
Der Roman ist bei Tropen erschienen, einem Imprint des Klett-Cotta-Verlags. Begonnen hat Tropen als Studentenverlag, der sich zeitgenössischer, internationaler Literatur mit einem Twist verpflichtet hatte. Der Name ist doppeldeutig und bezieht sich auf die Klimazone, aber auch auf Trope als Bezeichnung für eine “rhetorische Figur, die bedeutet: das Eine zu sagen, um etwas anderes auszudrücken” (Zitat Homepage). Damit ist im Grunde schon alles gesagt, man setzt hier auf anspruchsvollere Texte, die sich bildlich und teilweise verschlüsselt mit aktuellen Themen auseinandersetzen.
Das ist wichtig, denn “Böser, böser Wolf” hat das Problem, das man als Leser nicht weiß, ob man es mit einem reinen Krimi oder mit Fantasy zu tun hat. Googelt man die Autorin, stellt man fest, dass sie genreübergreifend schreibt, Krimis mit Science-Fiction oder Fantasy-Elementen. Wahrscheinlich ist auch der Krimiteil von “Böser, böser Wolf” nicht rein Krimi, sondern eher ein Thriller (der Unterschied liegt darin, wie aktiv der Mörder ist), was der Verlag auch beachtet hat, indem er “Thriller” auf das Cover geschrieben hat.

Trotzdem sollte man eigentlich nach Cover und Klappentext eine Vorstellung vom Genre haben. Das ist hier schwierig, im englischen Original ist es etwas besser, das sieht recht eindeutig nach Märchen mit Twist aus, allerdings weiß man da auch nicht so recht, ob man es mehr mit einem Krimi mit Fantasyelementen oder mit Fantasy mit Krimielementen zu tun hat (der Unterschied liegt in der Menge, das was stärker ist, ist das Hauptgenre. Spielt das Buch in unserer Welt und irgendwann tauchen plötzlich sprechende Wölfe auf, von denen man nicht genau weiß, ob die Figur sie sich vielleicht einbildet, weil sie zu viele Märchen gelesen hat, ist es ein Krimi mit Fantasyelementen). Nun sind Fantasyleser normalerweise risikofreudiger, deswegen ist es besser, den Fantasyanteil in Cover und Klappentext zumindest klarzumachen. Krimileser vertragen plötzliche übernatürliche Wendungen meist so gar nicht.
Ich persönlich würde bei einem Buch mit so klaren Andeutungen auf Rotkäppchen einen eher stärkeren Realweltanteil erwarten, sonst machen die ganzen Andeutungen keinen Sinn. Wie soll Intertextualität funktionieren, wenn es in der Fantasywelt gar kein Märchen namens Rotkäppchen gibt? Phantastische Geschichte, insbesonder Fantasy, funktionieren auch immer über das Wissen des Lesers: Was weiß er über den Hintergrund, wieviel versteht er von den Andeutungen? Und wieviel verstehen die Figuren von all dem? Diese Wechselwirkung macht den Reiz aus. Aber das sind schon sehr tiefgehende Betrachtungen, die sich der Leser im Zweifelsfall nicht macht. Er sieht auf das Cover, liest den Klappentext …
Eine junge Frau wird im Wald entführt. Zurück bleibt nur ein Rotkäppchen-Umhang und ein Korb. Kurz darauf wird eine Leiche gefunden – und ein blutverschmierter goldener Schuh. Detective Inspector Lyla Rondell setzt sich auf die Spur des Täters, der bald als der »Grimm-Ripper« Schlagzeilen macht. Dabei ahnt sie nicht, wie tief sie selbst in die Geschichte verstrickt ist.
… und denkt, er hat es mit einem etwas seltsamen Krimi zu tun, in dem jemand zu viele Märchen gelesen hat, vermutlich der Mörder.
Gut, wenden wir uns dem Text zu. Er beginnt mit einem Prolog:
Der Bösewicht
Liebe Leser:innen,
es war einmal jemand, in etwa jetzt, der sollte sterben. Tief im Wald war ein Mensch dazu bestimmt, sein betrübliches Ende zu finden.
