Immer Ärger mit dem Plotten

Most uninitiated writers have two different reactions to the idea of story structure. Either they think it’s great, but too mystical and lofty to be understood by common mortals, or they think it’s formulaic hooey that will sap the art right out of their books.

K. M. Weiland "Structuring your novel"

 

Es ist wie beim Fremdsprachenlernen. Der eine jubelt jetzt und denkt! Cool! Neue Sprache! Der andere denkt: Nein, nicht schon wieder Sprachen! Ich hasse Sprachen! Aber stellt euch mal vor, wie das ist, wenn man tatsächlich bei Leuten wohnt, die eine andere Sprache sprechen. Da hat man nicht mehr den Luxus, Sprachen cool oder doof zu finden. Als ich Deutschland verließ, konnte ich Deutsch, etwas Englisch und ein paar Reste Esperanto aus früheren Zeiten. In Finnland habe ich ein paar Worte gelernt, die Sprache ist zu schwer und zu fremd, um sie für ein knappes Jahr Aufenthalt zu lernen. Immerhin die Lebensmittel konnte ich am Schluss benennen. Schwedisch übe ich nun seit einem halben Jahr, für unkomplizierte Sachen wie's Einkaufen reicht's. Währenddessen hat sich mein Netflix-Konsum verdoppelt, weil ich überhaupt kein Fernsehen mehr gucke, und da alle nicht englischsprachigen Sendungen nur auf Dänisch, Schwedisch oder Finnisch (untertitelt) sind, schaue ich fast nur noch englischsprachige und infolgedessen hat sich mein gesprochenes Englisch stark verbessert.

 

Ergebnis: Wenn ich schreibe, rutschen mir englische Sätze dazwischen, beim Vokabellernen fallen mir plötzlich Esperantowörter wieder ein und im Alltag hantiere ich mit drei Sprachen: ich übersetze mir das Schwedische ins Deutsche, ich rede eine wüste Mischung aus Schwedisch und Englisch und ich verwechsle schwedische und englische Wörter. Und dann fällt mir ums Verrecken die deutsche Bedeutung nicht ein.

 

Und genau wie meine Fremdsprachenkenntnisse entwickelt sich auch mein Verständnis vom Plot. Es wird immer wüster.

 

Zu Anfang habe ich überhaupt nicht geplottet. Ich machte, was alle Anfänger machen, und schrieb munter drauflos. Das funktionierte auch ganz gut, weil man auch bei Munterdrauflosschreiben instinktiv plottet, bis ich ... nun ja ... steckenblieb. An einer höchst vorhersehbaren Stelle: in der Mitte.

So sehr ich auch darüber nachdachte, neu schrieb, mir die Haare raufte, den Himmel um Erleuchtung bat, nichts geschah, das nächste Kapitel war immer noch scheiße. Es fühlte sich einfach nicht richtig an. Etwas anderes als mein Gefühl hatte ich nicht, um die (strukurelle) Qualität meines Textes zu beurteilen. Ich hatte ein paar Basiskenntnisse, die denke ich jeder mitbringt, der sich zum Schriftsteller berufen fühlt, doch als die Komplexität stieg, versagten sie. Es war einfach nicht genug.

 

Es war an der Zeit, in ein Grammatikbuch zu gucken.

 

Der Himmel weiß, wieviele Plottingtechniken es gibt, ich habe bisher achtzehn gezählt. Ich wandte mich ihnen aus Verzweiflung zu, weil nichts weiterging, nicht weil ich ernsthaft strukturell arbeiten wollte. Obwohl alle sagten, ich solle das tun. Pffft! Ich doch nicht. Ich kann auch ohne. Bestimmt. Wenn ich es nur lange genug probiere, wird das irgendwann schon was. Nur eben gerade jetzt nicht, und ich habe jetzt keine Geduld mehr zu warten, weil ich schon so lange an dem Roman arbeite, und auch weil es bei dem anderem, an dem ich schon ebensolange arbeite, genauso ist, also probiere ich halt mal ein paar von diesen Szenenplänen, Wendepunkten, Zusammenfassungen aus. Aber nur gerade so viel, damit ich weiterkomme, danach höre ich gleich wieder auf.

 

In meinem Hinterkopf - oder besser im Inneren meines Autorenherzens - rumorte die ganze Zeit eine bleiche, zitternde Angst: Was, wenn dein intiutives Verständnis für den Aufbau einer Erzählung kaputt geht bei all diesen Punkteplänen, Heldenreisen, Schneeflocken? Was wenn es dann nicht mehr funktioniert? Was wenn die leblose Technik deine Kreativität erstickt?

 

Kreativität war nämlich:

 

The essence of the creative act is that [..] we have only a rudimentary kind of control over it. Falling asleep in this way can be extremely jarring (the trick is not waking ourselves up by reacting to the images we see); it is like tapping into a well of psychic energy that for the rest of our lives is turned off and unavailable to us. Writers—and all artists—attempt to tap into this wellspring consciously, while awake, and to direct it into a finished work which they can present to the world as “the product of their imagination.” Yet it may be that the product itself is almost incidental to the real mystery, that of the creative process itself. How does it happen and why does it take the form it does? What are these seemingly bipolar kinds of consciousness called waking and dreaming, and why is it so difficult (and so fascinating) a task to create—or locate—a working bridge between the two?

