Die Geschichte wurde im Magazin “Das Gramm” veröffentlicht und beginnt so:
Seitdem Mara vom Land wieder zurück in die Stadt gekommen ist, besucht sie Aenne regelmäßig einmal in der Woche, und sie essen zusammen zu Abend. Mara, Aenne und ihre Söhne. Mara hat zwei Söhne, Aaron und Sam. Aenee hat einen Sohn, Liam. Sam und Liam sind zusammen in den Kindergarten gegangen, das ist der Ort, an dem Mara und Aenne sich kennengelernt haben. In der engen Garderobe von diesem Kindergarten, in dem Durcheinander von Gummistiefeln und Pantoffeln, Schals, Anoraks, Mützen, einzelnen Handschuhen, früh am Morgen gehetzt von den kalten und euphorischen Stimmen der Erzieherinnen, dem Einsingen für den Morgenkreis.
Ich habe mal etwas mehr zitiert, um die Stimmung rüberzubringen. Die Geschichte geht so weiter, ein bis zwei Seiten-Abschnitte ohne jeden Absatz, dann Leerzeile, dann wieder so ein Block. Erst auf Seite 7 kommt die erste wörtliche Rede und damit Absätze im Text. Die wörtliche Rede hat keine Anführungszeichen, es ist eher, als erzähle jemand über die Figuren, es gibt keine Hauptfigur, das ganze ist ein auktorialer Erzähler, der über diese beiden Frauen berichtet und er gibt auch ihre wörtliche Rede wieder, deshalb ist sie ohne Anführungszeichen, denn die Frauen reden nicht. Jemand erzählt, dass sie reden. Normalerweise würde man da indirekte Rede nehmen, aber das hat einen sehr distanzierenden Effekt, dieser Erzähler will ganz nah dran sein an den Figuren, er will sie dem Leser näherbringen, näher als sich selbst, er drängelt sich nicht in den Vordergrund, weil es um die Geschichte der beiden Frauen geht, aber er bleibt ein auktorialer Erzähler.
Die Geschichte beginnt in einem Kindergarten, und schon diese Szene ist so eindrücklich beschrieben, so nah dran, jeder der Kindergartenkinder hat, wird sich da wiederfinden, das Durcheinander, das Gefühl der Fremdheit, Eltern gehören eben nicht in einen Kindergarten, das merkwürdige Gebaren der Erzieherinnen, die ihren Job machen, aber gleichzeitig Vertrauenspersonen, Herzensmenschen für die Kinder sind.
Sehen wir uns jetzt mal nur den ersten Satz an:
Seitdem Mara vom Land wieder zurück in die Stadt gekommen ist, besucht sie Aenne regelmäßig einmal in der Woche, und sie essen zusammen zu Abend.
Er wird im verlinkten Video von der Autorin selbst gelesen, was ich ganz spannend finde, besonders die Betonung. Das erste, was auffällt, ist das Tempus – Präsens – und die Sprache, sehr bildungsbürgerlich, steif, vielleicht etwas altmodisch. Es wird eine Bewegung beschrieben – vom Land in die Stadt –, die bei Aenne endet. Mara und Aenne sind verbunden – die Namen passen übrigens auch gut in dieses bildungsbürgerliche Milieu –, die Verbindung wird durch eine Veränderung bei Mara ausgelöst, nicht Aenne, und das Abendessen findet auch bei Aenne statt. Aenne ist die Statische, Mara die Bewegliche. Sie teilen nicht etwa gemeinsame Interessen, Hobbys oder Aktivitäten, die machen etwas so Formelles wie ein gemeinsames Abendessen. Damit ist die Beziehung charakterisiert und eine Mikrospannung aufgebaut, denn natürlich erwarten wir einen Konflikt, gerade wenn sie nicht einfach zusammen ins Kino gehen, sondern “gemeinsam zu Abend” essen.