Robert Musils "HAsenkatastrophe"

 

Der Text ist kurz, denke ich mir, und dafür bekannt, dass er eine große Anzahl an bildhaften Ersetzungen enthält – Metapher, Personalisierung, Metonymie –, sie alle kommen vor und gleich in derartiger Menge, dass es sich für den Adepten der Sprachkunst durchaus lohnt, mal einen Blick darauf zu werfen.


Gesagt, getan. Ich analysiere also diese Kürzestgeschichte – sie enthält reichlich 5500 Zeichen inkl. Leerzeichen und ist damit eher von der Pausenbrotsorte. Mal eben gelesen, während man auf das Läuten der Glocke oder den Chef wartet, der einen wieder reinwinkt.

 

Ha! Beim ersten Lesen verzweifle ich vollkommen, ich weiß am Schluss zwar, was passiert ist, aber mehr auch nicht. Ich kapiere, dass Musil sich hier über die Grausamkeit seiner Mitmenschen echaufiert, aber alles andere bleibt unklar. Zwischendurch verliere ich sogar den Faden – bei einer 5000-Zeichen-Geschichte!

 

Was sollen die Berge in der Erzählung? Gut, Musil war Österreicher und vermutlich mit Bergen mehr vertraut als mit der Insel, auf der die Erzählung spielt. Und die ganze bildreiche Sprache für die Kleidung und das Aussehen der Badegäste verwirrt mich mehr, als mir eine Vorstellung davon zu geben, wie die Leute denn nun tatsächlich aussehen. Die Hosen haben "Bügelfalten" und die Dame mit dem Hund sieht aus als ob sie gerade "aus der Glasscheibe eines großen Geschäfts" getreten wäre. Also was? Sie sind modisch gekleidet. Sie sind ordentliche Bürger? Kleidung als Charakterisierung? Und der Hund? Erst ist er der Held, dann plötzlich ein mordendes Untier? (Hier müssten eigentlich drei Fragezeichen hin, wenn das nicht schlechter Stil wäre.)

 

Ich markiere also erst Mal alle Stilmittel, neben der unglaublichen Menge an Metaphern – was genau war jetzt noch mal der Unterschied zwischen einer Metapher, einer Metonymie und einer Synekdoche? – stolpere ich über Hyperbeln, diverse Adynata (ja, hier musste ich nachschlagen, was der korrekte Plural ist), diverse Ellipsen und ein, zwei Aufzählungen. Nach zwei Stunden schweißtreibender Verzweiflung werde ich vermutlich nie wieder vergessen, welches Stilmittel nun was ist. Ich fühle mich geläutert – der Eintritt in das Himmelreich der wissenden Autoren liegt vor mir! Ich kenne alle Stilmittel! Ich weiß, wie man sie erkennt! Ich könnte sie, unter Umständen, sogar selbst anwenden und – ha! – wüsste sogar, welches ich gerade genommen habe, nur laut aussprechen möchte ich sie eher nicht (betont man Adynaton auf dem 'y' oder auf dem 'A'?)

 

Sogar ein Symbol habe ich gefunden und eine Allegorie. Die hohe Kunst liegt vor mir ausgebreitet, die Erzählung ist eigentlich keine, sondern mehr eine Parabel, in der man nichts wörtlich nehmen darf. Auch wenn das, was berichtet wird, durchaus so passiert sein könnte, im Ganzen ist es eine künstliche Zusammenstellung menschlichen Verhaltens,  jedes Wort, jede Formulierung hat eine Bedeutung und trägt zur Gesamtaussage bei, verändert die Beschreibung, lenkt die Wahrnehmung des Lesers.

 

Dann fällt mir auf, dass sowohl die Erzählzeit als auch die Perspektive wechselt. Sehr subtil, am Anfang ist von "man" und "der Zuschauer" (womit der Erzähler sich selbst meint) die Rede, im zweiten Absatz wechselt er zum 'ich' und ins Präsens. Die Gegend und die Leute werden beschrieben, der Hund beginnt zu jagen, dann reflexive Gedanken des Erzählers über die Vergleichbarkeit der einsamen Natur auf Berggipfeln und Inseln, als stände er herum und wüsste nicht, was er sonst tun soll. Sie voller Wörter aus dem Wortfeld des Todes – blutend, zerschnitten, schädelgeld, Kranz, Leere, Einsamkeit. Hier spricht er dann von "wir" und "unserem Erstaunen".

