Wenn Recherche einen umbringt

Woche vom 8. bis zum 12. Februar 2016

 

In der Federwelt gab es mal einen Artikel über die Autorenrecherche. Der Autor StephanWaldscheidt berichtete von seinem bislang einzigen Versuch, in der realen Welt Informationen zu sammeln, zu welchem Zweck er in ein Bordell reiste und gründlich durchgeschüttelt wurde.

 

Doch auch beim Recherchieren im Internet kann man an seine Grenzen geraten.

Für einen Text brauchte ich ein frauenfeindliches Gespräch zwischen Männern, und weil ich nun mal kein Mann bin und auch keine Männer kenne, die derartige Gespräche führen, ja allgemein, derartige Gespräche nicht in der Anwesenheit von Frauen geführt werden, wandte ich mich an das allwissende Internetz. Ich surfte durch Communities, in denen man sich über Lochschwager austauscht und wie man am besten mit möglichst vielen devoten Frauen Sex haben kann. Zitat: "Was nackt herumläuft, darf gefickt werden." Danach war ich schlauer, aber wegen akuter Befremdungssgefühle doch noch zu sehr in der Behauptung (auch Tell statt Show genannt)

Und wieder kam mir das Internet zu Hilfe, am 6. Februar sollte nämlich ein internationales Meetup von Neomaskulinisten (ein lupenreiner Angliszismus, im Orginal Neomasculinity) stattfinden, die das Aufreißen von Frauen zu einer Kunstform erhoben haben und die Straffreiheit von Vergewaltigungen auf privatem Grund propagieren. 
Man kann jetzt darüber denken, was man will, aber die Typen sind eindeutig frauenfeindlich.

Perfektes Recherchematerial, dachte ich mir, klickte mich stundenlang (ich hatte mir einen halben Tag als Recherchelimit gesetzt) durch die Internetseite eines ihrer Gurus (zum Forum hatte ich als Frau keinen Zugang) und lass und lass und lass.

Die Herren haben, man muss das mal so sagen, die gedankliche Herabsetzung von Frauen perfektioniert. Beispiel gefällig?

Have you noticed how easy it seems to attract girls you’re not attracted to? Since you think of hot girls as so much more valuable than mediocre ones, you’re more likely to behave in a way that makes it clear to her that she is indeed too valuable for you, without even realizing what you’re doing. This is the phenomenon where bad, needy game “leaks” out as a result of your thoughts, without conscious effort on your part. If you want to get physical with hot girls, you need to master how you think of them first. From here on out, no girl is hot, and there are no tens. She’s either “cute” or “alright.” Don’t be that guy who falls captive to every girl he sees. Instead, trick your mind into lowering her value so that you spit tighter game. 

"game" ist hier ein Sammelbegriff für alle inneren und äußeren Fähigkeiten, die man haben muss, um Frauen aufzureißen; "tens" sind Frauen mit einer zehn auf der Bewertungsskala (die von eins bis zehn geht).

Die ganze Seite ist eine krude Mischung aus Selbstmitleid, Verklärung der Vergangenheit und einer übersteigerten Wahrnehmung der männlichen Sexualität, die zu reiner Bedürfnisbbefriedigung verkommt, so wie Durst, nur dass das Wasser sehr viel schwerer zu kriegen ist. Das Ergebnis ist, dass, wer diesen Ratschlägen folgt, sich auf keine Frau - sofern er sie noch als Mensch betrachtet und nicht als Spielzeug - mehr wirklich einlassen kann: 

I noticed that the more I’m myself in a relationship with a woman (as I see myself), the happier I am with her. On the other hand, the more I have to change my behavior in line to what I think she would find attractive, the less satisfaction I get from that relationship. While “being yourself” is not the key to getting laid, it may be the key to being satisfied in relationships.

Eine gnadenlos deprimierende Einsicht, für die der Herr Jahre gebraucht hat. Nur was passiert, wenn er ganz er selbst ist?

Unfortunately, it’s becoming impossible to achieve high authenticity outside the realm of familial and friendly relations where you can be more direct with your beliefs, desires, dreams, and hopes. With women you’re sexual with, being open and honest is dangerous. Tell her what you think or feel and she’s out the door.

