was alles so in alten Zeitungen steht

Für einen Historienroman aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) haben ich viel in alten Zeitungen recherchiert. Einerseits, um bestimmte Ereignisse abzuklären - die Abläufe während des Krieges sind nicht gerade für ihre Übersichtlichkeit bekannt -, andererseits aber auch, um mehr über die Sprache und das Denken dieser Zeit zu erfahren.

 

Ich kann das nur jedem empfehlen, Zeitungen gibt es seit der Mitte des 16. Jahrhunderts und die meisten sind digital in deutschen Bibliotheken verfügbar. Es ist etwas mühsam, sich durch die mitunter sehr absonderliche Sprache zu wühlen (wird aber besser, je länger man es macht oder je näher man an unsere Zeit kommt), aber es lohnt sich. Man erfährt eine Menge interessante Sachen, bekommt ein Gefühl für die Sprache und lernt, worauf es den Menschen damals so ankam, dass sie wertvolles Papier und vor allem wertvolle Ressourcen für die Beschaffung der Informationen aufwendeten.

 

Das lief nämlich so ab, dass Reiter durch die Gegend zogen und die Infos über einen Überfall, ein Schiffsunglück, die Börsendaten, eine Krönung oder eine Umweltkatastrophe in Nachrichtenzentren brachten, wo sie dann gesammelt und in kleinere Städte weitergeleitet worden. In Deutschland lagen diese Zentren in Prag, Augsburg, Nürnberg oder Hamburg.

 

Die Nachricht wurde in der Zeitung daher immer mit dem Ort ihrer Herkunft, also dem Nachrichtenzentrum, angegeben und mit einer Zeit, die angab, wie alt sie war. Da weiter entfernte Ereignisse länger brauchten, um "geliefert" zu werden, waren Ereignisse aus Rotterdam, Budapest, Paris, Rom oder Mantua logischerweise schon länger her, wenn sie in der Zeitung auftauchten,  als die, die in Deutschland gesammelt worden waren. Und ab der Mitte des 30jährigen Krieges gab es dann auch Kampagnen, die Schweden setzten erfolgreich Fake-Nachrichten(!) ein, um die Bayern in die Knie zu zwingen, nachdem sie Nürnberg und damit das dortige Pressezentrum erobert hatten. Und selbst, wenn die Nachricht nicht bewusst falsch war, musste sie nicht immer stimmen:

 

(c) Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

Auß Bremen den 12. Decembris

Es verlautet, daß der Wallsteiner am hitzigen Fieber gestorben.

Ordinari Diensttags-Journal #LI vom 17.12.1625

 

Die wöchentlich erscheinende Zeitung (daher das 'Ordinari' für regelmäßig) wurde wahrscheinlich in Stuttgart von Johann Weyrich Rößlin herausgegeben. Die Durchstreichung und die Anmerkung 'falsch' stammen vom Archivar Johann Jacob Gabelkofer, der am Ende des Jahres 1625 alle Meldungen als Sammelband herausgab. Tatsächlich starb Wallenstein erst 1634 vermittels einer Lanze, aber das war in den Kriegswirren Ende 1625 eben nicht immer sicher.

 

Die Zeitungen dieser Zeit, ob nun regelmäßig oder nicht, waren voll von interessanten Sachen. Zum Beispiel diese ...

 

Mordsgeschichte

 

Am 2. Dezember wurde im Ordinari Dienstags-Journal eine Nachricht aus Prag gedruckt, die vom 15. November stammte. Im Original lautet sie so:

 

Der entleibte Freyherr Otto von Wartenberg solle den [Bauern] grosse ursach zu seiner entleibung geben haben, und obwol man 200. Mußketierer hinauß geschickt, die Rädelsführer in verhafft zunemmen, seyn sie doch unverrichter sachen wider zuruck kommen, weil sich die [Bauren] noch mehr gestärckt. Den 12. [November] ist der Keyserisch AppellationsRath Doctor Kapper, als er von hier auff seine Güter (welche vor disem dem Herrn Sabski confisciert worden) geraist, von etlichen vermumbten Reuttern in seinem Wagen erschossen worden.

