“Kissed by the Gods” von Caty Rogan (Romantasy)

Dieser Roman hat alles, was eine richtige Romantasy braucht: eine emotionale Widmung (an alle Frauen, die wie ich zu viel waren – das ist für euch!), eine Triggerwarnung, eine Karte, ein Glossar und ein fiktives Zitat zum Kapitelanfang gefolgt von der grafisch verzierten Kapitelnummer (in diesem Fall einer Feder). Der Text beginnt auf Seite 17. Bis man sich da durchgeblättert hat, hat man so richtig die Besonderheit und Bedeutung des Buches vermittelt bekommen: Das hier ist kein gewöhnliches Buch, es ist wie die teuren Schmuckausgaben früher etwas Besonderes, etwas, was zu besitzen ebenfalls besonders ist. Und jetzt schau erst mal noch auf den Inhalt! (Und natürlich hat das Buch einen bedruckten Schnitt und Charakterkarten.)

Die Vorfreude beim Leser steigt. Wie im Klappentext versprochen werden mit Zitat und erstem Kapitel Machtungleichgewicht und Gewalt etabliert, und dann geht es los:

Protektorat Selencia, im Jahr 987 der Ewigen Kriege, Herbst
Immer wenn ich an Irielle denke, erinnere ich mich an Spitze.

Was denkt der Leser, wenn er diesen Satz liest? Was sticht heraus?

Klar, die Spitze. Es herrscht Krieg, seit 1000 Jahren, die Provinz Selencia wird von einem gnadenlosen, ungerechten König beherrscht, der nur daran interessiert ist, die Leute auszubeuten. Und dann redet die Perspektivfigur (1. Person, Präsens!) über Spitze. Dieses Symbol für Unschuld, Reichtum und Schönheit.

Schauen wir uns den nächsten Satz an:

An das Spitzenkleid, in dem sie an ihrem Hochzeitstag lebendig verbrannt wurde.

Ich muss sagen, das ist schon geschickt gemacht. Man spürt förmlich, wie der Puls hochgeht. Erster Satz: Spitze, Schönheit, Liebe, Ruhe, Harmonie. Zweiter Satz: Nee, so war das nicht gemeint, die Spitze bedeutet Gewalt, Blut und Tod. Und Spitze & Hochzeit als Symbole von Unschuld und Reinheit, die durch den Dreck gezogen, die zerstört werden.

In zwei Sätzen. Schön etablierter Beginn.

Natürlich kann man sich fragen, wie realistisch das ist. Dass tausend Jahre Krieg herrscht, dass Menschen unterdrückt werden, dass dieselben Menschen dann mit den Unterdrückten eine Liebesbeziehung eingehen (denn das ist es, was der Klappentext verspricht und was man in einem solchen Roman erwartet), dass überhaupt die ganze Psychologie hinter den Figuren, ihr Verhalten realistisch sind.

Hier muss man Folgendes anmerken: Dieser Roman beginnt mit Setting und Handlung. Er schaut nicht in die Figur hinein, obwohl sie in der ersten Person berichtet, erfährt man im Grunde nichts über die Figurenpsychologie. Man vergleiche das mit dieser Besprechung, wo sich der Roman erst mal zwei Kapitel Zeit nimmt, die Figuren zu etablieren.

Hier nicht. Hier geht es direkt in die Vollen, die Verbrennung der spitzentragenden Braut wird beschrieben und auf den folgenden Seiten ihre Auswirkungen auf die Ich-Erzählerin, die genau wie das Setting etwas übertrieben wirken. Als hätte man sich nicht viele Gedanken darüber gemacht, was Trauma wirklich in einem Menschen anrichtet. Es wird vor allem sehr von außen beschrieben, nicht wie in “Solange ein Streichhholz brennt” aus dem Inneren der Figur und ihrer Wahrnehmung heraus. Es hat etwas Holzhammerartiges. Wenn Sie etwas über unterschiedliche Lesererwartungen und Figurendarstellung lernen wollen, lesen Sie die Anfänge dieser beiden Romane, ruhig ein paar Seiten. Hier liegt der Fokus klar auf dem Außen, der Handlung, dem Drumherum.

Moderne Leser der westlichen Hemisphäre haben meist wenig Erfahrung damit, was es wirklich heißt, in einem Machtungleichgewicht zu leben, und dass man da als sassy Heroine, die ihren Mund nicht halten kann, schnell tot ist, eingesperrt oder misshandelt wird. Dass ein Machtungleichgewicht dazu führt, dass der Unterdrückte schweigt, erst bewusst, um sich zu schützen, später dann in einer Art verinnerlichten Vorausnahme, wenn sich die Dynamik etabliert hat. Ein Machtungleichgewicht heißt, dass vieles unausgesprochen bleibt und über Unausgesprochenes zu schreiben ist schwer. Es fordert Innenansicht, die Lücke zwischen der der Verwüstung, die tausend Jahre Krieg und Unterdrückung anrichten, und echter Verbindung und Partnerschaft müsste thematisiert werden.

Nun gibt es Romantasyautorinnen, denen das durchaus gelingt. Samantha Shannon zum Beispiel kann das, auch wenn sie andere Fehler macht. Aber vorallem ist diese Lücke gerade der Reiz an diesem Genre. Die Leser/innen wollen es gar nicht realistisch. Sie wollen die sassy Kriegerfrau, die den Love Interest mit ihrer Schlagfertigkeit und ihrem Unwillen, sich ihm hinzugeben, beeindruckt. Die ihn erlöst. Von seiner eigenen Bösartigkeit. Denn in so einem Setting sind die Bösen ja auch Opfer.

Eigenverantwortung und Rechenschaft sind irrelevant. Es geht ums Gerettetwerden. Es hat nichts mit realen gesellschaftlichen Problemen zu tun und es will dazu auch nichts sagen. Es dient der Befriedigung von Wünschen. Es gibt auch für Männer solche Genre, die haben halt andere Wünsche (wobei Romantasy durchaus auch von Männern gelesen wird).

Von daher halten wir fest: Dieser Romananfang ist handwerklich hervorragend gemacht. Er baut Spannung auf, etabliert das Setting, befriedigt die Erwartungen der Leserschaft und erzeugt Herzflattern. Er bleibt dabei im Außen, weil das Außen (nämlich die gestaltende Lesererwartung) in der Romantasy ein wichtiger Faktor ist.