per-spektive

Ich habe über den auktorialen Erzähler meditiert. Er ist ja nicht gerade beliebt unter den Schreiblehrern, und kommt deswegen auch im modernen Roman kaum vor. Aber ich mag ihn schon gern, und finde er hat zwei Facetten, die beide interessant in der Umsetzung sind.

Die erste ist die Allwissenheit, die ihm Zugang zu vergangenen und zukünftigen Geschehnissen, dem Innenleben aller Figuren und ihren Beziehungen gibt. Bei Druckfrisch haben sie das die Sehnsucht nach dem Überblick genannt: der auktoriale Erzähler möchte sich die Welt so arrangieren, wie er sie gerne hätte. Die Autorin Sabine Scho ist der Meinung, auktoriales Erzählen setze den Glauben vorraus, die eigene Wahrnehmung sei die einzig richtige. Sie befand, der personale Erzähler befinde sich im Gegensatz dazu in der Froschperspektive, von wo aus er die Möglichkeit hätte, Entdeckungen zu machen, die dem auktorialen Erzähler verborgen blieben. Der personale Erzähler als Rebell gegen die Vor-Ordnung der Dinge.
Ich teile den allgemein schlechten Ruf des auktorialen Erzählens nicht. Im Gegenteil, ich bin bekennender Fan. Gute Geschichten benötigen einen allwissenden Erzähler, und zwar einfach deshalb, weil sie in sich abgeschlossen sind und daher keine Entdeckungen mehr brauchen. Die Entdeckung ruht in ihrer Geschichtlichkeit, ihrer Hermeneutik. Ein auktorialer Erzähler ist viel besser in der Lage, diese Hermeneutik zu vermitteln als ein personaler Erzähler. Damit will ich nicht sagen, dass Texte in anderen Perspektiven bedeutunglos sind, sie haben ihre eigene Berechtigung für eine eigene Art von Geschichten. Ich möchte nur das auktoriale Erzählen ein wenig mehr zu seinem Recht kommen lassen:

Dann war tatsächlich Frieden eingetreten. Botschaften des Friedens wehten vom Meer an die Küste. Nicht, um ihren Schlaf noch länger zu stören, sondern um sie noch tiefer in Schlaf zu säuseln, und was immer die Schlafenden Heiliges, Weises träumten, zu bestärken - was sonst murmelte es denn -, als Lily Briscoe ihren Kopf auf das Kissen in dem sauberen, stillen Zimmer legte und das Meer hörte. Durch das offene Fenster drang murmelnd die Stimme der Schönheit dieser Welt, zu leise, um genau zu verstehen zu können, was sie sagte - aber was machte das schon, wenn die Bedeutung klar war? -, mit der Bitte an die Schlafenden (das Haus war wieder voll; Mrs. Beckwith war da, auch Mr. Carmichael) falls sie nicht selbst zum Strand hintunterkommen wollten, doch bitte die Jalousien hochzuziehen und hinauszusehen. Dann würden sie die Nacht in Purpur hinabfließen sehen, das Haupt gekrönt, das Zepter juwelengeschmückt, wie selbst ein Kind sie ansehen könnte. Und falls sie noch zögerten (Lily war durch die Reise erschöpft und schlief fast sofort ein), falls sie immer noch nein sagten, weil es nur Dunst sei, ihre Pracht, und dass der Morgentau mehr Kraft habe als sie und sie lieber schlafen wollten; dann würde die Stimme sanft, ohne Klage, ohne Streit ihr Lied singen. Sanft würden sich die Wellen brechen (Lily hörte sie im Schlaf); zart sich das Licht senken (es schien durch ihre Lider zu dringen). Und alles sah aus, wie Mr. Carmichael dachte, als er sein Buch zuschlug und einschlief, wie es immer auszusehen pflegte.

Virginia Woolf, "Zum Leuchtturm"

 

Das Beispiel stammt aus Ursula LeGuins "Kleiner Autoren-Workshop", die damit vor allem die Möglichkeiten mittels Satzlänge und Syntax den Rhythmus eines Textes zu steuern, demonstrieren wollte. Aber es ist auch ein auktorialer Erzähler, denn die Stimme der Welt und mindestens zwei Personen (Lily und Mr. Carmichael) tauchen als Perspektivgeber auf. Und niemanden stört es.