Ordinari Diensttags-Journal # XLVIII vom 2.12.1625

 

Das ließe sich in etwas so in modernes Deutsch übersetzen (sehr frei nach Steigenberger):

Der ermordete Freiherr Otto von Wartenberg soll die aufständischen Bauern wirklich schlecht behandelt haben. 200 Musketiere reichten nicht aus, um die Anführer des Aufstandes zu verhaften, weil sich in der Zwischenzeit immer mehr dem Aufstand angeschlossen hatten. Am 12. November wurde dann auch noch der kaiserliche Appellationsrat Dr. Kapper von etlichen vermummten Reitern in seinem Wagen erschossen, als er gerade auf dem Weg zu seinen Gütern war (die, wie allgemein bekannt, vor der Enteignung Herrn Sabski gehört hatten).

 

Der genannte "Doctor Kapper" ist Johann Daniel Kapper von Kapperstein und Jurist am Appellationsgericht in Prag. 1921 gehörte er zu der Kammer, die den aufständischen Böhmen den Prozess gemacht hatte (Quelle: Gindely "Geschichte der Gegenreformation in Böhmen").

Der am Anfang der Meldung erwähnte Otto von Wartenberg war ein böhmischer Adliger, der Ende 1625 offenbar deswegen von seinen Bauern erschlagen wurde, weil er sie mittels Fristsetzung zur Konversion zwingen wollte. Nach dem gescheiterten Aufstand der protestantischen Stände gegen den katholischen Kaiser (der eigentlichen Ursache des 30jährigen Krieges) setzte in Böhmen (und Mähren) eine gezielte Gegenreformation ein, die zu größeren sozialen und ökonomischen Umwälzungen führte. Als die Bauern die Frist ignorierten und Wartenberg eine Bittschrift zukommen ließen, ihnen ihren Glauben doch bitte zu lassen, ließ er die Überbringer festsetzen, deren Befreiung dann in einem Blutbad endete. Bauernaufstände waren in der Zeit auch nicht gerade selten, allerdings wurden sie praktisch immer blutig niedergeschlagen. So auch dieser, nach unbedeutenden Kampfhandlungen verbrachte man das Jahr 1626 bis in den Januar 1627 hinein damit, die Rädelsführer abzuurteilen und hinzurichten.

 

Die nächste Erwähnung des Mordfalls ist am 22. November. Inzwischen scheint es keinen Zusammenhang zwischen dem Tod des Appellationsrates und den aufständischen Bauern mehr zu geben:

(c) Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

Deß erschossenen Doctor Kappers AppellationRaths Fraw ist in verhafft genommen worden, weil sie an ihres Herrn Tod ursach und schuld haben soll, die ist anklagt unnd für Recht gestellt worden: Ein anderer vom Adel Sabskhy genannt, so solche That neben andern verricht haben soll, ist auch eingezogen und in weissen Thurm gelegt, den hat man gleichfalls examinirt, so sich schon zu dieser That bekennet, und daß er noch 2. deß Herrn Kappers Diener hingericht, soll auch ein zeithero mit deß Entleibten Fraw unehrliche Liebe geplegt haben. Dieser Sabskhy, so verheyrathet, soll seine Fraw auch haben hinrichten lassen wöllen, und sich nacher sie baide miteinander zu verehlichen im Werck gehabt haben, was nun mit denen fürgenommen wird, gibt die zeit. Als man den Entleibten nechsten Sontags bey haltender Begräbnuß mit der grossen Glocken auff dem Schloßthurn geleuttet, ist der Schwengel mitten entzwey gebrochen und abgefallen.

Ordinari Diensttags-Journal # XLIX vom 3.12.1625

 

Erneut die Übersetzung:

Die Frau des erschossenen Appellationsrats Kapper wurde verhaftet, weil sie am Tod ihres Mannes beteiligt gewesen sein soll. Sie soll angeklagt und abgeurteilt werden. Ein anderer Adliger namens Sabski wurde ebenfalls verhaftet, weil er neben anderen Untaten auch diesen Mord begangen haben soll. Er wurde in den weißen Turm gesperrt, gefoltert und hat die Tat gestanden, ebenso wie den Mord an Kappers Diener. Er soll seitdem eine außereheliche Affäre mit der Frau des Ermordeten gehabt haben, obwohl er verheiratet ist. Er hatte offenbar geplant, seine eigene Frau hinrichten zu lassen und dann die Frau des Kappers zu heiraten. Was nun aus den beiden Frauen wird, muss die Zeit zeigen. Als man den Ermordeten am Sontag zu Grabe getragen und die große Glocke auf dem SChlussturm geleutet hat, brach der Schwengel mitten entzwei und fiel zu Boden.

