
Das Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen, im Original heißt es “We That Are Young”. Die deutsche Leseprobe ist ein dicker Wälzer, in dem erst internationale Lesestimmen, dann etwas zur Autorin, dann ein Interview mit der Autorin, dann ein Nachwort der Übersetzerin mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen zu Shakespeare und dann die Leseprobe kommt, wobei die Kapitel der Leseprobe mit kryptischen Zeichen und Worten überschrieben sind, die definitiv keine Kapitelzählungen darstellen.

Aus der Vita erfährt man, dass Preti Taneja Engländerin mit indischen Wurzeln, Menschenrechtsaktivitin, Kriegsreporterin und Literaturwissenschaftlerin ist. Da war’s dann allerdings auch leider schon, der Rest ist eine recht exaltierte Version von die Autorin ist “eine neue Stimme der Literatur”. Wenn man das Nachwort überspringt (weil ich normalerweise das Nachwort nicht vor dem Roman lese), erfährt man, dass Tanejas Themen Weltbürgertum, das Aufeinanderprallen der Kulturen und Indiens Verhältnis zu England sind. Und irgendwas mit King Lear.
Kommen wir zum ersten Absatz des Textes.
Es geht also nicht um Land. Sondern um Geld. Geht es nicht immer um Geld, fragt sich der Leser? Und wessen Land überhaupt? Aber das könnte man ja dann erfahren, wenn man weiterliest.
Dann kommen sehr bildgewaltige Umgebungs- und Stimmungsbeschreibungen, besonders die wattige Wolkendecke, unter der England behaglich träumt, gefällt mir sehr gut, auch weil sie die Perspektive des Einwanderers so gut wiedergibt.
Allerdings bleibt den gesamten ersten Absatz unklar, wer “er” ist und wo “er” sich befindet und warum er seine Uhr verstellt. Das ist, wie sich herausstellt, ein Fehler in der Übersetzung, die sich auch in anderer Hinsicht mehr als eigenwillig herausstellt.
Im englischen Original steht da:
It’s not about land, it’s about money. He whispers his mantra as the world drops away, swinging like a pendulum around the plane.
Hier wird klar, “er” befindet sich im Flugzeug, was in der deutschen Version komplett fehlt. Dort wirkt das Bild der Pendelschwünge eher wie eine Metapher auf eine verrückt gewordene Welt, nicht wie die Beschreibung des abhebenden Flugzeugs. Das “around the plane” wurden einfach unterschlagen.
The glittering ribbon of the Thames, the official stamps of the Royal Parks, a bald white dome spiked with a yellow crown, are swallowed by summer’s deep twilight.
Hier wurde in der Übersetzung das Passiv unterschlagen, weswegen der Satz seltsam zu lesen ist (dass die Themse im Akkusativ steht, ist grammatikalisch nicht sichtbar, und man erwartet es auch nicht, weil Akkusativobjekte normalerweise nicht am Satzanfang stehen). Sie wird vom Zwielicht verschluckt, nicht das Zwielicht verschluckt sie. Da das Zwielicht im Deutschen mit einem mal das Subjekt ist, aber immer noch am Ende des Satzes steht, ist der Satz grammatikalisch uneindeutig. Man kann schon darüber streiten, ob das Passiv überhaupt hätte gestrichen werden sollen, aber warum dann nicht auch umgestellt? Im Satz davor mit dem Pendel wurde ja auch die Satzstellung geändert, dort eher zum Nachteil.
The plane lifts, the clouds quilt beneath it, tucking England into bed to dream of better times. It is still yesterday, according to his watch. He winds the dial forward. Now it is tomorrow, only eight hours away.
Nun macht der letzte Satz auf einmal Sinn, in der deutschen Version wirkt es so, als ob “er” am Boden das Flugzeug beim Abheben beobachtet und dann seine Uhr vorstellt, warum auch immer. [Edit: Mein Testleser sagt, ihm war das klar, aber auch er war etwas verwundert über die Kürzung.] Ich möchte noch hinzufügen, dass “clouds tucking England into bed to dream of better times” einen ganz anderen Klang hat als “behaglich eingepackt träumt England unter einer wattigen Wolkendecke von besseren Zeiten”. Aber das ist etwas, womit man bei Übersetzungen leben muss.
Im Deutschen hat das Buch sehr gemischte Kritiken, sieht man sich die Rezensionen auf amazon.com mal an, stellt man fest, dass die, die etwas mit komplizierter Sprache anfangen können, das Buch toll finden. Ich denke, das wird auch aus dem ersten Absatz klar, inbesondere in der englischen Version. Sprachgewaltigkeit und Plot kommen oft nicht gut mit einander aus, also darf man nicht erwarten, dass es hier rasant voran geht in der Handlung.
Auch wenn dieser Post eher eine Auseinandersetzung mit der deutschen Verlagsveröffentlichung als des Buches selbst geworden ist, lasse ich ihn so, denn etwas Wichtiges ist denke ich trotzdem deutlich geworden: Mit Bildern und Metaphern sollte man sparsam umgehen. Wenn sie gut und richtig eingesetzt werden, vermitteln sie mehr als eine einfache Sprache es getan hätte. Aber sie erschweren auch das Textverständnis.