Raskolnikov and the Peanut: Mirror neurons & the arcane art of writing

 

Begeistert vom Verständnis, dass der Autor dieses Artikels dem kreativen Prozess entgegen zu bringen schien, las ich weiter und geriet in esoterischen Tiefen, die mich von jeder Struktur weg und hin zu neuen Ebenen des Autorendaseins zu tragen schienen. Ich ging sogar so weit, (publizierte) Autoren zu fragen, wie ich denn nun diesen Quell des Unbewussten, der psychischen Energie anzapfe.

 

Der Autor postuliert eine Verbindung zwischen dem Gehirnzustand des Autors beim Schreiben und dem des Lesers beim Lesen. Eine Art Telepathie. Wenn du Tolkien liest, bist du in Moria auf der Brücke und schreist: Du kannst hier nicht vorbei!111!!! Gutes Schreiben ist dann nur noch das wirklich, wirklich tiefe Versenken in den Schreibprozess, um dem Text deine Gehirninfos quasi als unsichtbare Zwischeninformation aufzuprägen.

 

Ich empfehle wirklich alles Anfängern, diesen Artikel zu lesen, er ist sehr lehrreich.

Weil er nämlich totaler Blödsinn ist.

 

All die schönen Überlegungen dort zur schriftstellerischen Empathie und der Kommunikation mit dem Leser beruhen auf der Annahme, dass die sogenannten Spiegelneuronen an der Entstehung von Empathie beteiligt sind. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die beim Betrachten eines Vorgangs diesselbe Aktivität erzeugen, wie beim (früheren) Ausführen desselben Vorgangs. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil des Lernens durch Zuschauen. Aber es gibt keine Hinweise darauf, dass sie nicht nur durch physisch-reale Vorgänge wie Bewegungen, Töne usw. erregt werden. Der Zusammenhang zu Gefühlen ist rein spekulativ, und damit auch das gesamte Gedöns vom Versenken-und-bester-Schriftsteller-ever-werden. Kommunikation ist immer eine Zweibahnstraße, es reicht nicht, nur zu senden, man muss auch empfangen. Das sogenannte Zwischen-den-Zeilen-Schreiben, das auch mir schon in glücklichen Stunden gelungen ist, ist genauso Teil des Handwerks wie alles andere auch und nicht Ergebnis eines quasi mystischen neuronalen Prozesses, dessen Grundlagen gerade erst erforscht werden (und das ist etwas ganz anderes, als sich beim Schreiben oder Überarbeiten vorzustellen, wie ein unvertrauter Leser den Text aufnehmen würde).

 

Waren also diese besonderen Texte, die ich aus keinem Zwang sondern aus reiner sprudelnder Freude an der Idee geschrieben hatte, lebendig, anschaulich, spannend, mit einer Zwischen-den-Zeilen-Kommunikation, vor der ich niederknien mochte, nur Zufall? Würde ich immer mal wieder solche Teile zustandebringen, aber eben immer nur Teile, nie ein Ganzes?

 

Die Antwort lautet: ja.

 

Es gibt keinen irgendwie arkanen Ort der Kreativität, aus dem das zauberhafte Schreiben nur so hervorsprudelt, bis am Ende ein wunderbarer, vollständiger, perfekter Roman dasteht.

 

Ich denke, gut zu schreiben ist vor allem harte Arbeit. Andreas Eschbach, Homepage

 

Alles, was es zu geben scheint - das ist das Ergebnis meiner kleinen Umfrage - ist der Akt des Schreibens selbst. Der Modus scribendi. Tipps dazu gab es viele, hier eine Diskussion über das erster Entwurf - Überarbeitungs-Problem, ich empfehle vor allem Texte darüber zu lesen, wie Autoren Schreibblockaden überwinden, da findet sich ein reichliches Sammelsurium an kreativitätsfördernden Maßnahmen, aber vor allem entwickelt man bei reichlicher Lektüre eine Vorstellung dafür, was schriftstellerische Kreativität überhaupt ist. Warten auf die Erleuchtung ist es jedenfalls nicht.

 

Wie jetzt? Dann also doch wieder das starre Abarbeiten von vorgebenen Strukturen?

 

Dass das Problem universell ist, zeigt die Tatsache, dass das Literaturinstitut Leipzig eine Vorlesung zum Thema "Organisation des Schreibprozesses" gibt. Aber man muss gar nicht so weit gehen, in den simplesten (und verschrieensten) Ratgebern stehen mitunter die hilfreichsten Dinge:

 

Plot isn’t an accessory that conveniently organizes your material according to some ritualistic magic. [..] Plot is organic. It takes hold of the writer and the work from the beginning. [..] I can’t say plot is the center of the writer’s universe, but it is one of two strong forces - character being the other - that affects everything else in turn.

