“Was ist zwei plus zwei?“
Aus irgendeinem Grund ärgert mich die Frage. Ich bin müde.
Dieser Anfang ist … seltsam. Man geht in das Buch mit der Information, dass es ein Science-Fiction-Roman sein wird, wie er im Buche steht: Raumschiffe, Weltraumrätsel, das Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel.
Ja, niedriger ist es normalerweise nicht angesetzt. Das All hat diese Wirkung auf uns. Im Angesicht der Unendlichkeit geht es um … alles.
Und nun dieser Anfang. Dieser recht banale Anfang. Jemand stellt eine Frage, der Ich-Erzähler mag die Frage nicht. Er ist müde. Er will schlafen. Offene Fragen beim Leser: Wer fragt? Wer und wo ist der Ich-Erzähler? Warum will er schlafen, wenn er doch die Menschheit retten soll?
Die erste Frage (Wer fragt?) wird im Folgenden relativ schnell beantwortet, der Fragende ist ein Computer. Der Rest ist auch dem Ich-Erzähler unklar, und er sagt das auch so: “Was ist hier eigentlich los?” Das ist wichtig, denn das orientiert den Leser, dass nicht nur er es nicht weiß, sondern dass es tatsächlich unbekannt ist. Das Nicht-Wissen ist Teil der Handlung, nicht ein Schreibfehler.
Der Ich-Erzähler weiß nicht, wo er ist, und warum ihm jemand eine Rechenaufgabe stellt. Er tastet sich langsam ran, über drei Seiten wird das Aufwachen geschildert. Klassische Science-Fiction-Eröffnung, jemand erwacht auf einem Raumschiff und weiß nicht, was los ist. Die Perspektive ist konsequent bei der Figur, man erfährt nur, was diese Figur wahrnimmt, und das ist nicht viel.
Das funktioniert, weil man aus dem Klappentext die grundsätzliche Informationen hat, und weil es gut geschrieben ist. Empfehlenswerte Lektüre für den Adepten der perfekten ersten Seite.
P.S. Ich war inzwischen im Kino und kann den Film nur jedem Science-Fiction-Schreiber empfehlen. Er ist herzerwärmend und teilweise schon fast goldig, hervorragend gespielt und sehr lustig. Mit Wissenschaft hat das Ganze praktisch nichts zu tun, die Astronomie und Physik sind stellenweise kompletter Blödsinn, aber das ist auch nicht der Fokus des Films. In dieser Hinsicht zumindest passt er zum Anfang, der konsequent bei der Figur ist, beim Menschlichen. Es gibt viele SF-Romane, die beschäftigen sich mit der Wissenschaft, da wird über Neutronensterne geschrieben und über wandernde Erden, darüber, wie realistische, interplanetare Raumfahrt aussieht, und über die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass es da draußen Leben gibt (und wenn nicht, warum nicht).
Und dann gibt es Science Fiction, die beschäftigt sich mit der Frage: Was heißt es, ein Mensch zu sein? Project Hail Mary ist diese Sorte Geschichte.