Der Wind von dort, wo die Sonne aufging, drückte das Holz an die Küste. Holz und das andere bunte Zeug, das so komisch roch, wenn man es verbrannte, und das immer mehr wurde.
Der Roman ist ein Horror-Thriller, wie das Cover verrät, und hat irgendwas mit Arktis, Grönland oder so zu tun (ein Blick in den Klappentext verrät, es ist der Nordpol). Das sind die Infos, die der Leser auf jeden Fall hat, wenn er diesen ersten Satz liest. Es ist ein Prolog – wie schon mal diskutiert, kann man dadurch nicht nur zusätzliche Informationen vergeben, Spannung aufbauen, usw., man kann auch den wichtigen ersten Satz losgekoppelt von der Haupthandlung schreiben, was manchmal sehr hilfreich ist.

Der erste Satz klingt etwas holprig, ich hätte das als Lektorin angestrichen. “von dort, wo die Sonne aufging”, warum die Richtung nicht benennen (aus Osten) oder zwei Sätze daraus machen (Der Wind wehte aus dem Osten/Der Wind kam aus Osten, er hatte das Holz an die Küste gedrückt)? Streng genommen drückt der Wind das Holz nicht gerade jetzt, es ist schon da und bräuchte daher ein Plusquamperfekt. Dann “das Holz”, was ist damit gemeint? Welches Holz? Wird ein direkter Artikel verwendet, dann weil es schon mal kam und man als Leser weiß, welches Holz gemeint ist, aber das funktioniert hier ja nicht. Ich würde also kommentieren: keine Vorstellung vom Aussehen des Holzes.
Dieser erste Satz ist trotzdem nicht schlecht, nur seltsam. Mein erster Einruck: Man könnte das eleganter und lesefreundlicher formulieren (warum ich es dann aber doch so lassen würde, dazu kommen wir gleich).
Der zweite Satz ist eine Ellipse, er ist unvollständig, es fehlt das Verb. “Holz und das andere bunte Zeug” ist das Subjekt, dann kommt nur noch ein Relativsatz. Von Ellipsen rate ich praktisch immer ab, schlechter Stil, fehlende Information, liest sich holprig.
Allerdings baut dieser Satz ein Rätsel auf, irgendwelches komisches Zeug, das bunt ist und noch mehr, wird an einer (unbekannten) Küste angeschwemmt. Welches Zeug und warum wird es immer mehr? Was ist das?
Man liest also weiter, weil man Fragen hat. Und Fragen sind spannend. Und danach liest man noch weiter, denn man erfährt zwar nicht, was es mit dem komischen bunten Zeug auf sich hat, aber warum die Sprache so seltsam ist: Der Prolog wird von einem Kind erzählt, ein Kind, das für viele Dinge kein Wort hat. Es kennt den Begriff Osten nicht und weiß nicht, was das bunte Zeug ist, es weiß nicht, wie man die Größe von Dingen misst, hat keine Adjektive für bestimmte Eigenschaften, usw. Es ist an einer unbekannten Küste, findet ein seltsames Stück Holz aus dem Meer und in seinem Dorf herrscht offenbar ein religiöser Tyrann, den anderen Kindern geht es auch nicht gut und am Ende ist die Rede von dem “Schlafende(n) aus der Tiefe”, das sie wecken wollen, weil es “seine Kinder immer im Herzen trug.”
Na ja, da würde man doch auf jeden Fall umblättern. Unmengen Andeutungen, was alles Grusliges im Buch passieren wird (plus Lovecraft-Anspielung), ein Kind ist in Gefahr und die Sprache passt zur Figur.
“Im Eis” erschienen bei Torsten Low.