Verrückte Charaktere

Die Idee kam mir beim Lesen von Sol Stein ("On Writing"), der der Meinung zu sein scheint, dass zu verrückte Charaktere von den Lesern nicht akzeptiert werden. Sowohl im Sinne, dass Charaktere, deren Verhalten niemand nachvollziehen kann, keinen Empathiereflex auslösen, und damit nicht sympathisch sind, als auch im C.S.Lewischen Sinne: "Odd things happening to odd people is one oddity too much.", letzteres vor allem für phantastische Werke, deren Umgebung und Ereignisse ja per se odd sind.

 

Natürlich gibt es in der Literatur zahlreiche Gegenbeispiele, für eine wirklich seltsame Hauptfigur fällt mir spontan Elias aus "Schlafes Bruder" ein (der dann allerdings auch wieder ganz normale Dinge passieren). Ein gutes Beispiel sind auch die Hauptfiguren von Michael Moorcock, Elrik von Melnibone oder Iherek Cornelians, letzterer so anders, weil er am Ende der Zeit lebt und die Menschheit sich auf sehr skurrile, fast psychodelische Art entwickelt hat. Das funktioniert, weil die andere Hauptperson eine Frau aus dem viktorianischen England ist und der Seltsamkeit Iherek quasi den Spiegel der Normalität vorhält.

 

Vor einiger Zeit kam es in meiner (für ihre geruhsame Art bekannten) Autorenwerkstatt zu einer heftigen Auseinandersetzung über die Plausibiltät des vorgestellten Charakters. Der Text handelte von einem verschrobenen, mittelalten Mann, der allein lebte und vergaß, eine Katze, die er zu Anfang bei sich aufgenommen hatte und die dann während seiner Abwesenheit verstorben war, zu entsorgen, so dass, als am nächsten Tag seine Kollegin - zu seinen Kollegen hatte er auch ein reichlich skurriles Verhältnis - bei ihm vorbei kam, die Katze noch immer in der Küche lag. Tod in der Küche lag. Er hatte derweil über Kindheitserlebnisse nachgedacht.

Während einem Teil des Kurses der Charakter extrem unplausibel erschien, fand der andere die Figur gut gezeichnet und absolut nachvollziehbar. Es entspann sich eine erbitterte Diskussion über Leichenstarre bei Katzen, das Verhältnis von Kindern zu totem Getier und verschiedenen Formen des Wahnsinns. Viele der ersten Gruppe waren der Ansicht, die Figur habe ernsthafte (im Text verschleierte) psychische Probleme, während einige ihm allenfalls eine stark assoziative Wahrnehmung wie bei Kindern und die dazugehörige Naivität zuerkannten. Als die Polizei bei ihm auftaucht um nach der Katze zu fragen, denkt er:

 

Allmächtiger! Die Katze! Die wurde allmählich zu einer Art Fluch. Er musste wohl sehr verdattert ausgesehen haben und musste sich, wie so oft, erstmal in die Realität einfinden.

Lucien Deprijck

 

Ja, der Mann lebt etwas zu sehr in seinem Kopf und zu wenig außerhalb. Und tut deshalb echt schräge Dinge, bzw. unterlässt welche, von denen die Mehrheit der Bevölkerung annehmen würde, dass sie selbstverständlich sind.

 

Ich grüble darüber nach, seit ich den Text gehört habe. Wenig später veröffentlichte das Magazin der SZ einen Artikel, in dem Walter Benjamin zitiert wurde. Ein Grübler sei jemand, "der die Lösung des großen Problems schon gehabt, sie sodann aber wieder vergessen hat".

Der notorische Grübler unter den Lesern wird sich wiederfinden. Endlich jemand, der die Dinge auf den Punkt bringt, ganz im Sinne einer exakten Ausdrucksweise.

Während langer Stunden der Grübelei und des Nachdenkens kommt man dem Problem immer näher und näher, man kann die Lösung mit Händen greifen, ja sie berühren. Und dann ist sie wieder verschwunden, genau in dem Moment, als man glücklich darüber war, sie endlich gefunden zu haben. Einen Augenblick nicht hingeguckt, und alles wieder vergessen. Das Problem ist zwar schon unendlich zerkaut, aber die Lösung nicht. So war noch nicht gesetzt genug, nicht ausreichend Gedankenhumus geworden, sondern noch frisch und schlüprig und fort war sie. Also grübelt man weiter, weil, wenn man es einmal geschafft hat, dann muss das ja auch wieder klappen!

 

So ist das bei Verrückten, es gibt immer jemanden, der sie versteht. Und der unverständige Rest? Der muss entweder den Kopf schütteln oder weiter darauf warten, dass der Charakter etwas Unvorhergesehenes tut. Und wie kann man nun entscheiden, ob eine Figur unplausibel oder einfach nur ein bisschen seltsam ist?

Das kann man nicht. Dafür sind die Menschen zu unterschiedlich. Ich rate zum Besuch eines Autorenseminars.