
Das ist wieder so ein Fall, wo etwas vor das eigentliche erste Kapitel gestellt ist, diesmal kein ganzer Prolog, sondern ein kurzer Text:
Das erste Mal ist das Schlimmste. Wenn man zum ersten Mal hinfällt, nachdem man gerade das Laufen gelernt hat, ist der Schock groß. Nicht, weil das Knie schmerzt, sondern weil man merkt, dass niemand den Sturz verhindert hat.
Das ist der erste Absatz, dann kommen noch zwei und es geht mit dem ersten Kapitel los.
Eigentlich ist das also kein Anfang im eigentlichen Sinne, es ist eine Art Motto, das dem Roman vorangestellt ist. So wie die Zitate, die man da manchmal hat, nur etwas ausführlicher formuliert. Und das Motto dieses Romans ist: Jeder hat Angst, weil jeder mit irgendwas allein ist.
Danach geht es mit dem Text los und zwar so:
Mitten in der Nacht verendet im Apartment nebenan ein Esel. Qualvoll. Und laut quietschend.
Okay, dachte ich, als ich das zum ersten Mal gelesen habe. Das ist mal was anderes. Und was zum Teufel hat ein verendender Esel in einem Erotikroman zu suchen? Tatsächlich erfährt man erst zwei Seiten weiter, dass die Laute von Sex kommen, die Protagonistin braucht erst eine Weile, um sie zu verarbeiten, weil sie ja aus dem Schlaf gerissen wurde, dann denkt sie, eventuell wird jemand ermordet und dann wird ihr klar, dass da zwei Leute miteinander schlafen.
Ich finde es in diesem Fall schwierig zu sagen, ob das gelungen ist oder nicht, rein sprachlich ist es flüssig geschrieben, und da es sich fast durchgehend um einen Gedankenmonolog der Protagonistin handelt, sind Abbrüche drin und Abschweifungen (die gleich die Figur charakterisieren), die das ganze etwas abwechslungsreicher machen.
Aber es ist auch verwirrend und irgendwie finde ich die Informationsverteilung nicht gelungen. Warum sollte sie zwei Leute, die miteinander schlafen, auch wenn sie dabei offenbar etwas laut sind, für Esel halten? Oder die Schreie der Frau für ein Anzeichen für Mord? Ja, manchmal klingt das seltsam, vor allem durch eine Wand und mitten in der Nacht, aber wenn sie wirklich denken würde, dass da ein Verbrechen passiert, sollte sie dann nicht fieberhaft überlegen, ob sie die Polizei ruft?
Erst als der Mann anfängt zu stöhnen, wird der Protagonistin klar, dass die da Sex haben. Und dann geht es auch los und wird interessant. Als Lektorin hätte ich der Autorin vermutlich geraten, die ersten zwei Seiten zu kürzen, weil leicht verwirrend und tendenziell unlogisch. Ich wäre gespannt auf ihre Antwort gewesen.