Bei diesem Roman habe ich auf der Leipziger Buchmesse ewig am Stand gesessen und gelesen. Er beginnt mit einem Obdachlosen, dem seine Sachen …

Stopp. Der Reihe nach. Also: Ich habe den Roman wegen des schönen Covers in die Hand genommen und wegen dem Klappentext reingelesen. Es geht um ein ungleiches Paar, einen Obdachlosen und eine Journalistin in der Krise, die irgendwie zueinanderfinden. Ein paar Geheimnisse werden angedeutet, vielleicht Liebe, aber vor allem Menschen, die einander helfen. In der Krise, wenn sie nicht mehr allein weiterkommen.
Das spricht ja sicher die meisten an. Erfolgsdruck, Einsamkeit, die Sehnsucht nach Kontakt.
Bohm
Seine Sachen waren weg.
Bohm ist der Obdachlose, dieser Anfang sagt uns, dass der Roman aus zwei Perspektiven geschrieben ist, wir also erfahren werden, wie es beiden Beteiligten dieser ungleichen Beziehung geht. Das steigert die Vorfreude.
Und dann dieser Satz: Seine Sachen waren weg. Herzkasper. Oh mein Gott! Schlimme Dinge werden passieren.
Bohm blickte sich um. Das Silber des Mondes brach durch die Wolkendecke und spiegelte sich in einer Pfütze, auf der Eiskristalle ihre Muster zogen. Bohm hasste die Kälte. Und vor allem hasse er die Nässe.
Aber diese schlimmen Dinge werden erst mal nicht beschrieben, im weiteren Verlauf wird die Figur eingeführt, was mit ihren Sachen passiert ist, erfährt man erst ab Seite 2. Es wird die Situation eines Obdachlosen im Winter geschildert, das Setting (Köln zum Karneval), seine Haltung dazu, seine aktuelle Schlafsituation und dann erst stellt sich heraus, dass jemand seine Sachen in den Müll geworfen hat. Ein Bewohner des Hauses, in dessen Fahrradunterstand er übernachtet hat. Dabei ist sein Schlafsack in der Pampe der Biotonne eingeweicht worden (was sehr bildlich beschrieben wird), es wird angedeutet, dass das Absicht war.
Drama perfekt. Auf eine sehr leise Art erzählt, anschaulich, nah an der Figur und sensorisch. Man ist dabei, man spürte stellvertretend Bohms Verzweiflung und seine Hilflosigkeit. Er wird nicht wütend, zumindest wird das nicht beschrieben, und das allein ist schon widersprüchlich genug, um Leser für die Figur zu interessieren. Denn wir als Leser empfinden Wut. Wer macht so was? Das ist unmenschlich, nein, eigentlich ist gehässig. Nur hässliche Personen machen so was. Man kann ja was gegen einen Obdachlosen im Hinterhof haben, aber muss man ihn deswegen dem Kältetod aussetzen? Und noch dazu auf so feige, hinterhältige Art und Weise? Man hat selbst genug, vernichtet aber das wenige, was dieser obdachlose Mensch besitzt?
Da fragt man sich schon, warum Bohm nicht wütend wird. Das ist interessant.
Und all das wird in den ersten Sätzen schon angedeutet. “Seine Sachen waren weg.” → Drama. “Das Silber des Mondes brach durch die Wolkendecke und spiegelte sich in einer Pfütze.” → Atmosphärische Kälte, nicht nur der Umgebung, auch der Figuren selbst. Sie sind von sich selbst entfernt, sich selbst gegenüber kalt. Sie müssen erst aufgewärmt werden.
Wie gut, dass es im Titel um Feuer geht.