Sie teilen nicht etwa gemeinsame Interessen, Hobbys oder Aktivitäten, die machen etwas so Formelles wie ein gemeinsames Abendessen. Damit ist die Beziehung charakterisiert und eine Mikrospannung aufgebaut, denn natürlich erwarten wir einen Konflikt, gerade wenn sie nicht einfach zusammen ins Kino gehen, sondern “gemeinsam zu Abend” essen.

(Sachbuch) Mark Forsyth mit “Lob der guten Buchhandlung”

Die Neuausgabe von 2020 mit Beiträgen verschiedener Autoren

Das Buch ist eigentlich von 2015 und nicht besonders bekannt, tatsächlich hat der Verlag Fischer fünf Jahre später (März 2020) einen Sammelband mit demselben Namen herausgebracht, in dem neben Forsyths Essay verschiedene Autoren ihre Buchladenerfahrungen beschreiben. Keine Ahnung, wie viele Leute das Buch im März 2020 gekauft haben, aber es ist sicher eine nette Leseerfahrung für Bibliophile.

Zum Anfang: Es handelt sich um das Genre populäres Sachbuch, das heißt der erste Satz soll in die Thematik einführen, orientieren und unterhalten. Und genau das tut er hier, er verbindet zwei vollkommen gegensätzliche Dinge miteinander, Krieg und Bücherliebe, und verspricht dem Leser baldige Aufklärung und Einblicke in die Psyche des Autors. Wer da nicht weiterliest, der war offensichtlich schon lange in keiner Buchhandlung mehr (und ist damit nicht Zielgruppe des Buches).

“Wir die wir jung sind” von Preti Taneja (Belletristik)______

Das Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen, im Original heißt es “We That Are Young”. Die deutsche Leseprobe ist ein dicker Wälzer, in dem erst internationale Lesestimmen, dann etwas zur Autorin, dann ein Interview mit der Autorin, dann ein Nachwort der Übersetzerin mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen zu Shakespeare und dann die Leseprobe kommt, wobei die Kapitel der Leseprobe mit kryptischen Zeichen und Worten überschrieben sind, die definitiv keine Kapitelzählungen darstellen.

Aus der Vita erfährt man, dass Preti Taneja Engländerin mit indischen Wurzeln, Menschenrechtsaktivitin, Kriegsreporterin und Literaturwissenschaftlerin ist. Da war’s dann allerdings auch leider schon, der Rest ist eine recht exaltierte Version von die Autorin ist “eine neue Stimme der Literatur”. Wenn man das Nachwort überspringt (weil ich normalerweise das Nachwort nicht vor dem Roman lese), erfährt man, dass Tanejas Themen Weltbürgertum, das Aufeinanderprallen der Kulturen und Indiens Verhältnis zu England sind. Und irgendwas mit King Lear.

Kommen wir zum ersten Absatz des Textes.

Es geht also nicht um Land. Sondern um Geld. Geht es nicht immer um Geld, fragt sich der Leser? Und wessen Land überhaupt? Aber das könnte man ja dann erfahren, wenn man weiterliest.

Dann kommen sehr bildgewaltige Umgebungs- und Stimmungsbeschreibungen, besonders die wattige Wolkendecke, unter der England behaglich träumt, gefällt mir sehr gut, auch weil sie die Perspektive des Einwanderers so gut wiedergibt.

Allerdings bleibt den gesamten ersten Absatz unklar, wer “er” ist und wo “er” sich befindet und warum er seine Uhr verstellt. Das ist, wie sich herausstellt, ein Fehler in der Übersetzung, die sich auch in anderer Hinsicht mehr als eigenwillig herausstellt.

Im englischen Original steht da:

It’s not about land, it’s about money. He whispers his mantra as the world drops away, swinging like a pendulum around the plane.

Hier wird klar, “er” befindet sich im Flugzeug, was in der deutschen Version komplett fehlt. Dort wirkt das Bild der Pendelschwünge eher wie eine Metapher auf eine verrückt gewordene Welt, nicht wie die Beschreibung des abhebenden Flugzeugs. Das “around the plane” wurden einfach unterschlagen.

The glittering ribbon of the Thames, the official stamps of the Royal Parks, a bald white dome spiked with a yellow crown, are swallowed by summer’s deep twilight.

Hier wurde in der Übersetzung das Passiv unterschlagen, weswegen der Satz seltsam zu lesen ist (dass die Themse im Akkusativ steht, ist grammatikalisch nicht sichtbar, und man erwartet es auch nicht, weil Akkusativobjekte normalerweise nicht am Satzanfang stehen). Sie wird vom Zwielicht verschluckt, nicht das Zwielicht verschluckt sie. Da das Zwielicht im Deutschen mit einem mal das Subjekt ist, aber immer noch am Ende des Satzes steht, ist der Satz grammatikalisch uneindeutig. Man kann schon darüber streiten, ob das Passiv überhaupt hätte gestrichen werden sollen, aber warum dann nicht auch umgestellt? Im Satz davor mit dem Pendel wurde ja auch die Satzstellung geändert, dort eher zum Nachteil.