 

In der ersten Meldung wird erwähnt, dass Kapper bei seiner Ermordung auf dem Weg zu seinen Gütern war, die er vorher von dem Herrn Sabsky konfisziert hatte. Sabksi hat ihn also ermordert, aber was ist der Grund? Weil er im Zuge der Gegenreformation seinen Besitz an Kapper verloren hat? Die Affäre allein reicht als Mordgrund ja nicht aus, normalerweise beginnt man ja die Affäre, bevor man auf die Idee kommt, den lästigen Nebenbuhler loszuwerden, und ermordet nicht den Nebenbuhler, damit man eine Affäre beginnen kann. Andererseits kann die geplante Hochzeit ein Grund gewesen sein, also waren Sabski und Frau Kapper in sündiger Liebe zueinander entflammt? Irgendetwas Dramatisches muss geschehen sein, aber darüber schweigt sich das Journal leider aus.

 

Der nächste (und letzte) Eintrag stammt von 12. Dezember und lautet:

Weil deß Doctor Kappers Fraw bekennt, daß durch sie deß Edelmans Sabsky Diener mit Gelt erkaufft, ihren Herrn hinzurichten, auch ihne nach begangner That abgefertigt, also ist durch die Herrn Commissari solche Urgicht Key[serliche] M[aiestaet] überschickt worden, dero Urthel und Execution ist man nach den Feyertagen gewärtig.

Ordinari Diensttags-Journal # LI vom 17.12.1625

 

Deutsch: 

Weil die Frau des Herrn Kapper gestanden hat, dass von Sabskis Diener dafür bezahlt wurde, ihren Ehemann zu töten, und auch ihn nach begangener Tat abzufertigen, wurde sie an die Kommissare des kaiserlichen Gerichts überstellt, deren Todesurteil nach den Feiertagen erwartet wird.

 

Wer jetzt denkt, jetzt ist alles klar, liegt falsch. Denn warum ist die Ehefrau bezahlt worden und warum von Sabski Diener, wenn doch Sabski den Mord selbst begangen hat (wie es im vorherigen Bericht heißt)? Und warum bezahlt, wenn sie doch eine Affäre mit ihm hatte oder haben wollte? Es war ja schon im vorherigen Bericht nicht klar, wie die Affäre da reinpasst, aber hier wird doch deutlich, dass es vermutlich eher um Rache ging. Sabski war ein protestantischer Adliger, der im Zuge der Gegenreformation seine Güter verlor. Und zwar an Kapper. Er wollte den raffgierigen Katholiken tot sehen. Welche Beweggründe Kappers Frau hatte, wird wird für immer im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben (und kann somit von findigen Autoren für dramatische Plotumschwünge verwendet werden).

 

Freaking out on superstition

 

Die Meldungen sind in einem eher trockenen, sachlichen Ton gehalten. Bei 90 % handelt es sich um Kriegsnachrichten, wer gerade mit wem scharmützieret hat und wieviele dabei tot oder gefangen, wer wo lagert, plündert, durchzieht, wessen Schiffe aufgebracht und wieviel Kontributionen bezahlt worden sind. Auch der Verlauf der Friedensverhandlungen wird aufmerksam verfolgt:

 

Sonst sagt man, daß Ihr Chrufürstl. Durchl. zu Sachsen sich sehr bemühen thun zwischen Ihrer Kay. Mayest. und dem König in Dennemarck Friden zuschliessen, dazie der Nider=Sächsische Craiß auch gar genaigt sein solle, unnd seind destwegen die Gesandten von beyden theilen zu Braunschweig beysammen, verhofft man also den außschlag in wenig tagen zu vernehmen.

Curier auß Wien vom 27.12.1625

 

Deutsch: 

Und weiter bemüht sich Ihre kurfürstliche Durchlaucht zu Sachsen sehr, Frieden zwischen dem Kaiser und dem König von Dänemark zu stiften, weil auch der niedersächsische Reichskreis sehr darauf dringt. Deswegen haben sich die Gesandten beider Parteien in Braunschweig versammelt. Ergebnisse werden in wenigen Tagen erwartet.

 

Es geht also darum, den zweiten großen Teilkrieg des 30jährigen Krieges zu beenden, an dem unter anderem Dänemark beteiligt war. Der niedersächsische Reiskreis ist der nördlichste Teil Deutschlands, der direkt an Dänemark grenzte und auf dessen Seite stand. Allerdings scheint man dort ein wenig kriegsmüde geworden zu sein, vermutlich weil seit Monaten die Horden durchzogen und ein langer Winter bevorstand. Spoiler: Es wurde nichts aus dem Frieden.