Ronald B. Tobias "20 Masterplots and how to build them", S. 3

 

Das find ich ja schon recht eindrucksvoll, dafür, dass es in dem Buch ausschließlich um vorgegebene Plots geht. Wie auch immer die konkrete Organisation aussehen mag, sie ist kein statisches Tool, das man durchplant und dann schwups ist die Geschichte da.

 

Plot isn’t a wire hanger that you hang the clothes of a story on. Plot is diffusive; it permates all the atoms of fiction. It can’t be deboned. It isn' t a series of I-beams that keeps everything from collapsing. It is a force that satureates very page, paragraph and word. [..] Plot is a process, not an object. [..] Plot is dynamic, not static. p. 5

 

[Plot] is a force that attracts all the atoms of language (words, sentence, paragraphs) and organizes them according to a certain sense (charakter, action, location). It is the cumulative effect of plot and character that creates the whole. p. 7

 

Und ich kann jetzt, nach Jahren des Schreibens, endlich sagen, dass ich zum ersten Mal verstehe, was er damit meint. Überhaupt war das eine der großen Erkenntnisse: Schreibtipps haben ein Eigenleben. Ihre Aussagekraft verändert sich, je mehr man geschrieben hat (ob unter Berücksichtigung des Tipps oder nicht), desto mehr sagen sie einem. Plötzlich scheinen sie etwas zu bedeuten, Begriffe wie Thema, Prämisse, Ziel, Bedürfnis, Strategie. Das statische Vor-Plotten, das die Plottingtools zu empfehlen scheinen, existiert nicht.

 

Das bedeutet aber auch, dass man sich nicht hinsetzen und die Geschichte aus dem Kopf so hinschreiben kann, wie man sie sich vorgestellt hat. Eine Idee ist noch keine Geschichte. Die typische Schreibblockade ist nicht: Mir fällt nichts ein! Sie ist: Ich habe zuviel in Kopf und kriege es nicht sortiert! Deswegen fällt mir nichts Konkretes ein, das ich aufschreiben kann.

 

Die Lösung war einfach: Akzeptiere, dass sich die Geschichte beim Niederschreiben transformiert. Manchmal hunderte Male. Gedanken kann man nicht aufschreiben. Und die Art der Transformation = Plot. Der Plot ist die ordnende Macht während des Schreibprozesses. Ideen sind nicht vollständig, Ideen sind nicht verständlich. Wenn ich sie an den Mann bringen will, wenn ich sie anderen verständlich machen will, muss ich ihnen eine Form geben, und diese Form heißt Plot. Also genau das Gegenteil von dem, was die Spiegelneuronen mir vorzugaukeln versuchten.

 

Und natürlich wirkt dabei eine wie auch immer geartete Art der Kreativität: Jede Entscheidung im Transformationsprozess, jedes "So ist es besser", "Vielleicht doch eher noch einen Toten" oder "Diese Passage ist unsauber, eindimensional, Tell" ist eine kreative Entscheidung, bewusst oder unbewusst, und damit Teil des künstlerischen Prozesses. Der Plot ist Teil des künstlerischen Prozesses. Und dabei spielt es keine Rolle, ob er vorher, während oder nach dem Schreiben entstand und wie bewusst er entwickelt wurde. Genauso, wie beim Sprachenlernen die Anwendung die Sache ritzt, aber ein gelegentlicher Blick in die Grammatik hilfreich sein kann. Man muss nur in Kauf nehmen, dass keines von beiden schnell zum Ziel führt.

 

Why do I feel this to be a hopeful thing? The way this pattern thrillingly completed itself? It may just be – almost surely is – a feature of the brain, the byproduct of any rigorous, iterative engagement in a thought system. But there is something wonderful in watching a figure emerge from the stone unsummoned, feeling the presence of something within you, the writer, and also beyond you – something consistent, wilful, and benevolent, that seems to have a plan, which seems to be: to lead you to your own higher ground.

George Saunders, Quelle

 

LINKS, DIE IM TEXT AUFTAUCHEN

 

http://seedmagazine.com/content/article/mirror_neurons_also_respond_to_language_and_sound/

 

https://www.nytimes.com/2015/03/29/books/review/whats-more-important-to-you-the-initial-rush-of-prose-or-the-self-editing-and-revision-that-come-after-it.html?partner=rss&emc=rss&_r=2

 

http://www.rookiemag.com/2012/11/get-unstuck/?src=longreads

 

http://www.dailymail.co.uk/news/article-2326630/Notes-diagrams-famous-authors-including-J-K-Rowling-Sylvia-Plath-planned-novels.html

 

http://de.slideshare.net/UnknownScreenwriter/20-master-plots-and-how-to-build-them-13715920

 

https://www.theguardian.com/books/2017/mar/04/what-writers-really-do-when-they-write?utm_source=esp&utm_medium=Email&utm_campaign=Bookmarks+base&utm_term=216643&subid=21530510&CMP=EMCBKSEML3964

 

https://www.nytimes.com/2017/02/24/books/review/what-happens-next-or-doesnt.html?_r=2