“Ein bisschen wie Unendlichkeit”von Harriet Reuter Hapgood (Jugendbuch, SF)

Der erste Satz sitzt schon mal. “Meine Unterwäsche hängt im Apfelbaum” erzeugt so viel Mikrospannung, wie nur geht. Haufenweise Fragen schießen einem durch den Kopf – warum hängt die da, ist die Ich-Erzählerin nackt, welcher Apfelbaum, welche Unterwäsche, war der Hund beteiligt?, usw., usf. – und das ist genau das, was ein erster Satz machen soll: Spannung und Fragen erzeugen.

Danach geht es mit einer Umgebungsbeschreibung weiter, die dem Leser die Möglichkeit gibt, die Situation einzuordnen, in der sich die Ich-Erzählerin befindet, aus der heraus die Unterwäsche in den Apfelbaum gelangt ist. Sie erzeugt Stimmung und gibt den Ton und das Thema des Buches vor: Gegensätze, aus der Perspektive des Protagonisten geschildert (Sonnenschein – dunkel, kippt den Kopf), irgendwas mit Problemen zuhause (Garten kippt, traurigste Girlande), vielleicht Erwachsenwerden (das Bild einer Person, die unter einem Apfelbaum liegt und nach oben guckt), es geht ans Eingemachte (Krabbeltiere).

Der ganze Absatz, der natürlich noch weitergeht, ist voller Bilder und Formulierungen, die in kleinen Happen klar machen, was für eine Art Roman wir vor uns haben, worum es gehen wird und auf welche Art die Autorin darüber berichtet: nämlich mittels Sprache. Sie nutzt Sprache, um an die Geheimnisse und Innererien ihrer Protas heranzukommen (traurigste Girlande), um deren Weltsicht zu zeigen (limonadiger Sonnenschein) und auseinanderzunehmen (Gegensatzpaar Sonne/dunkel, Limonade/Insekten). Der Roman wird auch Handlung haben, sicher, aber der Text und die Art, wie er geschrieben ist, sind genauso wichtig. Das suggeriert auch schon der metaphorisch klingende Titel.

So, und nun zu Autorin und Buch. Der Verlag sagt zu “Ein bisschen wie Unendlichkeit”:

Ein Roman voller tiefgreifenderer, schicksalhafter Romantik, Gefühl und Warmherzigkeit – überraschend, poetisch und wortgewaltig

Gottie lebt in ihrer ganz eigenen Welt. Während alle um sie herum in den Ferien von einer Party in die nächste hechten, den Tag am Strand verbringen oder andere Dinge erleben, liegt sie lieber unter dem Apfelbaum, schaut in die Sterne und philosophiert über das Universum. Sie kennt jede Theorie zu Raum und Zeit und kann alles mit einer Formel erklären. Doch in ihrem eigenen Leben gerät einiges ins Trudeln: Sie versteht nicht, wieso ihr Sandkastenfreund Thomas vor Jahren so plötzlich verschwand und nun wieder an ihre Türe klopft. Warum niemand sieht, wie sehr sie mit dem Verlust ihres Großvaters zu kämpfen hat. Und vor allem nicht, warum sie scheinbar durch die Zeit reist und schon erlebte Szenen neu durchlebt. Wird Gottie am Ende die Formel der Liebe und des glücklichen Lebens finden?

Für alle, die in der Unendlichkeit des Universums verloren gehen möchten – denn um Unendlichkeit zu spüren, genügt ein Augenblick!

Tja, das hätten wir dann recht gut angeteasert, oder? Harriet Reuter Hapgood ist Brittin und hat nach diesem Buch (das im Orignal “The Square root of Summer” heißt) an einem weiteren Buch namens “How to be luminous” gearbeitet. Wieder geht es um Frauen, der Gefühle und Probleme in lyrischer Sprache geschildert werden.