 

Wechselt dieser für den Historiker so angenehme distanzierte Tonfall plötzlich auf ein alltägliches und heute eher dem Bereich Kurioses zugehöriges Geschehnis, dann steigt das Befremden ins Unermessliche.

Auß Leyptzig vom 17. [Juni]

Auß Aschersleben hört man das alda Herr General Walnstein mit Herrn Graffen Maximilian von Trautmannsdorff als Kayserl. Commissari in geheimb tractiert, hernach auff Dreßden verreist, gemelter General läßt sein Volck zusammen führn, und bey Rogayen eine Schiffbrucken verfertigen, auch bey Dessaw jenseiths der Elb starcke Schantzen auffwerffen, sonst hat Herr General die Vorstatt zu Zerbst abbrennen lassen.

Zu Herbestatt in der Graffschafft Henneberg ist den 18. Dito die Roßschwemb in Blutt verwandelt, es sein auch in 3. Dörffern selbiger Graffschaaft weisse Rosen auff Epffelbawmen gewachsen und abgebrochen worden.

Ordinari Reichs-Zeitung # 254 vom Juni 1626

 

Deutsch:

In Ascherselben hat sich General Wallenstein mit dem kaiserlichen Gesandten Graf Maximilian von Trautmannsdorf getroffen. Der Inhalt der Verhandlungen wurde nicht bekannt. Danach reiste Wallenstein nach Dresden und wirbt Männer an. Bei Rogatz baut er eine Schiffsbrücke, auch bei Dessau baut er Verteidigungsanlagen auf der östlichen Seite der Elbe. Weiterhin hat er die Vorstadt von Zerbst abbrennen lassen.

Zu Herbstadt in der Grafschaft Heneberg hat sich das Wasser der Pferdeschwemme am 18. Juni in Blut verwandelt. In drei Dörfern der Grafschaft sollen weiße Rosen auf Äpfelbäumen gewachsen und abgebrochen worden sein.

 

Der zerbrochene Schwengel war ja schon ein Zeichen für die Gotteslästerlichkeit des Mordes an einem Katholiken. Aber nun trifft es auch die eroberten Gebiete, Blut im der Pferdetränke, seltsame Blüten, Leute, die sich das übernatürliche Zeug heimlich aneignen.

Und weiter gehts mit Marschnachrichten.

 

Im übrigen:

Auß Prag den 6. Decembris

Von Wien schreibt man jüngst der DeputationsTag zu Ulm sey biß Mirfasten verschoben worden. Es hette auch J. W. Medicus, D. Mannagetta. von Oedenburg dahin geschriben, daß sich unlengst drey Sonnen am Himmel sehen lassen, welches dahin gedeuttet wirdt, daß Höchstgedacht I. F. D. ihren Herrn Vattern succediren und die 3. Cronen als Römische, Ungarische und Böhmische bekommen sollen und dasselbe, weil auch nach undergang der Sonnen, gar zu unnatürlicherweise ein schöner Regenbogen erschinen, alles glücklich von statten gehen würde.

Ordinari Diensttags-Journal # LI vom 17.12.1625

 

Deutsch:

Aus Wien kommt die Meldung, dass das Treffen der Regierungskommissionen zu Ulm auf Mirfasten verschoben worden ist. Der Arzt D. Mannagetta von Ödenburg berichtet, dass vor kurzem drei Sonnen am Himmel gesichtet wurden. Das wird so gedeutet, dass Ihre I.F.D. nach ihrem Vater die drei Kronen des römischen, ungarischen und böhmischen Reiches bekommen wird. Und weil nach dem Untergang der Sonnen ein gar unnatürlicher und schöner Regenbogen erschien, nimmt man an, dass dieser Übergang ohne Zwischenfälle vonstatten gehen wird.

 

I. F. D. ist Ihre Fürstliche Durchlaucht, Prinz Ferdinand, der Sohn des Kaisers, der just zu der Zeit in Ödenburg vom Landtag zum König von Ungarn gekrönt wurde. Die böhmische Krone gab's zwei Jahre später, römisch-deutscher König wurde er 1636. Ja, wenn das mal kein gutes Zeichen war.

Drei Sonnen auf dem Vädersolstavlan von 1630
Die Sonnen befinden sich oben rechts, bei dem Schatten in
der Mitte handelt es sich um einen Zirkumzenitalbogen