Man fragt sich unwillkürlich, wie der so drauf ist, wenn er authentisch ist.
Tatsächlich sind wir Frauen nämlich so:

What women want from men is excitement, entertainment, and passion—the things that hit her most primal buttons. Being well-read with philosophy or history doesn’t make her wet, but teasing does. Being a prudent businessman who can close important deals doesn’t turn a girl on, but making her laugh does. Being a balanced human being without any mental disorders won’t get you laid, but having the skill to cold approach random women and display dark triad traits will. 

Folglich ist alles, was schiefläuft, eine Folge unseres Verhaltens:

Now that the emotional and familial purpose of male-female interactions are being eliminated, thanks to a woman’s demand for “independence,” a modern man should focus on extracting as many instances of sex from individual women as he can until the well becomes dry. 

 

Ein gelungenes Bild, der Brunnen, der irgendwann austrocknet: 

 

She’s an oil well, and I will use my drill to gain as much black liquid as I can until the well taps out, and then be forced to move on to another.

 

Die Vorstellung von mir als hervorquellendem, schwarzem Öl macht den Frauenhass dieser Männer fast greifbar. Man will das Öl trinken, so sehr dürstet es einem nach Erquickung, aber man weiß, es wird einen umbringen, wenn man zuviel davon nimmt.

 

 


Danach muss ich mich bei allen meinen männlichen Bekannten versichern, dass es auch noch nette Männer gibt.

 

 

Als ich befriedigt zu meinem Schreibtisch zurückkehrte, wurde mir allerdings eines klar.Sie alle sind durchaus nette Männer, die nie auf die Idee kämen, dass ich winselnd unter ihnen, "Nein! Nein!" schreiend, erst recht ein Anreiz bin, die Sache zu Ende zu bringen. Nein, sie tätschelten mir den Rücken, sprachen mir gut zu und vor allem ... sie lachten. Sie lachten! Sie lachten über diese Männer.

 

 


Aber mir ist überhaupt nicht zum Lachen. 

 

 


Ich verspüre - noch jetzt - eine Mischung aus milder Verachtung, Mitleid und ... Angst.

 

 

Woche vom 20. bis zum 26. Juli 2015

 

Das letzte Mal, dass ich so derangiert aus einer Recherche hervorgegangen war, war letzten Sommer. Ich las über den Prozess von James Eagan Holmes und nachdem ich die Wikipedia-Artikel durchhatte, las ich weiter, weil ich das alles so unglaublich spannend fand, diese Sprachlosigkeit, dieses Unvermögen, die eigene Tragik zu benennen, weil er nicht mal wusste, dass es da etwas zu benennen gab: "Terrorism isn't the message. The message is, there is no message", soll er gesagt haben, als man ihn nach dem Grund für den Anschlag fragte.

 
 
Jedes Leben, das er in dieser Nacht nahm, erhöhte seinen eigenen Lebenscount um eins. Jede Verletzung war ein Kollateralschaden, irrelevant. Er war so leer, dass er die Träume und Hoffnungen anderer Menschen absorbieren musste, und um sie zu absorbieren, musste er sie töten. "Any problem can be solved with death." Der Tod ist das ultimative Nichts, und in diesem Nichts schwebt die Frage nach dem Warum. Warum? JE Holmes schrieb das Wort 200 Mal in sein Notizbuch, in dem er auch die Anschläge plante. Er war damit einverstanden, sich schuldig zu bekennen, wenn er im Gegenzug eine lebenslange Haftstrafe bekäme statt der Todesstrafe. Aber der district attorney war anderer Meinung: "Justice for Mr. Holmes is death."

 

Es waren nicht nur die Opferliste und die Einzelschicksale dieses Massenmords, die mir den Garaus machten, es war diese vollkommene Sprachlosigkeit eines Menschen, der die Leben anderer Menschen absorbieren muss, um selbst lebendig zu sein, und der nicht die geringste Ahnung hat, warum das so ist. Und der es, zum Tode verurteilt, auch niemals benennen kann. Einer solchen Ansammlung von Tod und Vernichtung menschlicher Seelen war ich nicht gewachsen. Nach drei Tagen gab ich auf. Die Notizen für dieses Projekt sind bis heute Notizen geblieben.

 

Also, lieber Autor, wenn du jemals eine Recherche nicht verkraftest: Sei versichert, du bist nicht allein! Suche Trost bei anderen Autoren, weine dich aus und mache dich an deine Arbeit. Es ist nur Recherche und nicht das wahre Leben. Zumindest nicht deins.