“Ashford Park” von Lauren Willig (Historischer Roman)

Der Roman ist bei rororo erschienen und auf der Leseprobe steht “Drei Generationen, drei Kontinente, ein Geheimnis.” Soweit, so historischer Roman. Insgesamt konnte ich nicht viel zu dem Buch finden, es wurde 2014 veröffentlicht, auf der Homepage des Verlags ist es nicht zu finden, die Buchbeschreibungen bei Amazon sind … nun ja, schlecht.

Schauen wir uns mal den Text an. Er beginnt mit einem Prolog:

Kenia, 1926
Addies Handschuhe waren von Schweiß und rotem Staub beschmutzt.

Okay, wer ist Addie? Ein Mann, eine Frau? Jung, alt? Ein/e Weiße/r, ein PoC? Man weiß es nicht. Es klingt ein bisschen wie ein (minderjähriger) Diener, dessen Besitzer feststellt, dass er sich schmutzig gemacht hat. Befragungen im Bekanntenkreis haben ergeben, dass jeder was anderes reininterpretiert, meist hat es etwas damit zu tun, was er selbst ist (Frauen denken an Frauen, Männer an Männer) und welche literarischen Figuren er oder sie ansprechend findet.

Was sagt uns das? Der Satz ist zu vage formuliert. Addie ist ein geschlechtsneutraler Name, es geht um dreckige Kleidung, Handschuhe trägt man nicht immer, aber es gibt auch keine spezifische Bevölkerungsgruppe, die für ihre Handschuhe bekannt ist. Wüsste man, welche Art von Handschuhen (Leder, Stoff, Spitze, Arbeit), würde das die Auswahl einschränken. So ist es ein Ratespiel und das ist für einen ersten Satz immer schlecht. Er soll Fragen wecken, ja, aber auch welche beantworten. Er soll dem Leser vor allem die richtige Vorstellung vermitteln, was auf ihn zukommt. 80 % meiner Versuchspersonen dachten an die falsche Person.

Es wird dann relativ schnell geklärt, wer Addie ist (eine junge Frau, die Handschuhe sind Teil eines teuren und recht chicken, aber für Kenia offenbar unpraktischen Kleiderensembles), aber der Text zieht sich so hin. Und das liegt daran, dass die falschen Fragen offengelassen werden. Der Leser muss sich Fragen stellen, das macht die Spannung aus, aber er sollte schon auch die richtigen Fragen stellen. Wenn ich den ersten Satz lese und denke: Mein Gott, jetzt lass doch das arme Kind in Ruhe, es musste schon den ganzen Tag schufften und wer ist dieser unterdrückerische Großgrundbesitzer, der den armen Addie fertigmacht, dann … nun ja, funktioniert der Satz nicht.

Kapitel 1 beginnt so:

New York, 1999
Clemmie rannte unter der Markise hindurch in das Haus, in dem ihre Großmutter wohnte, und beantwortete den Gruß des Portiers mit einem kurzatmigen “Hallo”.

Die Autorin scheint eine Vorliebe für uneindeutige Vornamen zu haben. Clemmie klingt wenigstens noch halbwegs weiblich, es ist das Haus ihrer Großmutter. Tatsächlich heißt sie aber Clementine und Addie aus dem Prolog Adeline Gillecote-Ashford. Das ist ein Name. Warum fängt man nicht damit an?

Zurück zum ersten Kapitel: Man erfährt, dass das Haus eine Markise und einen Portier hat, okay, Portier bedeutet Reichtum oder zumindest Wohlsituiertheit. Clemmie ist außer Atem, man fragt sich warum, aber da der Name so kindlich klingt, könnte sie auch einfach nur ein rennendes Kind sein.

Was fehlt, ist Mikrospannung. Irgendeine Andeutung von Konflikt, und sei es nur ein situativer. Zum Beispiel:

Clementine schaffte es bis unter die Markise, als der Portier sie dann doch entdeckte. Er würde ihrer Großmutter davon erzählen. Scheiße, dachte sie, während sie in der Hitze zu Atem zu kommen versuchte.

Der Gegensatz zwischen dem recht gesetzt klingenden Namen Clementine und dem Rumrennen erzeugt Spannung, die Andeutung, dass sie das nicht sollte, noch mehr. Man fragt sich, ob sie nicht vielleicht etwas zu alt zum Rumrennen ist. Und warum die Großmutter was dagegen hat. Vielleicht weil sie Geld haben und man sich da eben nicht so benimmt?

Keine Ahnung, ob das was mit der Romanhandlung zu tun hat, aber es hat Konflikt. Und damit Spannung.

