Eigentlich beginnt der Roman mit einer Reihe fiktiver Briefe, die ein Mädchen namens Scarlett an jemanden namens “Caraval-Master Legend” schickt und zwar über sieben Jahre hinweg. Die erzählte Geschichte ist kurz, Scarlett möchte den Schausteller oder Künstler Caraval ganz offensichtlich kennenlernen (auch wenn sie ihn nur darum bittet, auf ihrer Insel aufzutreten), doch der antwortet nicht, dann gibt sie es schließlich auf, weil sie heiratet, Zitat: “Ich werde bald heiraten, also ist es vermutlich das Beste, wenn Ihr mit Euren Darstellern dieses Jahr nicht nach Trisda kommt”. (Trisda ist ihr Wohnort, die Insel, die sie nicht verlassen darf).

Und daraufhin antwortet Caraval dann doch, gratuliert, erklärt ihr, dass er nicht zu ihr kommen kann, sie und ihren Verlobten aber gern kennenlernen würde, und schickt ein Geschenk.
Überschrieben ist das alles mit: “Es dauerte sieben Jahre, bis sie den richtigen Brief schrieb.”
Rätsel über Rätsel, wer ist dieser Caraval, was macht er eigentlich (in einem der Briefe wird auch ein Mord erwähnt, den er angeblich begangen hat), warum kann Scarlett ihre Insel nicht verlassen und warum will sie ihn nicht mehr sehen, wenn sie verheiratet ist (schreibt ihm dann aber doch)? Warum ist der letzte der “richtige” Brief? Was war falsch an den ersten?
Es geht also spannend los, viele Fragen, manche davon hätte man vielleicht beantworten können, aber die Form ist ungewöhnlich.
Scarletts Gefühle strahlten sogar noch bunter als sonst. Das drängende Rot glühender Kohlen. Das eifrige Grün frisch keimenden Grases. Das ungestümte Gelb der Federn eines flatternden Vogels.
Er hatte endlich zurückgeschrieben.
Sie las den Brief ein weiteres Mal. Dann noch einmal. Und noch einmal. Ihre Augen folgten jedem der scharfen Tintenstriche, jeder wächsernen Widmung des Wilberwappens von Caraval.
Eine der Fragen wird im ersten Absatz also direkt beantwortet: Sie hat ihm erneut geschrieben, weil sie halt doch wollte, das er kommt, Hochzeit hin oder her. Aber warum? Ist sie unglücklich? Ist ihr langweilig? Was ist so toll an diesem Caraval?
Die Sprache ist … nun ja, schwierig. Gefühle strahlen nicht (es sei denn, wir hätten es hier mit einer innovativen Art der Magie zu tun), schon gar nicht rot, grün oder gelb. Und dann ist es ein “drängendes Rot” und ein “eifriges Grün” und ein “ungestümes Gelb”. Ich bin ja kein manischer Adjektivstreicher, aber das ist zu viel. Drei Bilder hintereinander für ein Bild, das an sich schon nicht funktioniert.
Mein erster Impuls war, den erster Absatz komplett streichen. “Er hatte endlich zurückgeschrieben” ist der erste Satz, der tatsächlich etwas aussagt und der die Freude, die sie offensichtlich darüber empfindet, auch klar zum Ausdruck bringt. Danach geht es dann in die Details und das ist sehr schön gemacht.
Aber der erste Absatz! Und dieses absichtliche In-der-Luft-schweben-Lassen in den Briefen: Sie will ihn sehen, klar, und die Heirat ist ein Hindernis, weil ihr Wunsch offensichtlich romantischer Natur ist, das sagt uns ja schon das Genre. Aber wer ist Caraval? Und warum antwortet er? Nimmt er nur Verheiratete? Das hat einen etwas unschönen Beiklang, auf jeden Fall klingt es nach unklaren Gefühlen und Verstrickung. Prinzipiell ein interessantes Thema, allerdings nur, wenn es auch sensibel und sprachlich gekonnt gehandhabt wird. Der erste Absatz lässt aber anderes vermuten.
Die Gefühle sind platt und oberflächlich dargestellt, und das ist eigentlich auch schon in den Briefen der Fall. Scarletts Wunsch, Caraval zu sehen, ist eine Schablone für Sehnsucht und Anhimmeln aus der Ferne. Aber die wahren Gefühle, die unter einer solchen Haltung liegen, werden gar nicht berührt. Es geht nur um Caraval und eben um ihre Gefühle, also nicht konkret welche, sondern dass sie welche hat. Für Caraval.
Hier ist eine Lücke und diese Lücke ist Absicht. Sie soll vom Leser gefüllt werden, mit seinen eigenen Gefühlen. Wer erfolgreich Romantasy schreiben will, sollte das beherrschen.
P.S. Und da ich nicht weiß, ob die bunt strahlenden Gefühle nicht vielleicht doch eine innovative Form der Magie oder etwas anderes Weltspezifisches sind und nicht nur überbordende Sprache der Autorin, würde ich sie natürlich erst mal stehen lassen und weiterlesen.