Okay, was ist das?, denkt sich der geneigte Leser. Es hat ausreichend Märchenanleihen, um das Versprechen des Covers zu erfüllen, aber auch moderne Einsprengsel, um klarzumachen, dass wir nicht den Grimm’schen Märchenschatz lesen. Allein die genderneutrale Ansprache reißt schon komplett raus. Aber auch die Überschrift, die den Perspektivcharakter anzeigt, und dann diese “in etwa jetzt”, das ist ein riesiger Holperstein, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Man liest also weiter.
Aber das wissen Sie natürlich. Das Wort “Mörder” steht auf dem Cover dieses Buches, für das Sie (hoffentlich) bezahlt haben. Sehen Sie der Tatsache ins Auge: Sie sind literarische Auftragsmörder. Sie sind für alles Folgende mitverantwortlich.
Eine direkte Leseransprache. In einem Krimi. Vom Mörder! Und es wird besser. Der Leser wird für seinen Wunsch, Krimis zu lesen, verantwortlich gemacht, der Leseanlass, der eigentlich außerhalb des Buches liegt, weil er ja nichts mit der Handlung zu tun hat, wird in die Handlung getragen. Die Figuren wissen, dass sie Figuren sind.
Diese Art von Metafiktion ist gewöhnungsbedürftig. Modernes Erzählen erfordert normalerweise strenges Einhalten einer Perspektive, man bleibt bei einer Figur und ihrer Wahrnehmung: Es gibt keine offensichtliche Person, die die Geschichte erzählt, sondern es wird aus der Perspektive der Figur erzählt, inklusive aller informationstechnischer Einschränkungen, die sich dadurch ergeben. Alles, was erkennen lässt, dass es doch eine äußere, ordnende Instanz gibt, gilt normalerweise als Fehler, weil es den Leser aus der Illusion des authentischen Berichts herausreißt. Weil es ihn aus der erzählten Welt herausreißt.
Diese Welt hat klare Grenzen, es gibt etwas, was in die Geschichte gehört, und etwas, was außerhalb der Geschichte liegt. Wir, die Autoren, liegen außerhalb, und damit sind alle Entscheidungen, die wir über den Verlauf der Geschichte, die Figuren, Perspektive, usw. treffen, auch außerhalb dieser Welt. Wir erzählen aber perspektivisch, um das vor dem Leser zu verbergen. Wir vermitteln die Illusion, dass alles innerhalb der Geschichte stattfindet. Das ist eine Entwicklung, die im 19. Jahrhundert begonnen hat und bis heute anhält. Der zeitgenössische Präsens-Roman in der 1. Person ist die neueste Ausprägung. Authentischer geht es nicht mehr, ein Ich erzählt, während das Geschehene gerade passiert.
“Böser, böser Wolf” reißt uns nun raus aus dieser Illusion, und zwar gleich am Anfang. Es sagt uns: “Ich weiß, dass ich fiktiv bin und ich bin ausschließlich dafür da, dir zu gefallen. Und im übrigen: Ermittel mal schön mit und finde raus, wer der Mörder ist. Vielleicht kannst du das Opfer ja retten.” Der unbewusste Wunsch des Krimilesers das Rätsel vor dem Ermittler zu lösen, wird hier explizit ausgesprochen. Der Leser wird quasi auf die Anklagebank für seinen sensationsgeilen Wunsch nach Mord und Totschlag gesetzt: “Die Ordnung wird wieder hergestellt, ja, aber nur wenn du, lieber Leser, dich daran beteiligst. Da du ja ohnehin nur daran interessiert bist, kannst du das jetzt auch mal zugeben.”
Nach dieser Eröffnung ist kein gewöhnlicher Krimi zu erwarten. Die Intertextualität und Metafiktion werden klar benannt, man kann also davon ausgehen, dass die fantasyartige Rolle von Märchen, der Symbolgehalt dieser Geschichten in diesem Roman Thema sein werden. Damit ist dann auch das Genre geklärt, nämlich magischer Realismus.