(Historischer Roman) Eva Stachniak mit “Die Schwester des Tänzers”

Der Roman beginnt etwas ungewöhnlich (Leseprobe hier):

9. Oktober 1939
Kabine 11, Koje 3, SS American Trader.

Das ist eine Orts- und Zeitangabe. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in historischen Romanen den Kapiteln Orts- und Zeitangaben vorangestellt sind (“30. August 1939, Gleiwitz, Oberschlesien”), die den Leser verorten und/oder gleichzeitig Spannung aufbauen. Wer den Klappentext des Romans zu meinem Beispiel in der Klammer gelesen hat, wird wissen, dass er während des 2. Weltkriegs spielt und dann wird er auch wissen oder ahnen, was am 30.08. in Oberschlesien los war.

Nun ist die Orts- und Zeitangabe in “Die Schwester des Tänzers” aber nicht vorangestellt, sondern Teil des Textes. Jemand sagt oder denkt das. Jemand denkt oder schreibt, wo und wann er oder etwas ist.

Man liest weiter.

Meine letzte Adresse?
Denn dieses Schiff kann leicht mein Sarg werden …

Ja, alles klar. Die Figur befindet sich am 9. Oktober auf einem Schiff in Richtung oder von Amerika, also auf dem Atlantik. Es ist das Jahr 1939, das heißt, der 2. Weltkrieg ist ausgebrochen, war da nicht was mit U-Boot-Krieg? Die Figur fürchtet um ihr Leben. Wir wissen zwar nicht genau, welche Figur, aber anzunehmenderweise, da ja in der 1. Person erzählt, handelt es sich um die Titelfigur, die Schwester des Tänzers, Bronislawa Nijinska. Wir wissen also wer, wann und wo und gleichzeitig haben wir noch den Konflikt erfahren, alles in drei sehr kurzen, teilweise nicht mal vollständigen Sätzen.

Ziemlich geschickt gemacht.

“Der Fall Moriarty” von Anthony Horowitz (Historischer Krimi)

Und wieder ein Fall mit einem vorgestelltem Text, der kein Prolog ist. In diesem Fall ist es ein fiktiver Zeitungsartikel über einen Leichenfund in London, 1981, in der Leseprobe auf Seite 11.

Damit wird effektiv der Fall eingeführt, eine Figur (Inspektor Lestrade) und ein bisschen Background (es gab wohl kürzlich Unruhen in der Stadt).

Das erste Kapitel begintn dann so (Leseprobe Seite 13)

1 – Die Reichenbachfälle

Glaubt irgendjemand wirklich, was an den Reichenbachfällen passiert ist?

Gut, das ist für einen Krimi und eine Sherlock-Holmes-Pastiche ein guter Anfang. Es wird eine Frage aufgeworfen und auf ein Ereignis aus dem Original verwiesen, das man nachahmen will. Jeder, der Sherlock Holmes und Moriarty kennt, weiß, was die Reichenbachfälle sind.

Nur: Wer sagt diesen Satz?

Das ist auch ein Spannungselement, wenn der Leser nicht weiß, wer da spricht, also liest man weiter, zumindest mal den nächsten Satz. Da stellt sich heraus, der Text ist in der 1. Person geschrieben.

Viele Berichte sind darüber geschrieben worden, aber mir scheint, dass bei allen das Wichtigste fehlt … nämlich die Wahrheit.

Wer ist “ich”?

Moriarty vielleicht? Aber der ist ja tot, wenn die Reichenbachfälle schon stattgefunden haben. Auf der anderen Seite wurde ja im ersten Satz genau das infrage gestellt.

In den nächsten Abschnitten bleibt das Rätsel weiter ungeklärt, es ist auch nicht Dr. Watson, sondern ein Bewunderer desselben, auf der zweiten Seite wird es dann geklärt, der Ich-Erzähler stellt sich vor, in einer direkten Leseransprache:

Wer bin ich? Nun, damit Sie wissen, in wessen Gesellschaft Sie sich befinden, will ich Ihnen sagen, dass mein Name …

Da der Schreiber offenbar an einer Schreibmaschine sitzt und sich als Watson-Bewunderer definiert, ist er Schriftsteller und das Geschriebene also ein fiktiver Roman im Roman (womit die notwendige Bedingung erfüllt wäre: ein Leseransprache braucht einen identifizierbaren Erzähler).

Das ist kein schlechter Anfang und gut geschrieben, alle Informationen kommen, sogar so, dass auch Nicht-Sherlock-Holmes-Leser zeitnah über die wichtigsten Dinge informiert werden und damit das Buch mit Gewinn lesen können. Es wird auch angedeutet, worum es in etwa in der Geschichte gehen könnte. Für Krimileser und Sherlock-Holmes-Fans zu empfehlen.