Das zweite Kennzeichen des auktorialen Erzählers ist seine Sichtbarkeit. Das ist ein wichtiger Punkt, der den auktorialen Erzähler vom personalen trennt: Er gibt sich dem Leser zu erkennen. Man kann einen auktorialen Erzähler so gestalten, dass er so weit es geht unsichtbar bleibt und die Perspektive sich nur an der Allwissenheit bemerkbar macht (wie in obigem Beispiel). Aber die Sichtbarkeit des Erzählers ist ein wesentlicher Punkt, denn damit kann man einerseits die Reaktionen der Leser steuern und andererseits die Distanz zum Protagonisten variieren und damit den Eindruck der Innerlichkeit einer Figur variieren.
Der Erzähler ist deutlich in Zusammenfassungen und Raffungen sichtbar, häufig auch in szenischen Gestaltungen als Rahmen von Dialogen. Die üblichen direkten Ansprachen an den Leser ("Wenden wir uns, lieber Zuhörer, nun dem Haus im Tal zu ...") sind inzwischen wirklich extrem unüblich. Aber es gibt Texte, bei denen nicht klar ist, wer spricht, der Erzähler oder die Figur. Oder man hat den Eindruck, eine Zeitlang nur der Figur zuzuhören und dann kommt ein Satz, der eindeutig nicht von der Figur stammen kann (lila - auktorial, grün - erlebte Rede): 

So brachte Wilhelm seine Nächte im Genusse vertraulicher Liebe, seine Tage in Erwartung neuer seliger Stunden zu. Schon zu jener Zeit, als ihn Verlangen und Hoffnung zu Marianen hinzog, fühlte er sich wie neu belebt, er fühlte, daß er ein anderer Mensch zu werden beginne; nun war er mit ihr vereinigt, die Befriedigung seiner Wünsche ward eine reizende Gewohnheit. Sein Herz strebte, den Gegenstand seiner Leidenschaft zu veredeln, sein Geist, das geliebte Mädchen mit sich emporzuheben. In der kleinsten Abwesenheit ergriff ihn ihr Andenken. War sie ihm sonst notwendig gewesen, so war sie ihm jetzt unentbehrlich, da er mit allen Banden der Menschheit an sie geknüpft war. Seine reine Seele fühlte, daß sie die Hälfte, mehr als die Hälfte seiner selbst sei. Er war dankbar und hingegeben ohne Grenzen.
Auch Mariane konnte sich eine Zeitlang täuschen; sie teilte die Empfindung seines lebhaften Glücks mit ihm. Ach! wenn nur nicht manchmal die kalte Hand des Vorwurfs ihr über das Herz gefahren wäre! Selbst an dem Busen Wilhelms war sie nicht sicher davor, selbst unter den Flügeln seiner Liebe.
Goethe, Meister Wilhelms Lehrjahre, Kapitel 9

Das Beispiel stammt aus "Kunst und Technik des Erzählens" von Otto Kruse, zitiert nach dem Gutenberg-Text. Der Text ist offensichtlich eine auktoriale Zusammenfassung, aber die meisten Sätze könnten auch durchaus personal sein (wenn auch der Stil etwas typisch Auktoriales an sich hat). Bis auf die in dunkleren Lila markierten Sätze, die eindeutig nur von einem allwissenden Erzähler kommen können. Auch der erste etwas heller markierte Satz könnte zwar personal sein, hat aber etwas außerordentlich Auktoriales an sich. Der Erzähler waltet hier über Wilhelms Leben und auch ohne sich sichtbar an den Leser wenden, ist er sichtbar. 

Grün markiert habe ich einen Satz in erlebter Rede. Diese Technik eignet sich zur Wiedergabe von Bewusstseinsvorgängen und ermöglicht damit einen Einblick in die Figur. Entgegen der häufigen Behauptung wurde sie durchaus schon vor dem 19. Jahrhundert erfunden. Erlebte Rede steht in der 3. Person und im Präteritum. Sie ist teilweise Figuren- und teilweise Erzählerrede. Oft ist es schwierig zu unterscheiden, wer spricht. Die Verwendung der 3. Person hat eine selbst-distanzierende Wirkung, und eignet sich daher hervorragend für den auktorialen Erzähler, der trotz seiner Allwissenheit, einfach durch seine Sichtbarkeit nicht bis zur letzten Tiefe in die Figur eindringt (grün - erlebte Rede, blau- direkte Rede):

Und er sah zur Weckuhr hinüber, die auf dem Kasten tickte. »Himmlischer Vater!« dachte er. Es war halb sieben Uhr, und die Ƶeiger gingen ruhig vorwärts, es war sogar halb vorüber, es näherte sich schon dreiviertel. Sollte der Wecker nicht geläutet haben? Man sah vom Bett aus, dass er auf vier Uhr richtig eingestellt war; gewiss zu verschlafen? Nun, ruhig hatte er ja nicht geschlafen, aber wahrscheinlich desto fester. Was aber sollte er jetzt tun? Der nächste Ƶug ging um sieben Uhr; um den einzuholen, hätte er sich unsinnig beeilen müssen, und die Kollektion war noch nicht eingepackt, und er selbst fühlte sich durchaus nicht besonders frisch und beweglich. Und selbst wenn er den Ƶug einholte, ein Donnerwetter des Chefs war nicht zu vermeiden, denn der Geschäftsdiener hatte beim Fünfuhrzug gewartet und die Meldung von seiner Versäumnis längst erstattet. Es war eine Kreatur des Chefs, ohne Rückgrat dass Verstand. Franz Kafka, Die Vewandlung