The plane lifts, the clouds quilt beneath it, tucking England into bed to dream of better times. It is still yesterday, according to his watch. He winds the dial forward. Now it is tomorrow, only eight hours away.

Nun macht der letzte Satz auf einmal Sinn, in der deutschen Version wirkt es so, als ob “er” am Boden das Flugzeug beim Abheben beobachtet und dann seine Uhr vorstellt, warum auch immer. [Edit: Mein Testleser sagt, ihm war das klar, aber auch er war etwas verwundert über die Kürzung.] Ich möchte noch hinzufügen, dass “clouds tucking England into bed to dream of better times” einen ganz anderen Klang hat als “behaglich eingepackt träumt England unter einer wattigen Wolkendecke von besseren Zeiten”. Aber das ist etwas, womit man bei Übersetzungen leben muss.

Im Deutschen hat das Buch sehr gemischte Kritiken, sieht man sich die Rezensionen auf amazon.com mal an, stellt man fest, dass die, die etwas mit komplizierter Sprache anfangen können, das Buch toll finden. Ich denke, das wird auch aus dem ersten Absatz klar, inbesondere in der englischen Version. Sprachgewaltigkeit und Plot kommen oft nicht gut mit einander aus, also darf man nicht erwarten, dass es hier rasant voran geht in der Handlung.

Auch wenn dieser Post eher eine Auseinandersetzung mit der deutschen Verlagsveröffentlichung als des Buches selbst geworden ist, lasse ich ihn so, denn etwas Wichtiges ist denke ich trotzdem deutlich geworden: Mit Bildern und Metaphern sollte man sparsam umgehen. Wenn sie gut und richtig eingesetzt werden, vermitteln sie mehr als eine einfache Sprache es getan hätte. Aber sie erschweren auch das Textverständnis.

“So glücklich wir waren” von Daria Bignardi (Belletristik)

Der Titel verspricht ja schon Sprachspiele und wir werden nicht enttäuscht. Es geht mit einer Silbenfolge los, die wohl den wenigsten deutschen Lesern etwas sagen wird, und die der geneigte Probeleser wohl auch nicht aussprechen oder im Kopf nachformulieren wird. Er springt einfach zum zweiten Satz, der dann allerdings über vier Zeilen geht. Und der hat es in sich. Erst wird ein Geheimnis angedeutet, das erzeugt Spannung – huh! Vor dreißig Jahren sind schlimme Dinge geschehen –, dann wird das Geheimnis mit der Mutter, also der Familie, also dem Selbst, dem Kern des eigenen Wesens verbunden, und dann wird eine Brücke geschaffen, zwischen Leser und Erzähler: Über die Erklärung, wie die Buchstabenfolge auszusprechen ist, wie sie KLINGT, wird er versuchen, sie nachzusprechen und damit dasselbe machen, was der Erzähler an dieser Stelle macht. Seinem früheren Leben nachempfinden. Und dann kommt noch die Aussage, dass etwas Schlimmes passiert ist, dass vor dreißig Jahren etwas Schlimmes passiert ist, dass dem Erzähler die Mutter genommen auf, auf die einer oder andere (im Roman zu erforschende) Weise.

Rein stilistisch ist dieser Anfang ein Anfang der Gegensätze, erst eine unaussprechliche Silbenfolge, dann ein Schlangensatz, dann ein sehr kurzer, der mit einer Ellipse endet. “jenes glücklichen”, bezieht sich auf “Leben”, ist aber kein vollständiger Satz, auch kein vollständiger Nebensatz. Solche Auslassungen sind immer stark betonend, besonders wenn, wie hier, auch noch das Demonstrativpronomen “dieses” durch das deutlich ungewöhnlichere und auffälligere “jenes” ersetzt wird. Dieser letzte Satz macht die Tragik so richtig deutlich, hier ist etwas Schlimmes geschehen und – wenn man an den Anfang zurückgeht – jetzt wird darüber berichtet. Denn der Erzähler beginnt in Wahrheit nicht mit der Aussage, dass vor 30 Jahren etwas geschehen ist, sondern dass er es Toni erzählt hat. Das wird einem aber erst zum Ende des Absatzes wieder bewusst, so konzentriert war man auf die Enthüllung.

Im nächsten Absatz werden dann die Silben erkärt, es stellt sich heraus, dass es Namen sind. Aal-maa ist der Name der Erzählerin, Maa-io ist der Name ihres Bruders, der eigentlich Marco heißt. Und da ist sie wieder: die Familie. Die für Glück steht, während das jetzt für Schmerz und Leid steht. Da wissen wir, was wir von diesem Roman zu erwarten haben.