(Historischer Roman) Eva Stachniak mit “Die Schwester des Tänzers”

Der Roman beginnt etwas ungewöhnlich (Leseprobe hier):

9. Oktober 1939
Kabine 11, Koje 3, SS American Trader.

Das ist eine Orts- und Zeitangabe. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in historischen Romanen den Kapiteln Orts- und Zeitangaben vorangestellt sind (“30. August 1939, Gleiwitz, Oberschlesien”), die den Leser verorten und/oder gleichzeitig Spannung aufbauen. Wer den Klappentext des Romans zu meinem Beispiel in der Klammer gelesen hat, wird wissen, dass er während des 2. Weltkriegs spielt und dann wird er auch wissen oder ahnen, was am 30.08. in Oberschlesien los war.

Nun ist die Orts- und Zeitangabe in “Die Schwester des Tänzers” aber nicht vorangestellt, sondern Teil des Textes. Jemand sagt oder denkt das. Jemand denkt oder schreibt, wo und wann er oder etwas ist.

Man liest weiter.

Meine letzte Adresse?
Denn dieses Schiff kann leicht mein Sarg werden …

Ja, alles klar. Die Figur befindet sich am 9. Oktober auf einem Schiff in Richtung oder von Amerika, also auf dem Atlantik. Es ist das Jahr 1939, das heißt, der 2. Weltkrieg ist ausgebrochen, war da nicht was mit U-Boot-Krieg? Die Figur fürchtet um ihr Leben. Wir wissen zwar nicht genau, welche Figur, aber anzunehmenderweise, da ja in der 1. Person erzählt, handelt es sich um die Titelfigur, die Schwester des Tänzers, Bronislawa Nijinska. Wir wissen also wer, wann und wo und gleichzeitig haben wir noch den Konflikt erfahren, alles in drei sehr kurzen, teilweise nicht mal vollständigen Sätzen.

Ziemlich geschickt gemacht.