
“Vier Jahre ohne dich” beginnt mit einem Prolog.
Ich wachte plötzlich auf. Schlagartig. Kein langsames Erwachen, bei dem man sich noch minutenlang wehrt und versucht, sich krampfhaft an die wohltuende Bewusstlosigkeit oder den angenehmen Traum zu klammern.
Der erste Satz ist gut. “Ich wachte plötzlich auf.”
Danach müsste es dann mit der Umgebung weitergehen, die Figur wacht auf, was spürt, fühlt, sieht sie? Stattdessen kommen fünf Ellipsen, die ersten drei beschreiben, was sie nicht tut (langsam aufwachen), die letzten beiden noch mal das abrupte Aufwachen (Völlig wach. Ohne Umwege.)
Dann kommt der nächste Satz:
Ich schlug die Augen auf und bereute es sofort.
Man fragt sich, warum sie es bereut, das wird dann in den darauffolgenden Sätzen beschrieben, hier kommen die Sinneseindrücke, die an den Anfang gehören:
Mein Kopf schmerzte erbarmungslos und in meinem Mund herrschte ein auffällig starker Geschmack nach Alkohol und Erbrochenem. Durst. Ich hatte so unglaublichen Durst. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Außerdem tat mein Rücken weh.
Ich weiß, viele teilen meine Abneigung gegen Ellipsen nicht, und man kann sie auch gewinnbringend verwenden, keine Frage. Doch dieser Anfang ist ein gutes Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Obwohl inhaltlich interessant, wird der Leser nach dem spannungsreichen ersten Satz erst in die falsche Richtung gezogen, dann verwirrt und schließlich mit Sinneseindrücken überhäuft, statt sich auf eins zu konzentrieren, dann langsam auszubauen und die Folgen zu schildern. Beim Lesen kam für mich die Frage auf, was will die Autorin hier primär vermitteln? Das ist ohnehin immer eine gute Frage für die erste Szene. Was ist das Wichtigste, was gezeigt (nicht gesagt!) werden soll?
Hier: Die Figur ist derangiert, sie wacht nach einer durchzechten Nacht auf. Das ist die Aussage dieser ersten Absätze.
Allerdings passt das nicht zum ersten Satz. “Ich wachte plötzlich auf.” Das deutet auf eine Störung hin (die durchaus auch aus ihr selbst kommen kann), aber diese Störung kommt nicht mehr. Sie entdeckt langsam ihre Umgebung, also ist sie doch nicht plötzlich da.
Ein weiteres Buch der Autorin, im selben Verlag (Amrun) veröffentlicht, heißt “Strike Strike oder die Unwahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen zu werden und die grosse Liebe zu finden”. Es beginnt so:
Es läutete.
Danach kommt ein Absatz, es geht so weiter:
Endlich Schulschluss. Heute war ein anstrengender Tag gewesen. Vor allem die Doppelstunde Englisch, in der siebten und achten Stunde, hatten mich geschafft.

Der erste Satz ist sehr kurz und erst mal relativ aussagenlos. Läuten kann vieles. Das schafft eine inhaltliche Mikrospannung, man will natürlich wissen, was da läutet, und liest weiter. Der nächste Absatz enthüllt es, er führt ins Setting ein und erzählt auch schon etwas über die Figur. Sie ist offenbar eine Schülerin. Genau weiß man es aber noch nicht, also liest man erneut weiter.
Rein vom Zug her ist der Anfang also gelungen. Danach geht es leider nicht so weiter, es kommt viel Background und praktisch keine Handlung, aber das ließe sich leicht beheben, indem man einfach den Background streicht und direkt zur nächsten Handlung springt (sie geht mit ihrer besten Freundin nach Hause).