In Grün Passagen in der erlebten Rede markiert. Die Sichtbarkeit ist hier schon sehr viel eingeschränkter als bei Goethe, aber immer noch ist eine gewisse Distanz erkennbar und einige der Sätze könnten auch durchaus vom Erzähler stammen. Erlebte Rede hat auktoriale Momente, vor allem im Vergleich zu einer anderen Technik der Bewusstseinswiedergabe, dem Stream of Consciousness. Er wird in direkter Rede geschrieben, ohne syntaktische Fallstricke wie Gänsefüßchen, Kommaregeln und Sprecherverben. Er ist die Wiedergabe des inneren "Redens" der Figur, der Erzähler ist nur im Rahmen sichtbar, er hat keinen Einfluss auf die Beschreibung der inneren Vorgänge. Direkte Rede kann auch in erlebte Rede eingebunden werden, genauso wie indirekte Rede, aber zu ihrer vollen Entfaltung kommt sie nur als fortlaufender Strom, der die letzte Distanz zu Figur beseitigt:

Wie lang' wird denn das noch dauern? Ich muß auf die Uhr schauen... schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht's denn? Wenn's einer sieht, so paßt er gerade so wenig auf, wie ich, und vor dem brauch' ich mich nicht zu genieren... Erst viertel auf zehn?... Mir kommt vor, ich sitz' schon drei Stunden in dem Konzert. Ich bin's halt nicht gewohnt... Was ist es denn eigentlich? Ich muß das Programm anschauen... Ja, richtig: Oratorium! Ich hab' gemeint: Messe. Solche Sachen gehören doch nur in die Kirche! Die Kirche hat auch das Gute, daß man jeden Augenblick fortgehen kann. – Wenn ich wenigstens einen Ecksitz hätt'! – Also Geduld, Geduld! Auch Oratorien nehmen ein End'! Vielleicht ist es sehr schön, und ich bin nur nicht in der Laune. Woher sollt' mir auch die Laune kommen? Wenn ich denke, daß ich hergekommen bin, um mich zu zerstreuen... Hätt' ich die Karte lieber dem Benedek geschenkt, dem machen solche Sachen Spaß; er spielt ja selber Violine. Aber da wär' der Kopetzky beleidigt gewesen. Es war ja sehr lieb von ihm, wenigstens gut gemeint. Ein braver Kerl, der Kopetzky! Der einzige, auf den man sich verlassen kann... Seine Schwester singt ja mit unter denen da oben. Mindestens hundert Jungfrauen, alle schwarz gekleidet; wie soll ich sie da herausfinden? Weil sie mitsingt, hat er auch das Billett gehabt, der Kopetzky... Warum ist er denn nicht selber gegangen? – Sie singen übrigens sehr schön. Es ist sehr erhebend – sicher! Bravo! Bravo!... Ja, applaudieren wir mit. Der neben mir klatscht wie verrückt. Ob's ihm wirklich so gut gefällt? – Das Mädel drüben in der Loge ist sehr hübsch. Sieht sie mich an oder den Herrn dort mit dem blonden Vollbart?... Ah, ein Solo! Wer ist das? Alt: Fräulein Walker, Sopran: Fräulein Michalek... das ist wahrscheinlich Sopran... Lang' war ich schon nicht in der Oper. In der Oper unterhalt' ich mich immer, auch wenn's langweilig ist. Übermorgen könnt' ich eigentlich wieder hineingeh'n, zur ›Traviata‹. Ja, übermorgen bin ich vielleicht schon eine tote Leiche! Ah, Unsinn, das glaub' ich selber nicht! Warten S' nur, Herr Doktor, Ihnen wird's vergeh'n, solche Bemerkungen zu machen! Das Nasenspitzel hau' ich Ihnen herunter...
Arthur Schnitzler, Leutnant Gustl

Die ganze Passage ist in der 1. Person und damit in direkter Rede geschrieben. Es ist eine Aneinanderreihung von Beobachtungen, Reflexionen über das Gesehene und Assoziationen dazu. Später, als die Lage für Leutnant Gustl unangenehmer wird, kommen (wirklich nur gelegentlich) einzelne Sätze in der 2. Person ("Gustl, Gustl, mir scheint, du glaubst noch immer nicht recht d'ran?") oder der 3. Person ("Herr Leutnant, Sie sind jetzt allein, brauchen niemandem einen Pflanz' vorzumachen."). Aber gerade dadurch, dass es so selten ist, führt es einen die Verzweiflung Gustls vor Augen. In der gesamten Erzählung ist der Erzähler nicht sichtbar, weil sie nur aus einem einzigen Strom von Gustls Gedanken und einigen Dialogen besteht. Die Stimme der Figur ist extrem authentisch und deutlich, was einer der großen Vorteile des Nicht-auktorialen Erzählens ist.