 

Die Gedanken zur Umgebung wirken auf den ersten Blick so, als hätte der Autor den Text einfach aufgeschrieben, während oder nach den Geschehnissen. Wie wir es alle manchmal tun: Etwas fällt uns ein, wir schreiben es auf, weil es uns gefällt und eine Wahrheit über das Beobachtete enthält, die wir festhalten wollen.

Doch dann kippt die Erzählung, aus der Beobachtung wird eine Katastrophe – der Hund ist kein Held mehr, sondern ein Mörder. Der Hase nämlich ein Hasenkind (Ellipse!), das den Funken des Lebens in sich trägt.

Die Naturassoziationen dienen dazu, die Erzählung an einem unzivilisierten Ort zu verorten, an den die Menschen vorgedrungen sind und wo sie sich dem eigenen Grauen, ihrer eigenen Verrücktheit gegenüber sehen (hier werden die anfänglichen Metaphern zur bürgerlichen Mode mit dem Wort "Tollhausjacken" konterkariert).

Die Jagd des Hundes ist ein Verbrechen, kein natürlicher Vorgang. Die Verkindlichung des Hasen eine Allegorie für das Erwachen des Erzählers: Bisher hat er sich in Reflexionen ergangen und alles als natürlich hingenommen, jetzt begreift er, dass die Jagd des Hundes unnatürlich und grausam ist.

 

Und von da an geht es Schlag auf Schlag. "Ich fühle mein Herz". Der erste Satz ohne Verschachtelung, ohne bildhafte Stilmittel, die es dem Erzähler bisher ermöglicht haben, sich von seiner Umgebung emotional zu distanzieren. Aber nun: Er fühlt.

Die "Bügelfalten" (seine eigenen wohlgemerkt), über die er vorher nur in der 3. Person ("man") gesprochen hat, tauchen erneut auf. Auch wenn man am Anfang ahnte, dass es sich dabei um den Erzähler handeln muss, blieb eine Distanz, die jetzt aufgehoben wird, und zwar genau in dem Moment, als die Katastrophe da ist: Der Erzähler begibt sich ins Geschehen hinein.

Dann wechselt er zurück ins Präteritum (mitten im Absatz) und: "Ich sah auf." Ein einfacher Subjekt-Verb-Satz ohne Verschachtelung und ohne bildhafte Sprache. Das Entsetzen ist aufgeschrieben, dem Erzähler fehlen plötzlich die bisher so gewandten Worte.

 

Aber immerhin kann er überhaupt darüber sprechen. Das "sich bildende Schweigen" der Anderen (was auch die Besitzerin des Hundes umfasst) ist ein Metapher für die Sprachlosigkeit der Gruppe. Sie kann mit der Situation nicht umgehen, ist der Einsamkeit und Grausamkeit der Natur vollkommen ausgeliefert. Das Hasenkind wird dahin gemetzelt, Blut, ja "Blutrausch" überall. Dumme Worte bilden sich, die keine Wahrheit enthalten. Wir kennen das alle: Etwas Peinliches ist passiert und jederman kichert dumm und sagt etwas, nur damit etwas gesagt wurde. Und weil allen klar ist, dass die Worte dumm sind, schweigen sie dann doch wieder und schauen schräg nach rechts.

 

Die Erzählung endet mit der Rückkehr in die Zivilisation. Plötzlich gibt es ein Hotel, ein Gebäude, also nicht nur einsame Natur, nein die Menschen haben die Insel bereits erobert. Ein "behaglicher" Herr trägt den toten Hasen fort, nicht um ihn zu begraben, sondern damit er in der Küche zu Hasenbraten wird. Der letzte Satz hat es dann in sich: "Dieser Mann stieg als erster aus dem Unergründlichen und hatte den festen Boden Europas unter den Füßen."

 

Dieses Aufbrechen des dünnen Bodens des bürgerlichen Menschseins, diese Heuchelei, das gleichzeitige Existieren von Mode und Blutrausch in einem Europa, das sich zivilisiert nennt, wird nur vom Erzähler bemerkt und kommentiert. Er kann es nicht ändern, aber, dass er es bemerkt, ist schon mehr als alles, was die anderen Badegäste tun.

 

Und jetzt sagt mir hier mal niemand, dass das keine Relevanz für das aktuelle Europa hat.

 

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